Dem Klima zuliebe: Mit dem Rad zur Fußball-EM

Wie klimafreundlich wird die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland wirklich?

  • Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Die EM-Organisatoren wollen, dass möglichst viele Fans mit dem Fahrrad oder der Bahn anreisen.
Die EM-Organisatoren wollen, dass möglichst viele Fans mit dem Fahrrad oder der Bahn anreisen.

Ticketinhaber nutzen kostenlos den Nahverkehr. Der Strom in den Stadien stammt aus erneuerbaren Energien. Mit Wasser wird sparsam umgegangen und Abfall reduziert. Die Fußball-EM in Deutschland soll die nachhaltigste aller Zeiten werden, versprechen zumindest die Organisatoren. »Wir möchten einen Standard setzen, den künftige Gastgeber nicht mehr unterschreiten können«, sagt Michael Jopp, Leiter für Nachhaltigkeitsmanagement am Berliner EM-Standort. Doch wie klimafreundlich wird diese EM wirklich?

Auch bei diesem Turnier wird der Großteil schädlicher Emissionen durch Reisen der Fans verursacht. Im Umfeld des Olympiastadions werden daher Hunderte Fahrradstellplätze geschaffen. Gäste können Leihräder zum Teil kostenlos nutzen. Bei den Planungen hätten sich mehr als 140 Organisationen und Experten vernetzt, sagt Jopp, der bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport angesiedelt ist.

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Der europäische Dachverband Uefa spricht bereits von einem Meilenstein. Zum ersten Mal hatte er Nachhaltigkeit als Ausschreibungskriterium aufgenommen. Daher werden nun die Gruppenspiele in regionalen Clustern ausgetragen. Die deutsche Elf bestreitet ihre Vorrunde daher nur im Süden: in München, Stuttgart und Frankfurt. Dadurch soll die Zahl der Kurzstreckenflüge verringert werden. »Wir hätten uns gewünscht, dass man auf Kurzstreckenflüge ganz verzichtet«, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Wissenschaftler wie er halten die Vorausetzungen für ein klimaschonendes Großereignis in Deutschland eigentlich für gegeben: Im Vergleich zu früheren Weltmeisterschaften in Russland oder Katar mussten hierzulande keine neuen Stadien gebaut werden, der Nahverkehr ist gut ausgebaut.

Fischer wollte den Maßstab noch höher anlegen, doch er habe den Eindruck, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) »nicht wirklich an einem Austausch mit kritischen Umweltschutzgruppen interessiert war. So geht die Chance auf eine ambitionierte Debatte verloren.« Wie so oft kollidierten gemeinnützige und kommerzielle Interessen. Einige der zehn EM-Städte statten Feuerwehrleute oder Polizeikräfte bereits mit nachhaltig produzierter Kleidung aus. Doch bei der Einkleidung der EM-Volunteers sind sie vertraglich an einen Großsponsor der Uefa gebunden. »Der Einfluss der Sponsoren ist sehr groß. So wird nachhaltiges Engagement gehemmt«, beklagt Lara Schröder von der Aufklärungsinitiative Cum Ratione.

Die Uefa verzeichnet Jahresumsätze von mehr als vier Milliarden Euro. Ein Großteil kommt von global agierenden Konzernen: Elektrohersteller aus China, Getränkeproduzenten aus den USA, eine Tourismusbehörde aus Katar. Auf Nachfrage betont der Verband schriftlich, dass die Profite des Turniers langfristig auch dem deutschen Amateurfußball zugutekommen sollen. Dafür habe der Verband einen eigenen Klimafonds in Höhe von sieben Millionen Euro aufgelegt. Gut 160 kleine Vereine erhalten daraus Förderungen für Wärmepumpen, LED-Flutlichtanlagen, Solarpanelen oder Elektro-Minibusse.

Anton Klischewski hofft, dass dadurch auch an der Basis die Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeit wächst. Beim FC Internationale in Berlin-Schöneberg hat er schon etliche Ideen angestoßen: Speisen von regionalen Anbietern, fair gehandelte Fußbälle, ein Lastenfahrrad zum Ausleihen für Mitglieder. Aber da gehe noch mehr, sagt Klischewski. So sollte Mikroplastik als Material für Kunstrasen auf Fußballplätzen durch Kork ersetzt werden.

Auf diversen Konferenzen nimmt Klischewski auch immer wieder den Profifußball in die Pflicht. Noch immer schalteten etliche Bundesligisten für die Fernsehübertragung ihrer Spiele selbst tagsüber das Stadionlicht ein. Der Rasen werde bestrahlt, damit er auch im Winter wächst. Und als Sponsoren dürfen immer noch Ölkonzerne, Autobauer oder Fluglinien bei ihnen werben. »Die Dramatik der Klimakrise ist beim Spitzensport noch nicht angekommen«, sagt auch der britische Autor David Goldblatt. Seinen Recherchen zufolge werden Erderwärmung und extreme Wetterereignisse bald zur Absage von Sportereignissen und zur Gefährdung von Athleten führen. Bis 2050 sind demnach ein Viertel der Profifußballstadien in England von Überschwemmungen bedroht. Goldblatt wirbt daher für kleinere Wettbewerbe, um Reisen der Fans zu verringern. Oder für modulare Stadien, die man zurückbauen kann.

In der Bundesliga müssen die Klubs inzwischen ihren Emissionsausstoß messen und Mitarbeitende zum Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. Wenn sie diese Kriterien nicht umsetzen, drohen aber keine Sanktionen. Die Uefa wiederum erweitert ihre Champions League um 64 Spiele. Das bedeutet: mehr Einnahmen für die Uefa, aber auch mehr klimaschädliche Emissionen.

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