Roman »James«: Antirassistische Austreibung

Percival Everett traut sich in seinem neuen Roman »James« an Mark Twains Klassiker Huckleberry Finn heran und liefert eine rassismuskritische Version

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 5 Min.
Ließe sich Mark Twains Klassiker »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« anders erzählen? Eine Szene aus dem US-Film »The Adventures of Huckleberry Finn« (1960)
Ließe sich Mark Twains Klassiker »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« anders erzählen? Eine Szene aus dem US-Film »The Adventures of Huckleberry Finn« (1960)

Kaum ein Buch löste in den vergangenen Jahren im US-amerikanischen Kulturbetrieb solche Debatten aus wie Mark Twains »Die Abenteuer des Huckleberry Finn«. Der erstmals 1884 veröffentlichte Roman, in dem der Titel gebende junge Huck zusammen mit dem entflohenen Sklaven Jim den Mississippi hinunterfährt, ist Mark Twains erfolgreichstes Buch. Während einige in dem in den Südstaaten der 1830er Jahre angesiedelten Roman substanzielle Kritik an der Sklaverei ausmachen, gilt vielen das Buch als zutiefst rassistisch. Dabei wird stets darauf verwiesen, dass das Wort »Nigger« mehr als 200-mal im Text auftaucht. Mittlerweile gibt es sogar eine Ausgabe, die auf das N-Wort verzichtet. Der eine oder andere dürfte sich an die Debatten rund um Astrid Lindgrens »Pippi Langstrumpf« erinnert fühlen. Aber die ganze Darstellung Jims im Roman von Mark Twain als kaum sprech- geschweige denn handlungsmächtige Figur, die sich ganz auf Huckleberry Finn als jungen weißen Hans Dampf in allen Gassen verlassen muss und ihm treu ergeben ist, stellt trotz expliziter Kritik an der Sklaverei die rassistische zwischenmenschliche Hierarchie kaum infrage, sondern reproduziert sie fortwährend.

Aber ließe sich denn Twains Klassiker, der gerne als einer der ersten modernen Romane Amerikas abgefeiert wird, auch anders erzählen? Jetzt hat sich Percival Everett an den Stoff herangetraut, ihn radikal bearbeitet und legt mit »James« ein außergewöhnliches und empowerndes Buch vor. Für den 68-jährigen Percival Everett, dem zuletzt die rassismuskritische Zombie-Geschichte »Die Bäume« (2021) eine Nominierung für den renommierten Booker Prize einbrachte und dessen Roman »Ausradiert« (2001) als Filmadaption »American Fiction« für fünf Oscars nominiert war, ist »James« der 24. Roman seiner schriftstellerischen Karriere, in der er sich immer wieder mit dem politischen, sozialen und kulturellen Selbstverständnis der schwarzen Communitys beschäftigte. Hatte Everett bisher seinem Independent-Verlag Graywolf Press die Treue gehalten, hat sich der Doubleday-Verlag angeblich für 500 000 Dollar die Rechte an seiner rassismuskritischen Twain-Bearbeitung gesichert, die in den USA zeitgleich zur deutschen Ausgabe erscheint, dort in den Feuilletons aber vorab schon reichlich Beachtung fand. Denn Everetts aus der Sicht des Sklaven Jim erzählte Geschichte unterscheidet sich deutlich von Twains Roman.

Das beginnt schon bei der Sprache. In Twains Original kann Jim gerade so radebrechend in seinem Sklavenslang sprechen. Diesen Slang benutzen Jim und andere Sklaven auch in »James«, aber sobald keine Weißen in der Nähe sind, reden sie ganz normal. »Nuschelt irgendetwas, das verschafft ihnen die Genugtuung, euch sagen zu können, dass ihr nicht nuscheln sollt. Sie genießen es, euch zu verbessern und zu glauben, dass ihr dumm seid«, erklärt Jim seiner Tochter Sadie. Jim kann außerdem lesen und schreiben und verbringt, ohne dass es jemand wissen darf, Zeit in der Bibliothek von Richter Thatcher, dem Nachbarn von Hucks Ziehmutter, wo er vor allem Voltaire, aber auch Locke liest und sich immer wieder über die rassistische Grundhaltung der Philosophen der Aufklärung ärgert. Als Jim und der aus einfachen Verhältnissen stammende Huck, der panische Angst vor seinem prügelnden und plötzlich wieder auftauchenden Vater hat, gemeinsam fliehen, ist Jim der kühle Kopf dieses Unternehmens und nicht das ängstliche, passive Anhängsel wie in Twains Roman. Everett übernimmt zwar viele Motive und Figuren aus dem Original, biegt aber mit seiner Handlung irgendwann komplett ab und entwickelt seine ganz eigene Geschichte von Jims Flucht.

Die Freunde Huck und Jim werden während ihrer Reise den Mississippi hinunter schließlich voneinander getrennt und Jim verdingt sich unter anderem als Minstrel-Sänger bei einer Truppe weißer Männer, die sich mit Schuhcreme das Gesicht schwärzen und vermeintlich den Gesang und Tanz schwarzer Sklaven karikieren. Diese Möchtegern-Kritiker der Sklavengesellschaft entpuppen sich aber schließlich als die schlimmsten Rassisten überhaupt. Jims Arbeit in einer Sägemühle – die taucht auch bei Twain auf – wird zum Albtraum rassistischer Gewalt und Ausbeutung inklusive Auspeitschungen und der Vergewaltigung eines jungen Mädchens. Die Sklaverei wird hier – im Gegensatz zu Twains Buch – als widerwärtiges und brutales Herrschaftssystem auf verstörende Weise in Szene gesetzt. Das erinnert mitunter fast schon an Filme wie »Django Unchained« oder »Emancipation«. Aber das alles mündet schließlich in ein verblüffend empowerndes Finale, das absolut nichts von dem harmlos wirkenden Happy End in Twains Roman hat, wo Jim ja am Ende die Freiheit geschenkt wird. In Percival Everetts »James« gibt es nichts geschenkt. Zwar hält Huck solidarisch zu Jim, aber für seine Freiheit muss der versklavte Jim in diesem Roman bis zum Äußersten kämpfen. Dabei kommen viele andere, die ihm unterwegs bei seiner Flucht helfen, ums Leben.

»James« erzählt eine wirklich verstörende, tragische und stellenweise ungemein brutale Geschichte, die trotzdem mit Ironie aufwartet und dem sozialen Gegenstand dieser Odyssee gerecht wird, anstatt sie mit regional-historischen Bonmots aus dem Südstaaten-Universum auszukleiden. Dabei geht es auch immer wieder um die Frage, wie Schwarz-Sein definiert wird, welche sozialen und kulturellen Codes fester Bestandteil der unterdrückerischen Herrschaft und der Sklaverei sind. Denn auf seinem Weg begegnen Jim mehrmals schwarze Menschen, die nicht als schwarz gelten; also als weiß durchgehen oder »passen«, wie das im amerikanischen Englisch genannt wird. Schwarz zu sein und Sklave zu sein, stellt Jim fest, wird durch die Peitsche und durch die rassistischen sozialen und kulturellen Zuschreibungen hergestellt. Am Ende der Geschichte entwickelt Jim aber jene Handlungsmacht, die es bei Twain für diese Figur einfach nicht gibt. Insofern ist dieses großartige und bis zur letzten Seite spannende und im Finale sehr überraschende Buch wie eine überfällige Austreibung des rassistischen Erbes in Mark Twains Werk.

Percival Everett: »James«, Hanser-Verlag, 336 S., geb., 26 €.

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