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  • »Die weite Wildnis«

Überleben im Schnee

Lauren Groff entwirft in ihrem Roman »Die weite Wildnis« eine feministische Gegenerzählungzum US-amerikanischen Gründungsmythos

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
Hallo? Wohnt hier jemand?
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Die namenlose, weibliche Hauptfigur in Lauren Groffs neuem Roman »Die weite Wildnis« dürfte eine der einsamsten Figuren der Weltliteratur sein. Die junge Dienstmagd einer englischen Lady flieht Anfang des 17. Jahrhunderts aus dem Palisadenbewehrten Fort Jamestown, irrt durch die spätwinterlichen Wälder Virginias und ist ganz auf sich allein gestellt.

Ihre Flucht hat vor allem mit dem Hunger und der autoritären Ordnung in der ersten englischen Siedlung Nordamerikas zu tun. Diese entstand 1607 und ist fester Bestandteil der amerikanischen Erinnerungskultur und gilt auch als Keimzelle des britischen Weltreichs. Diese große Weltgeschichte kontrastiert radikal mit den Erlebnissen der jungen Frau, die auf der winterlichen Flucht ums nackte Überleben kämpft. Sie hat Angst davor, wieder nach Jamestown zurückgebracht zu werden. Das Leben der ersten englischen Siedler in Amerika zu Beginn des 17. Jahrhunderts war hart und entbehrungsreich und wird in der englischsprachigen Geschichtsschreibung als »Starving Time« (Zeit des Hungers) bezeichnet. Unter den Siedlern breitete sich auch eine Pockenepidemie aus, an der viele starben. Dies alles inszeniert Lauren Groff in ihrem neuen Roman auf geradezu verstörende Weise.

Die 1978 geborene und in Florida lebende Autorin verknüpft in ihren Romanen sehr geschickt reale Geschichte und literarische Fiktion, beispielsweise in ihrem von der Kritik überschwänglich gefeierten Roman »Matrix« (2022) über die mittelalterliche französische Dichterin Marie de France. Und so steht auch im Zentrum von »Die weite Wildnis« eine Frau, die gegen Widerstände und drohende Gefahren kämpfen muss. Auf 300 Seiten irrt Groffs Heldin durch das endlos scheinende Nordamerika. In Rückblenden erfährt man sukzessive etwas über ihre Vergangenheit. In London auf der Straße ausgesetzt, landet sie im Waisenhaus und kommt im Alter von fünf Jahren zu ihrer Herrin, für die sie ein Baby versorgen muss. In jenen Jahren wütet die Pest in London. Das Dienstmädchen überlebt ein ums andere Mal die Epidemien, sieht aber viele Menschen sterben. Schließlich wird sie von ihrer Herrin in die Neue Welt mitgenommen, wo überhaupt nichts so strahlend und großartig ist, wie es angeblich sein sollte.

»Die weite Wildnis« ist eine radikale Gegenerzählung zum amerikanischen Gründungsmythos. Statt männlicher Heldenfiguren, die vermeintlich neues Land entdecken und die dortigen Einwohner mit ihrem christlichen Glauben missionieren, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, ist die ganze Präsenz der weißen Eroberer vom Scheitern gekennzeichnet. Die Siedler erdulden Hunger, Krankheit, Tod und erleben blutige Auseinandersetzungen mit den indigenen Gruppen, denen gegenüber sie sich feindlich und gewalttätig verhalten.

Groff erzählt eindringlich und ungeschminkt von einer autoritären und gewaltförmigen Ordnung, in der auch das junge Dienstmädchen feststeckt und aus der es sich befreit, um dann einsam, verlassen und verzweifelt durch eine für es lebensfeindliche Wildnis zu irren. Alles, was sie hat, ist ein Feuerstein, ein Beil, Stiefel, die sie in Fort Jamestown gestohlen hat, und eine Decke, die bald auch vom Lagerfeuer angesengt wird.

Immer wieder träumt die verzweifelte jugendliche Pionierin von einem jungen Matrosen, in den sie sich bei der Überfahrt verliebt hat, der aber bei einem Sturm ums Leben gekommen ist. Der Horror der Erinnerungen an die Pest, die Schläge und die sexuellen Übergriffe, die sie in London erleiden musste, vermischt sich mit der Angst vor wilden Tieren, dem Hunger und der Sorge, für immer allein zu bleiben. Die Frage, ob sie überhaupt auf jemanden treffen wird oder nicht, zieht sich als roter Faden durch diesen Roman, der bis zur letzten Seite sehr spannungsgeladen bleibt. Die junge Frau zweifelt immer stärker an allen Gewissheiten, auch an Gott, was für ihre Zeit ein radikaler Schritt ist. Das Vorhaben, die Welt zu erobern, sie sich untertan zu machen, kommt ihr immer absurder vor. Mit dieser ums Überleben kämpfenden Einsiedlerin, die fiebernd durch die Neue Welt marschiert, hat Lauren Groff eine außergewöhnliche literarische Figur geschaffen, die dem amerikanischen Gründungsmythos eine ganz neue Perspektive hinzufügt.

Lauren Groff: Die weite Wildnis. A. d. amerik. Engl. v. Stefanie Jakobs. Claasen, 288 S., geb., 25 €.

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