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Maro Verlag: »Der Sound der Hefte ist gut«

Ein Wahnsinn, aber sehr wertvoll: Der Maro Verlag erklärt seine »Maro Hefte« – ein Gespräch mit Benno und Sarah Käsmayr

Nicht sehr kapitalistisch kalkuliert: Die »Maro Hefte«
Nicht sehr kapitalistisch kalkuliert: Die »Maro Hefte«

Die Zeitungen klagen, die Verlage klagen – Sie nicht. Alle sagen, Print ist am Sterben, aber Sie verlegen ein hochwertiges Printprodukt: die Reihe »Maro Hefte«. In jeder Ausgabe gibt es einen Text und Bilder zu einem bestimmten Thema. Und trotzdem kostet so ein Heft nur 16 Euro. Haben Sie zu viel Geld?

Benno Käsmayr: Nein, im Gegenteil. Das bräuchten wir eigentlich dafür. Das Geld ist chronisch zu wenig. Auch die Hefte tragen sich nur gerade so.

Warum machen Sie dann ausgerechnet Hefte? Sie sind dünner als ein Buch und stehen im Ruf des Vergänglichen.

Sarah Käsmayr: Ja, die Heftform liegt vor allem an unserem grundsätzlichen Konzept, nämlich dass wir Essays mit Illustrationen verbinden. Wir veröffentlichen längere Texte zu politischen, feministischen oder tabubehafteten Themen. Es gibt zum Beispiel eines über das sogenannte Jungfernhäutchen, das es so nicht gibt, eines über Verschwörungsdenken, eines über den Weg, den die Fäkalien von der Kloschüssel aus in den Wasserkreislauf nehmen.

In so einem Heft steht also deutlich mehr als in einem Zeitungsartikel.

Sarah Käsmayr: Ja, und trotzdem ist es noch lange kein Sachbuch. Man kann in ein Thema eintauchen und erfährt schon relativ viel, muss jedoch kein ganzes Buch wälzen.

Interview

Den Augsburger Maro Verlag gibt es seit über 50 Jahren. Er entdeckte Autoren wie John Fante, Charles Bukowski, Jörg Fauser, Uli Becker und setzte sie in der Bundesrepublik durch. Seit vier Jahren erscheinen dort die »Maro Hefte«. Kapitalistisch betrachtet dürfte es sie eigentlich gar nicht geben. Benno Käsmayr (Jahrgang1948) gründete 1970 den Verlag, den er heute gemeinsam mit seiner Tochter Sarah Käsmayr (Jahrgang 1987) führt.

Aber Bücher machen Sie auch noch.

Sarah Käsmayr: Ja, wenn die Buchform zum Inhalt passt. Wir verlegen auch Romane, Kurzgeschichten und Lyrik. In den 32 Seiten eines jeden Maro Hefts steckt übrigens mehr Arbeit als in jedem Roman, den wir bereits als fertiges Manuskript angeboten bekommen.

Tatsächlich?

Sarah Käsmayr: Ja. Die Themen überlegen sich mein Mitherausgeber Kolja Burmester und ich. Als erstes fragen wir uns immer: Was würden wir gerne mal genauer unter die Lupe nehmen? Und dann: Wer könnte dazu schreiben, wer zeichnen? Dazu kommt unser starkes Faible für schön gestaltete Druckprodukte.

Sie haben mit der Reihe »Maro Hefte« 2020 begonnen, als der Verlag fünfzig wurde. War das ihr Geburtstagsgeschenk?

Benno Käsmayr: Es hat sich so ergeben, war aber wohl ein guter Aufhänger für die Presse. Die Hefte sind auf jeden Fall ein feierliches Produkt. Und außerdem eine Hommage an die Reihe »Die tollen Hefte«, die es in den 90er Jahren bei Maro gab, herausgegeben von Armin Abmeier. Sie waren optisch wie die jetzige Essay-Reihe, aber hatten Kurzgeschichten, Gedichte oder Ähnliches zum Inhalt – wunderbar gestaltet von Zeichnern und Illustratorinnen.

Es geht auch anders

Der tägliche Strom an Nachrichten über Krieg, Armut und Klimakrise bildet selten ab, dass es bereits Lösungsansätze und -ideen, Alternativprojekte und Best-Practice-Beispiele gibt. Wir wollen das ändern. In unserer konstruktiven Rubrik »Es geht auch anders« blicken wir auf Alternativen zum Bestehenden. Denn manche davon gibt es schon, in Dörfern, Hinterhöfen oder anderen Ländern, andere stehen bislang erst auf dem Papier. Aber sie zeigen, dass es auch anders geht.

Jeden Sonntag schon ab 19 Uhr in unserer App »nd.Digital«.

Waren »Die tollen Hefte« damals schon eine Art Luxusprodukt, das sich Maro leisten wollte?

