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FC Bayern München: Auch die Ära Thomas Tuchel fällt aus

Der Fußball-Rekordmeister trennt sich zum Saisonende von seinem Trainer und sucht eine sportliche Neuausrichtung

  • Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 4 Min.
Die nächste Enttäuschung in München: Trainer Thomas Tuchel muss den FC Bayern zum Saisonende verlassen.
Die nächste Enttäuschung in München: Trainer Thomas Tuchel muss den FC Bayern zum Saisonende verlassen.

Als die Eilmeldungen am Mittwoch über die Ticker liefen, dass der FC Bayern sich am Saisonende vorzeitig von Thomas Tuchel trennen wird, hielt sich der Nachrichtenwert zumindest gefühlt in Grenzen. Denn dass die Ehe zwischen dem deutschen Fußball-Rekordmeister und dem 50 Jahre alten Cheftrainer längst eine sehr unglückliche ist, war spätestens durch die zuletzt drei Niederlagen in Serie inklusive aller Begleiterscheinungen offensichtlich geworden.

Nun steht die unvermeidliche offizielle Trennung fest: Thomas Tuchel muss ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages schon wieder gehen, nach dann gerade einmal rund 15 Monaten in München. In seiner Bilanz stehen bisher elf Niederlagen in 44 Pflichtspielen und nur ein Titel – die buchstäblich in letzter Minute und auch nur Dank des damaligen Dortmunder Patzers beim Remis gegen Mainz erreichte Meisterschaft 2023.

»Wir sind in einem offenen, guten Gespräch zu dem Entschluss gekommen, unsere Zusammenarbeit zum Sommer einvernehmlich zu beenden«, wurde Vorstandschef Jan-Christian Dreesen in der Presseerklärung zitiert. Verschickt wurde das Kommuniqué vom FC Bayern, als Tuchels Trainingseinheit gerade begonnen hatte. Die Begründung formulierte Dreesen in der Mitteilung wie folgt: »Unser Ziel ist es, mit der Saison 2024/25 eine sportliche Neuausrichtung mit einem neuen Trainer vorzunehmen.« Bis dahin sei jeder »ausdrücklich gefordert, um in der Champions League und in der Bundesliga das maximal Mögliche zu erreichen. Hierbei nehme ich auch explizit die Mannschaft in die Pflicht.«

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Dreesen verwies vor allem auf das Achtelfinale der Champions League. Im Hinspiel hatten die Münchner in der vergangenen Woche 0:1 gegen Lazio Rom verloren, nach der 0:3-Niederlage bei Bayer Leverkusen und vor der 2:3-Niederlage in Bochum. Sie seien »überzeugt«, dass sie im Rückspiel am 5. März in der eigenen Arena »mit unseren Fans im Rücken ins Viertelfinale einziehen werden«, sagte Dreesen nun.

In der Bundesliga haben die Bayern vor dem Spiel am kommenden Sonnabend gegen RasenBallsport Leipzig acht Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Leverkusen. Noch den zwölften Meistertitel in Serie zu gewinnen, erscheint unrealistisch. Im DFB-Pokal sind die Münchner längst ausgeschieden – beim Drittligisten Saarbrücken. Das wahrscheinliche Szenario ist die erste titellose Saison seit zwölf Jahren. Bis zum Sommer hoffen die Bayern, eine tragfähige Trainerlösung zu finden, auch mit Hilfe von Max Eberl, der am Montag auf der Aufsichtsratssitzung als neuer Sportvorstand eingesetzt werden soll. Bisher gibt es über mögliche Nachfolger für Tuchel nur Spekulationen.

Tuchel wurde ebenfalls in der Mitteilung zitiert – und es erzählte einiges, dass im Gegensatz zu Dreesens ausführlichen Einlassungen nur zwei schmale Sätze vom Chefcoach übermittelt wurden: »Wir haben vereinbart, dass wir unsere Zusammenarbeit nach dieser Saison beenden. Bis dahin werde ich mit meinem Trainerteam selbstverständlich weiter alles für den maximalen Erfolg geben.« Schon aus Selbstschutz dürfte er einen halbwegs versöhnlichen Abschied aus München anstreben. Ob das gelingt, lassen die sportlichen Probleme und Spannungen im Binnenklima zwischen Trainer und Mannschaft bezweifeln.

Beim FC Bayern hoffen sie darauf, dass der Entschluss zur Trennung eine befreiende Wirkung entfaltet und sich die Zweckgemeinschaft zusammenrauft, schon aus dem jeweiligen Eigeninteresse und sportlichen Ehrgeiz heraus. Falls die Krise anhalten sollte, lässt sich wohl auch ein früherer Abschied von Tuchel nicht völlig ausschließen. Der Trainer geht jedenfalls als »lame duck« ins letzte Saisondrittel. Die Ära Tuchel fällt damit ebenso aus wie die zuvor angedachte und sehr plötzlich beendete Ära Julian Nagelsmann, der auf die knapp 20-monatige Amtszeit von Hansi Flick gefolgt war. Der letzte Trainer, der beim FC Bayern mindestens zwei Saisons lang im Amt verweilte, hieß Pep Guardiola. Der Katalane blieb sogar volle drei Jahre, ehe er sich 2016 zu Manchester City verabschiedete. Seither stehen in der Münchner Trainerliste sieben Namen in acht Jahren.

Der heutige Bundestrainer Julian Nagelsmann war 2021 als großer Hoffnungsträger gekommen und bei Leipzig für angeblich mehr als 20 Millionen Euro ausgelöst worden, ehe er einen Fünfjahresvertrag unterschrieb. Er sollte den FC Bayern prägen mit einer attraktiven Spielweise, Titelgewinnen und seiner jugendlichen Frische. Doch das damalige Führungsduo mit Vorstandschef Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic beendete die Ära Nagelsmann, ehe sie richtig begonnen hatte – obwohl noch in allen drei Wettbewerben die Chancen auf den Titel gegeben waren.

Kurioserweise wäre die damalige Begründung, der Trainer habe die Kabine verloren, bei Tuchel nun deutlich stimmiger. Zu Nagelsmanns Aus im März 2023 hatte zudem maßgeblich beigetragen, dass Tuchel verfügbar war. »Was willst du?«, habe Tuchel damals gefragt, berichtete Salihamidzic über das erste Telefonat. Er habe geantwortet: »Wenn du keinen Bock hast, dann leg auf.« Kahn und Salihamidzic sind längst Geschichte. Jetzt haben die aktuell Verantwortlichen des FC Bayern keinen Bock mehr auf Tuchel. Zumindest das beruht wohl durchaus auf Gegenseitigkeit.

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