»Demons are Forever«: Freakshow auf der Leinwand

Mit »Demons are Forever« setzt der dänische Regisseur Ole Bornedal seinen Serial-Killer-Thriller »Nightwatch« fort

  • Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Psychopathen reiben sich mit Blut ein, donnern ihren Kopf gegen Sicherheitsglas und lachen ununterbrochen irre.
Psychopathen reiben sich mit Blut ein, donnern ihren Kopf gegen Sicherheitsglas und lachen ununterbrochen irre.

Beim Wiedersehen des ersten »Nightwatch«-Films befallen einen unmittelbar nostalgische Gefühle. Ole Bornedals Regiedebüt kam 1994 in die Kinos und war erst einmal ein damals gängiger Serial-Killer-Thriller: ein Whodunit-Plot, eine Psychopathen-Parade sondergleichen und abenteuerliche Plotvolten, deren Plausibilisierung beim sehr guten Cast lag. Wenn man es den Schauspieler*innen nicht abnnahm, glaubte man das alles gar nicht, und es wirkte unfreiwillig komisch, verstärkt durch die bewusst komödiantischen Untertöne des Films. Wenn man die gewagten Plottwists und das furios übersteuerte Finale aber mitging, bekam man einen latent überdrehten Thriller mit latenten Kink-Untertönen (Sex in der Leichenhalle) und einem misogynen Subtext, bei dem nicht ganz klar war, ob er affirmativ gedacht war oder kritisch.

Zumindest beim letzteren Punkt schafft Bornedals spätes, unerwartetes und bislang wohl auch von niemandem wirklich vermisstes Sequel »Nightwatch: Demons are Forever« Klarheit, in dem es den männlichen Helden des ersten Films durch eine Heldin ersetzt. Wobei ersterer immer noch durch die Szenerie springt. Martin (Nikolaj Coster-Waldau) ist von den Ereignissen auch 30 Jahre später noch schwerst traumatisiert. Die Hauptrolle aber spielt jetzt seine Tochter Emma (gespielt von der Tochter des Regisseurs, Fanny Leander Bornedal). Und wie es sich für eine Traumageschichte gehört, wird es erst einmal Wesentliches wiederholt, zwanghaft: Emma studiert Medizin wie ihr Vater und übernimmt den Nachtwächterjob in derselben Leichenhalle wie er. Um dann auch schnell mit demselben Serienmörder zu tun zu bekommen, dem nekrophilen Psychopathen Wörmer (Ulf Pilgaard).

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Der hatte 1994 Emmas Mutter und ihren Vater in der Leichenhalle zu zersägen versucht. Inzwischen sitzt er in einer psychiatrischen Klinik. Emma macht sich auf die Suche, um das Trauma zu verstehen und aufzudecken. Und stößt damit eine neue Mordserie an. Wörmer aber kann nicht der Täter sein, weil er eben in der Geschlossenen sitzt und außerdem erblindet ist.

Soweit die an sich schon etwas gewagte Ausgangslage, die das Skript von Bornedal dann immer weiter ins Unplausible treibt. Man kann die Auflösung und den Weg dahin nicht zusammenfassen, ohne massiv zu spoilern. Aber wo der erste »Nightwatch«-Film die Grenze des innerhalb der Genrekoordinaten Plausiblen nicht verletzte, überschreitet das Sequel sie immer wieder mit Karacho.

Was man nicht unbedingt gegen den Film wenden muss. Die Übersteuerung des Plotverlaufs findet ihre Entsprechung in der Freakshow auf der Leinwand. Psychopathen reiben sich hier noch mit Blut ein, donnern ihren Kopf gegen Sicherheitsglas und lachen ununterbrochen irre. Auch in diesem Sinne versprüht »Nightwatch: Demons are Forever« einen recht bezaubernden Neunzigerjahre-Retrocharme. Und steht weniger in einer Reihe mit aktuellen Genreerzeugnissen, sondern mit »Copycat«, »Denn zum Küssen sind sie da« und dem über allem thronenden »Schweigen der Lämmer«. Alles Filme, die, wie »Nightwatch« (beide Teile) eben auch, inzwischen sehr campy und auf eine unfreiwillig komische Weise over the top wirken.

Ein guter Film im strengen Sinne ist »Nightwatch: Demons are Forever« also nicht geworden. Aber langweilig ist er zu keiner Minute, immer ist was los. Das Finale endet im Vergleich zum ersten Teil etwas abrupt. Damals musste sich noch jemand selbst den Daumen absägen, um den Killer zu erlegen. Heute genügt eine kurze Schießerei. Bis dahin aber herrscht auf der Leinwand unterhaltsamer Exzess.

»Nightwatch: Demons Are Forever«, Dänemark 2023. Regie und Buch: Ole Bornedal. Mit: Nikolaj Coster-Waldau, Fanny Leander Bornedal, Ulf Pilgaard, Kim Bodnia. 113 Min. Kinostart: 16. Mai.

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