Benno Käsmayr: Nein. Damals hatte Maro noch eine eigene kleine Offsetdruckerei. Wir hatten also die Produktionsmittel im Haus, konnten die Druckplatten selbst montieren und belichten. Das war sehr sinnvoll, denn größere Druckereien hatten schon damals Probleme mit dieser speziellen Form der Produktion. Die Herstellung ist besonders, weil wir die Hefte mit Sonderfarben drucken. Die ganze Welt druckt vierfarbig. Mischungen aus vier Farben, die man von früh bis abends in der Werbung oder in der Zeitung oder sonstwo sieht: CMYK – Cyan, Magenta, Yellow und Black. Und dann kommen wir und sagen: Wir wollen mit fünf Echtfarben drucken. Damit sind wir eigentlich als Kunde schon einer, der im Ablauf stört und nervt.

Sarah Käsmayr: Aber das Stören zahlt sich aus. Wenn die Leute unsere Hefte zum Beispiel an einem Messestand sehen, fällt vielen auf, dass sie etwas anders aussehen. Sie können nicht unbedingt benennen, warum. Das liegt an den Sonderfarben, die ungewohnte Farbmischungen ergeben.

Benno Käsmayr: Unsere normalen Sehgewohnheiten sind durch diese vier Farben sozusagen kaputt gemacht worden. Obwohl es Millionen Farbtöne gibt, kennen wir nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, weil CMYK als Standard verwendet wird. Wenn wir jetzt mit einem besonderen Gelb kommen, dann springt es den Leuten ins Auge.

Und wenn die Druckerei die Sonderfarben aufs Papier gebracht hat, wie geht es dann weiter?

Benno Käsmayr: Dann geht der Innenteil des Heftes zum Buchbinder.

Für eine Fadenheftung, die es fast nicht mehr gibt.

Benno Käsmayr: Ja, für eine Faden-Knoten-Heftung, um genau zu sein.

Sarah Käsmayr: Wie früher die Schulhefte gebunden wurden. So eine Heftung für unsere 32 Seiten ist in etwa so teuer wie die Fadenheftung eines Hardcover-Romans mit 240 Seiten. Die Bindung allein kostet 1,30 € pro Heft und sie wird auch kaum günstiger, wenn wir eine höhere Auflage drucken.

Warum nicht?

Sarah Käsmayr: Weil jedes Heft einzeln in die Hand genommen wird und in die Maschine eingelegt werden muss, damit der Faden durchgestochen werden kann. Das ist Handarbeit, die kann man nicht beschleunigen.

Und was passiert mit dem Schutzumschlag?

Benno Käsmayr: Der geht von der Druckerei direkt zu Maro, wo ich ihn schon vorbereite und darauf warte, dass der Innenteil vom Buchbinder kommt. Wir machen die Hefte sozusagen on demand fertig. Also wenn wir zum Beispiel eine 2000er-Auflage in Auftrag geben, dann konfektionieren wir jeweils so viele Hefte, wie wir momentan brauchen. Ich habe noch einen Mitarbeiter aus der Druckerei-Zeit, der für uns heute noch als Minijobber arbeitet, der kann das Falzen der Schutzumschläge aus dem Effeff.

Einen Schutzumschlag falzen, ist das denn so schwierig?

Benno Käsmayr: Ja, es muss nämlich passen. Die Klappen können wir mit der Falzmaschine vorfalzen, aber man muss sie noch mal mit der Hand nachfalzen, damit es wirklich ein sehr schöner Falz wird.

Papier lebt! Ein Blick in die Werkstatt des Maro Verlags: Neben dem gelben Rolltisch steht die Falzmaschine.
Papier lebt! Ein Blick in die Werkstatt des Maro Verlags: Neben dem gelben Rolltisch steht die Falzmaschine.

Ein schöner Falz?

Sarah Käsmayr: Keinen spitzen Falz, sondern einen mit etwas Luft. Den am Heftrücken machen wir ganz von Hand. Er muss nahezu halbrund sein, sodass er sich schön ums Heft schmiegt. Der Schutzumschlag darf auch nicht zu eng sein, denn dann würde es spannen: Hinten brauchen wir einen halben Millimeter Spiel, damit das Plakat, das zu jedem Heft gehört, beigelegt werden kann.

Kann man diese Heftproduktion mit der Herstellung von Vinyl-Schallplatten vergleichen? Jetzt, da wieder mehr Schallplatten verlangt werden, kann man nicht mehr so viele herstellen, weil die Maschinen dafür fehlen. Es gibt kaum noch Presswerke, weil die meisten schon vor Jahren dicht gemacht haben.

Benno Käsmayr: Nein, denn auch wenn es nicht mehr so viele sind, gibt es insgesamt noch genug Maschinen. Das Dilemma bei uns ist, dass auch bei höheren Auflagen die Produktion unserer Hefte in keiner Weise billiger wird, da so viele Handarbeitsschritte dabei sind.

Dann sind 16 Euro Verkaufspreis doch ein sehr freundlicher Preis.

