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Selbständigkeit in der Wirtschaft: Der Ich-AG droht die Pleite

Die wirtschaftliche Lage der Selbstständigen verschlechtert sich zum Jahreswechsel weiter

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Gemüsemann an der Ecke, die Friseurin, deren Geschäft im früheren Wartehäuschen in der Dorfmitte liegt, die Rechtsanwältin in der mondänen Villa mit Elbblick und der Firmeninhaber mit fünf Angestellten haben eines gemeinsam: Sie sind Selbstständige. Mehr als 3,9 Millionen davon zählt das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden. Viele der Selbstständigen kämpfen wirtschaftlich ums Überleben.

Während die Gesamtwirtschaft im Stimmungstief verharrt, sinkt die Stimmung der Selbstständigen weiter. »Sie korrigierten sowohl ihre Beurteilung der aktuellen Lage als auch die Einschätzungen für die künftige Entwicklung weiter nach unten«, erklärt Katrin Demmelhuber vom Ifo-Institut in München. »Damit konnten sie nicht von der Entwicklung in der Gesamtwirtschaft profitieren, die sich auf niedrigem Niveau stabilisiert.«

Für die meisten Wirtschaftsforscher fliegen Selbstständige zudem unterhalb des Radars. Seit August 2021 berechnen immerhin die Münchner Forscher den »Jimdo-Ifo-Geschäftsklimaindex für Selbstständige«. Dieser umfasst sowohl Soloselbstständige als auch Kleinstunternehmer mit weniger als neun Mitarbeitern. Der Index basiert auf einer Zusammenarbeit mit Jimdo in Hamburg, einem Anbieter von Online-Tools für kleine Firmen, und hat laut Katrin Demmelhuber das Ziel, »die Sichtbarkeit der Kleinstunternehmen zu erhöhen«. Neben Jimdo ist auch der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschlands (VGSD) an der Index-Erstellung beteiligt. Befragt werden monatlich 1500 Personen nach der Selbsteinschätzung ihrer Lage.

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Der aktuelle, vor wenigen Tagen veröffentlichte Index zeichnet ein düsteres Bild. Die Geschäftslage der Selbstständigen liegt mit minus 8,0 Punkten im November 11,6 Punkte unterhalb der Gesamtwirtschaft, die Geschäftserwartungen liegen 7,6 Punkte auseinander (minus 28,9 gegen minus 21,3 Punkte). Selbst vom Weihnachtsgeschäft erwarten beispielsweise die kleinen Einzelhändler angesichts der wirtschaftlichen Rahmendaten eher wenig.

Daher ist es laut Jimdo-Gründer Matthias Henze nicht überraschend, dass eine deutlich größere Anzahl von Selbstständigen plant, ihre Investitionen für das Jahr 2024 zu verringern. Diese Zurückhaltung sei ein weiterer Datenpunkt, der zeige, wie schlecht es dem Sektor gehe. »Viele Selbstständige kämpfen ums Überleben und haben daher kaum Spielraum für Investitionen«, erklärt Henze. Jeder sechste Befragte fühle sich sogar in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht. Das entspreche hochgerechnet etwa 660 000 Kleinunternehmern.

Während es im Handwerk durchaus üblich ist, mit und ohne Meisterprüfung eine eigene Firma aufzumachen, basiert die Selbstständigkeit vieler Freiberufler eher auf einer wirtschaftlichen Notsituation. Im Rahmen der Hartz-IV-Reformen war es seit 2003 für Arbeitslose möglich, eine sogenannte Ich-AG zu gründen. Wer sich mit einem Einzelunternehmen selbstständig machte, konnte nebenher Zuschüsse zur Existenzsicherung erhalten. Die Ich-AG fand mehr als drei Jahre lang großen Zuspruch und die Zahl der Selbstständigen stieg auf 4,5 Millionen. Seit 2006 wurden die Zuschüsse aber nur noch dann gezahlt, wenn schon vor diesem Datum ein Anspruch auf die Förderung bestanden hatte. Als Ersatz wurde ein Gründungszuschuss eingeführt, ALG-II-Empfänger konnten dann das sogenannte Einstiegsgeld bei der Arbeitsagentur beantragen.

Im zurückliegenden Jahrzehnt sank die Zahl der Selbstständigen durchgehend. Der Trend dürfte sich fortsetzen. Angesichts des Fachkräftemangels in vielen Berufen werden viele Selbstständige ein Angestelltendasein vorziehen. Immerhin geht jeder Dritte innerhalb der ersten drei Jahre in Konkurs, und zwei von drei kleinen Familienunternehmen scheitern an der Übergabe an die nächste Generation.

Als besonders prekär gilt die Lage vieler Soloselbstständiger, deren Zahl in Deutschland auf rund zwei Millionen geschätzt wird. »Klar: Soloselbstständige sind Unternehmer*innen«, heißt es bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. »Aber sie leben ausschließlich von eigener Arbeit.« Aus gutem Grund organisiere daher Verdi einen solidarischen Zusammenschluss der Erwerbstätigen, »die nichts als ihre Arbeitskraft verkaufen« – unabhängig vom Erwerbsstatus. Verdi sieht sich mit 30 000 Selbstständigen aus den unterschiedlichsten Berufen als die mit Abstand größte Mitgliederorganisation und Selbstvertretung der Selbstständigen.

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