Gläubiger stimmen Insolvenzplan zu: Prinzip Hoffnung bei Galeria

Gläubiger stimmen Sanierung per Rotstift für den größten deutschen Warenhauskonzern zu

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch die Filiale in Mainz ist von den Schließungsplänen betroffen.
Auch die Filiale in Mainz ist von den Schließungsplänen betroffen.

Zurück in die Vergangenheit? Der Einstieg der künftigen Eigentümer von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) erinnert an frühere Versuche, den traditionsreichen, aber angeschlagenen Warenhauskonzern zu retten. »Wir glauben an die Zukunft von Galeria und haben nur einen Fokus: das Warenhaus«, versicherte Bernd Beetz bei seiner Vorstellung als kommender Unternehmenschef im April. Mittlerweile glauben auch die Gläubiger wieder an Galeria: Am Dienstag stimmten sie dem Sanierungskonzept bei einer nicht-öffentlichen Veranstaltung in der Messe Essen zu. Rund 120 Personen waren gekommen, die rund 4600 Gläubiger vertraten.

Die neuen Eigentümer müssen nun zeigen, wie ernst es ihnen wirklich ist. Beetz startete seine Karriere bei dem Modeunternehmen Dior. Ihm werden gute Kontakte zum verschlungenen Firmenimperium Reimann nachgesagt, einer der reichsten deutschen Familien. Beetz selbst gehören unter anderem ein Berliner Brillen- und ein französischer Rucksackhersteller. 2018/19 war er Aufsichtsratsvorsitzender von Galeria Kaufhof.

Sein Partner Richard Baker hat bereits Erfahrungen im Aufkauf von Warenhäusern. 2008 übernahm er die kanadische Kette Hudson’s Bay und stieg darüber bei Kaufhof ein. Der Belegschaft versprach er eine aussichtsreiche Zukunft. »Wir bekennen uns zu 100 Prozent zu Kaufhof«, ließ Baker sich zitieren. Doch eine Stabilisierung gelang nicht. Im Jahr danach zog sich Hudson’s Bay im Zuge der Fusion von Kaufhof und Karstadt zurück und überließ 2019 der Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko das Feld.

Nach der Signa-Pleite wagen beide einen neuen Anlauf: Beetz wirbt für sich mit seinen Erfolgen im Markenaufbau, Baker wiederum im Modegeschäft. Anfang Januar hatte Galeria einen Insolvenzantrag gestellt – es war der dritte innerhalb von dreieinhalb Jahren. Die bis dahin erfolgten Sanierungsschritte zeigen allerdings durchaus Wirkung: 60 der 92 Filialen gelten mittlerweile wieder als profitabel. Die »neue« Galeria setzt – wie erfolgreiche Einzelhändler – auf höherpreisige Markenartikel plus eine solide Hausmarke, »Dunmore«.

Bei anderen Filialen, vor allem den 18, die bislang Galeria-Eigentümerin Signa gehörten, sieht es infolge extrem hoher Mieten schlechter aus. Mit einem großen Gemischtwarenladen, der zu durchschnittlichen Preisen durchschnittliche Produkte verkauft, verdiene man seine Miete nicht mehr, warnten Handelsexperten schon vor 20 Jahren. Erfolgreiche Preiswert-Kaufhäuser wie Woolworth oder Stolz in Nord- und Ostdeutschland haben dies beherzigt. Galeria könnte nun das Glück im gehobenen mittleren Preissegment suchen, wie es Warenhauskonzerne in Europa vormachen.

Beetz und Baker dürften daher zukünftig mehr fremde Markenanbieter ins Haus holen. Als ausbaufähig gilt auch das Online-Geschäft. Die neuen Eigentümer sollten Experten zufolge zudem darüber nachdenken, ob nicht mehr qualifiziertes Verkaufspersonal – immer noch eine Stärke von Galeria – die Kauffreude der Kundschaft steigern würde.

Indes werden die Investoren nicht alle GKK-Häuser weiterführen. Als Zielmarke des Insolvenzverwalters Stefan Denkhaus gilt »60 plus x«. Für die Fortführung des Geschäftsbetriebs bleiben Galeria in dem Insolvenzplan Mittel in Höhe von knapp 87 Millionen Euro, eher eine bescheidene Summe. Weitere 1400 der noch rund 12 800 Beschäftigten könnten ihren Job verlieren.

Verdi-Experte Marcel Schäuble forderte wiederholt ein tragfähiges Zukunftskonzept. »Es bedarf vor allem ausreichender Investitionen, um das Warenhauskonzept, Standorte und Arbeitsplätze langfristig zu sichern«, sagte er. »Filialschließungen und Kostensenkungsprogramme führen, wie die Vergangenheit gezeigt hat, nicht zu einer erfolgreichen Neuausrichtung.« Verdi kritisiert auch angedachte Sonntagsöffnungen und die Umwandlung der Essener Galeria Karstadt Kaufhof GmbH in eine neue Gesellschaftsform nach Luxemburger Recht. Das könnte Steuern senken und würde, zum Ärger von Verdi, zur Auflösung des mitbestimmten Aufsichtsrats führen. Insolvenzverwalter Denkhaus rechtfertigt den Plan mit notwendigen Kosteneinsparungen für ein nur noch mittelständisches Unternehmen. Dazu gehöre auch die Schließung der Konzernzentrale in Essen.

Die Gläubiger müssen ebenfalls bluten: In den vergangenen Wochen haben Banken, Vermieter, aber auch die Bundesagentur für Arbeit (für das Insolvenzgeld), Sozialversicherungsträger, Beschäftigte und der Fiskus Forderungen in Höhe von 886,1 Millionen Euro angemeldet. Laut Insolvenzplan werden zunächst bis zu 22,5 Millionen Euro ausgezahlt, und das in zwei Schritten. Denkhaus erwartet eine Insolvenzquote von nur 2,5 bis drei Prozent. Diesen Anteil des geschuldeten Geldes sollen die Gläubiger zurückerhalten.

Ein Nein der Versammlung hätte wohl das Ende von GKK bedeutet – die Gläubiger wären gänzlich leer ausgegangen. Nun haben sie die Hoffnung, dass sich aus den Ansprüchen gegen den bisherigen Eigentümer Signa die Quote noch deutlich erhöhen könnte. Er hat zwar selbst Konkurs angemeldet, verfügt aber über hohe Immobilienwerte. Weich fallen die Lieferanten von Galeria: Rund 85 Prozent sollen eine Warenkreditversicherung besitzen, die für unbezahlte Rechnungen aufkommt.

Verdi stellte vor dem Messegebäude für jede Schließfiliale ein symbolisches Holzkreuz auf. »Herr Beetz, investieren Sie in die Mannschaft«, stand auf einem der Plakate. Auf einem anderen hieß es: »Benko, danke für nichts!«

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