Sarah Käsmayr: Ja, die Hefte sind eigentlich zu billig, wenn man kapitalistisch-vernünftig kalkulieren würde. Wir zahlen neben der Produktion, also Papier, Druck und Bindung, außerdem die Honorare – an den Menschen, der schreibt, und an den, der zeichnet, und der Herausgeber kriegt eine monatliche Armutspauschale. Wir leisten uns die teure Herstellung trotzdem, weil wir das so wollen. Vielleicht ist hier doch die Parallele zum Vinyl angebracht. Man könnte sagen: Der Sound der Hefte ist gut.

Ja, das kann man so sagen. Ein Sound für die Augen. Vielleicht sind sie eigentlich etwas für den Kunstmarkt?

Sarah Käsmayr: Vielleicht. Aber wir sind damit auf dem Literaturmarkt unterwegs, in dem alle Menschen schlecht bezahlt werden: Autor*innen, Übersetzer*innen, Illustrator*innen etc. Und trotzdem stehen manche Leute in der Buchhandlung und sagen: »Was, das Buch soll jetzt 20 € kosten, das ist viel zu teuer!« Man kann als unabhängiger Verlag von den Verkäufen kaum leben.

Die großen Verlage aber schon.

Benno Käsmayr: Das ist einfach eine andere Riege, die Vergleiche hinken alle.

Und mit welchen Tricks arbeiten Sie, damit Sie überleben können?

Sarah Käsmayr: Ich bin ja Grafikerin und mache noch nebenher Layout-Jobs. Und wir haben zwar keine Offsetdruckerei mehr, aber noch die Werkstatt: die Schneidemaschine, die Falzmaschine und eine Bindemaschine. Mein Papa bearbeitet hier immer noch Aufträge, also bietet anderen Leuten Dienstleistungen an.

Benno Käsmayr: Die Kalkulation ist im Grunde, dass die Miete, die wir bezahlen, durch Dienstleistungen abgedeckt ist. Das klappt mal mehr, mal weniger. Ich bin jetzt 76 Jahre alt und mit dem Stemmen von 25-Kilo-Paketen tu' ich mir inzwischen schwerer. Aber wir haben viel Know-how. Wenn zu mir jemand mit einem Riesenstapel Bilder und einer Word-Datei kommt, dann kann ich ihm ein vorzeigbares Buch daraus machen.

In den 70er Jahren war es besser, auch weil die Druckerei noch da war?

Benno Käsmayr: Es war ein Geben und Nehmen zwischen Druckerei und Verlag. Wir hatten Zeiten, wo die Druckerei relativ profitabel war, weil wir damals in der Technik einen kleinen Vorsprung hatten. Und dann hatten wir zwischendurch auch Autoren, die eine entsprechende Auflage erzielt haben, sodass wir mit dem Geld, was wir im Verlag verdient haben, auch in die Druckerei investierten. Das war eine Synergie, weil wir unsere eigenen Sachen überwiegend selbst herstellen konnten. Wir waren auch so ein Betrieb, in dem es wenig Hierarchien gab.

Ein sozialistischer Betrieb?

Benno Käsmayr: Nein. Das war meine Bestrebung ganz am Anfang. Ich wollte die Leute an der Firma beteiligen, doch sie haben alle abgelehnt. Keiner wollte.

Stattdessen wurde Maro ein Familienunternehmen von Vater und Tochter?

Benno Käsmayr: Es gibt auch noch Gabriel, der mit Computern sehr gut umgehen kann.

Sarah Käsmayr: Das ist mein kleiner Bruder.

Ist der auch Grafiker?

Benno Käsmayr: Er hat Geschichte und Politik studiert, aber er hat sich nebenbei das Programmieren beigebracht. Das macht er jetzt hauptberuflich.

Sarah Käsmayr: Und nebenbei - zum Glück - für uns die Website.

Waren die alten »Tollen Hefte« eigentlich auch so aufwendig?

Benno Käsmayr: Ja. Ich habe die ersten Hefte nach Feierabend persönlich gedruckt, denn das konnte ich im Betriebsablauf nicht gut unterbringen. So ein »Tolles Heft« hat dann oft zwei Wochen gedauert.

Sarah, haben Sie denn damals nicht gedacht: Was mein Papa da macht, ist doch Irrsinn, das kostet so viel Zeit. Und jetzt machen Sie das selbst.

Benno Käsmayr: Das junge Mädchen hat nur ein Fax geschickt, auf dem stand: »Papa, wann kommst du nach Hause?«

Sarah Käsmayr: Das stimmt. Fast jeden Tag haben wir irgendwann ein Fax in den Verlag geschickt und gefragt, wann er kommt. Er ist aber jeden Tag gekommen. Zum Abendessen und für die Gutenachtgeschichte.

Und jetzt ist es Ihr Vater, der Ihnen das Fax schickt, wann Sie zum Essen kommen?

Benno Käsmayr: Ja, so ähnlich ist es.

Sarah, war es nicht ein Fehler, dass Sie sich in dieses wahnsinnige Geschäft haben einbinden lassen?

Sarah Käsmayr: Ich fürchte, ich habe mich da selbst eingebunden.

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