Karikaturist Rainer Hachfeld: Gut und Böse

Der Karikaturist Rainer Hachfeld ist gestorben

Rainer Hachfeld mit Regenbogen, rein privat.
Rainer Hachfeld mit Regenbogen, rein privat.

Die erste Karikatur von Rainer Hachfeld veröffentlichte das »Neue Deutschland« am 27. Dezember 1989: eine enthauptete DDR, dargestellt als »Deutscher Michel« auf Knien, reicht Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Finanzminister Theo Waigel ihren abgeschlagenen Kopf auf einem Tablett und Kohl sagt: »So stelle ich mir das vor, Theo ...« Rainer Hachfeld kam aus der agitatorischen Bildsprache der staatsfernen Linken der 70er Jahre, seine Zeichnungen waren extrem kontrastreich, er schied klar zwischen Licht und Schatten, Gut und Böse, Oben und Unten.

Im Dezember 1989 war die DDR schon ziemlich unten, ihre Bevölkerung hatte es noch nicht ganz begriffen – ein Jahr später war sie verschwunden, doch das »Neue Deutschland« blieb, zum westlichen Erstaunen wurde es immer wieder von seinen Leserinnen und Lesern gerettet. Und Hachfield wurde Hauskarikaturist der Zeitung, bis zum 30. Januar 2019 im Wechsel mit Christiane Pfohlmann und Harald Kretzschmar.

Hachfelds Karikaturen waren getragen vom klassischen Antiimperialismus in all seiner symbolischen Drastik, gestochen scharf erkennbar wie im Comic oder in einer Bedienungsanleitung. Die USA waren »Onkel Sam« mit Stars-and-Stripes-Krawatte, die CIA Schlapphut-Typen mit Sonnenbrillen, die ihre Zähne in den lateinamerikanischen Kontinent schlugen, als wäre er ein großes Stück Pizza; Konzerne erschienen als Huren und Politiker als Handpuppen. Tiervergleiche waren für Hachfeld kein Problem, ebenso wenig die Sexualisierung von politischer Gewalt. Eine seine berühmtesten Zeichnungen, die er für »Konkret« angefertigt hatte, zeigt den CSU-Chef Franz Josef Strauss beim Sex mit der Justiz. Strauss verklagte ihn und bekam schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht Recht, vor das Hachfeld für die Freiheit der Kunst gezogen war.

»Das Zotige ist ein Ursprung des Witzes, der Satire«, erzählte Hachfeld 2009 zu seinem 70. Geburtstag »nd«, denn »eine Karikatur soll nicht guten Geschmack verbreiten, sondern kritischen Verstand«. Er hatte seine erste Zeitungszeichnung 1961 in der »Welt« veröffentlicht, ohne politischen Anspruch. Geboren in Ludwigshafen, wollte er ursprünglich in Paris Maler werden, doch dann arbeitete er in einer Werbeagentur und malte nebenher Bühnenbilder für Westberliner Kabaretts, denen auch sein älterer Bruder Volker Ludwig entstammte, der dann später das antiautoritäre Grips-Theater für Kinder gründete. Eigentlich hieß der Bruder genauso wie ihr Vater, der Kabarettist und Texter Eckhart Hachfeld (1910–1994), wollte aber nicht verwechselt werden.

Rainer Hachfeld, der auch Drehbücher schrieb, wurde durch seine Karikaturen unverwechselbar. Erst für das »Spandauer Volksblatt«, in den 60er Jahren die liberalste Zeitung Westberlins, dann für den »Berliner Extra Dienst«, in den 70ern das lockerste Blatt aus der biederen SEW-Ecke, bevor er Satire-Redakteur beim »Stern« wurde. »Ist ein guter Karikaturist automatisch ein Linker?« fragte ihn »nd«. Antwort: »Ich habe noch keine guten rechten Karikaturen gesehen.«

Anfang der Woche starb er in Berlin, er wurde 85 Jahre alt.

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