Kein Strom für den Weihnachtsmarkt

In der Hochhaussiedlung in Marienfelde schwelt der Frust über den Wegfall sozialer Infrastruktur

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

»Alles ist weg bei uns, wir haben hier nichts mehr«, klagt Erwin Diener. Der 83-Jährige wohnt in der Großwohnsiedlung Waldsassener Straße im Stadtteil Marienfelde des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Erst schloss trotz des Protests der Anwohner*innen die Gaststätte samt Kegelbahn im Keller, weil kein Nachpächter gefunden wurde. Nun müssen die Anwohner*innen auf ihren jährlichen Weihnachtsmarkt im Innenhof der Siedlung verzichten, weil laut Diener die landeseigne Wohnungsbaugesellschaft Degewo, der ein Großteil der Wohnungen in der Siedlung gehört, keinen Strom mehr zur Beleuchtung und Betreibung der Stände zur Verfügung stellen kann. Die Anwohner*innen wollen an diesem Samstag trotzdem einen Weihnachtsmarkt auf die Beine stellen, auch wenn die Stromversorgung fehlt.

»Wir hatten immer Buden bestellt, und dann konnten sich Händler im Quartierbüro anmelden. Es waren schon jedes Jahr so 18 bis 20 Stände«, sagt Diener zu »nd«. Er ist Teil des Mieterbeirats und des Mieterrats, seit 20 Jahren wohnt er in der Hochhaussiedlung und setzt sich schon lange für die Belange der Mieter*innen dort ein. Den Weihnachtsmarkt hat er Jahr um Jahr mitorganisiert. Aber ohne den Strom von der Degewo wäre der Markt fast ins Wasser gefallen. »Wir haben keine Beleuchtung, wir können nichts backen, keine Waffeln, keine Puffer«, sagt Diener. Die Degewo dürfe den Strom aus steuerrechtlichen Gründen nicht zur Verfügung stellen, heißt es.

Nun gibt es deshalb dieses Jahr auch keine angemeldeten Händler*innen und keine Buden, aber die Nachbarschaft will trotzdem am Samstag zusammenkommen und eigene kleine Stände aufbauen – »ein kleiner Notweihnachstmarkt«, wie Diener sagt. »Ich weiß nicht, wie viele am Ende einen Stand machen wollen. Aber einige sind schon auf mich zugekommen.« Immerhin für Glühwein sei gesorgt. Wie groß der Markt dann tatsächlich werde, müsse sich zeigen. »Wenn es am Ende sehr klein ist und nach einer Stunde wieder vorbei, dann ist das auch in Ordnung.«

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Ginge es nur um den Wegfall des Weihnachtsmarktes, wären die Mieter*innen in der Hochhaussiedlung vermutlich nicht ganz so frustriert. Doch der Markt ist nur ein Teil des Problems. »Es gibt eigentlich gar keine Treffpunkte mehr«, sagt Diener. Die Nachbarschaft sei äußerst unzufrieden mit der Schließung der Gaststädte und Kegelbahn, die zuvor viel von den Anwohner*innen genutzt worden sei. Allerdings sei das Essen zuletzt kaum noch genießbar gewesen, und die Räume seien immer weiter verfallen. »Es war alles undicht. Es hat so durch die Fenster gezogen, dass wir drinnen mit unseren Mänteln sitzen mussten.« Trotz allem haben die Nachbar*innen bis zuletzt um ihren sozialen Raum gekämpft, haben eine Kundgebung organisiert, 800 Unterschriften für den Erhalt gesammelt und der Degewo übergeben. »Passiert ist nichts«, sagt Diener.

Doch auch der Stand der nachbarschaftlichen Organisierung selbst bereit ihm Sorgen. »Wir waren mal 100 Aktive, jetzt sind wir vielleicht noch 20«, sagt er. Einen großen Anteil daran habe die Corona-Pandemie. Davor habe es eine Fahrradgruppe, einen Trödelmarkt, ein Mieter*innenfest und vieles mehr gegeben, doch das sei inzwischen großteils zusammengebrochen. »Wir haben immer viel gemacht. Jetzt befinden wir uns wieder im Aufbau«, so Diener.

Elisabeth Wissel aus der Tempelhof-Schöneberger Linksfraktion kennt die Probleme vor Ort. »In den letzten 10 bis 20 Jahren gab es dort sukzessiv einen Abbau von Angeboten«, sagt sie zu »nd«. Läden stünden leer, die Sparkasse habe sich zurückgezogen, die Gaststätte zugemacht. »Es droht eine Verödung, Resignation und leider auch ein Hinwenden zur AfD«, befürchtet die Linke-Politikerin.

Ihre Fraktion hat zusammen mit den Mieter*innen der Hochhaussiedlung einen Runden Tisch ins Leben gerufen, um sich der Probleme anzunehmen und sich bezirkspolitisch für Verbesserungen einzusetzen. »Die Außenbezirke dürfen infrastrukturell nicht vernachlässigt werden, um Menschen gleichberechtigt Chancen für Teilhabe zu ermöglichen. Es müssen Angebote geschaffen werden, dass Menschen sich in ihrem Viertel wohlfühlen.« Das seien unter anderem Kinder- und Jugendangebote, Feste wie der wegfallende Weihnachtsmarkt oder eben Kneipen und Restaurants. Im Vergleich seien die Stadtteile Schöneberg und Friedenau im Bezirk deutlich besser versorgt.

Das landeseigene Wohnungsbauunternehmen Degewo bedauert, dass der Weihnachtsmarkt in der Hochhaussiedlung dieses Jahr nicht zustande komme. »Die Arbeit von Mietendeninitiativen in unseren Quartieren unterstützen wir sehr gerne, wann immer es möglich ist«, sagt Sprecher Stefan Weidelich zu »nd«. Man habe aus steuerrechtlichern Gründen keinen Strom zur Verfügung stellen können, aber angeboten, »etwas zu spenden«, um beispielsweise einen Generator zu zahlen. »Das wurde abgelehnt, leider können wir mehr nicht tun«, so Weidelich.

Auch in Bezug auf die Schließung der Gaststätte sieht sich die Degewo nicht in der Verantwortung. Der Mieter habe aufgrund fehlender Kundschaft gekündigt. »Dies können wir als Vermieter leider nicht beeinflussen. Wir sind aber natürlich dabei, eine Lösung für die Fläche zu suchen«, sagt Weidelich.

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