Social Media: Dialektik der Desinformation

Nach aktuellem Stand der Forschung werden Auswirkungen auf Wahlen eher überschätzt

Auch im analogen Leben stößt man auf Desinformation – und Gegenmaßnahmen.
Auch im analogen Leben stößt man auf Desinformation – und Gegenmaßnahmen.

Die Warnungen vor Desinformation via soziale Medien sind im Vorfeld der Europawahlen allgegenwärtig. Die Wahlen müssten »vor illegitimer Einflussnahme durch fremde Staaten geschützt werden«, heißt es etwa beim Bundesinnenministerium. Dieses koordiniert den Schutz vor hybriden Bedrohungen im Rahmen einer »Taskforce gegen Desinformation«. Die EU-Kommission wiederum wirft insbesondere dem US-Konzern Meta (Instagram, Facebook) vor, entgegen den rechtlichen Vorgaben schädliche Inhalte nicht schnell genug zu kennzeichnen und von ihren Plattformen zu entfernen.

Bundeswahlleiterin Ruth Brand hat sogar ein Beispiel für Desinformation parat: »Es wird behauptet, in Deutschland gäbe es eine Wahlpflicht. Personen, die nicht wählen, würden gekennzeichnet und ihren Rechten beschränkt.« Eine plumpe Falschbehauptung, die auf der Webseite richtiggestellt wird. Besonders beliebt im Netz ist der Vorwurf, Wahlhelfer würden nicht genehme Stimmen manipulieren oder verschwinden lassen. Gern wird die AfD zum Opfer erklärt: Als die Fraktion rechtsextremer Parteien Ende Mai diese deutsche Partei ausschloss, kursierte die Lüge, die AfD dürfte nicht an den Wahlen teilnehmen. Ob auf Tiktok oder Facebook – wütende Kommentare, die teils den Nationalsozialismus verharmlosten, machten die Runde.

Wirksamkeit von Desinformation

Das Thema Desinformation nahm 2016 nach der Präsidentschaftswahl in den USA Fahrt auf, als russischen Kampagnen ein bedeutender Anteil am Sieg von Rechtsaußen Donald Trump nachgesagt wurde. Wirklich belegt werden konnte das indes nicht. Eine Studie von 2023, veröffentlicht im Fachmagazin »Nature Communications«, geht sogar davon aus, die russischen Anstrengungen bei Twitter hätten damals so gut wie keine Auswirkungen auf das Wahlergebnis gehabt.

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Dass Falschinformationen, mittels KI auch deutlich aufgepeppt, im Netz weit verbreitet sind, ist natürlich unumstritten. Doch welchen Einfluss haben sie tatsächlich auf Meinungsbildung und Wahlergebnisse? Das ist gar nicht so einfach zu ermitteln: »In der Wissenschaft sind Effekte meist kaum nachzuweisen und schwierig zu überprüfen – was unter anderem an der eingeschränkten Verfügbarkeit von Daten sozialer Medien liegt, aber auch an der Schwierigkeit, solche Studien methodisch aussagekräftig und ethisch vertretbar zu gestalten«, heißt es etwa beim Science Media Center in Köln. So macht es wenig Sinn, Bürger*innen danach zu fragen, wie stark sie mit Desinformation konfrontiert sind, da sie vor allem ihnen nicht genehme Meinungen darunter subsumieren.

Doch Desinformation ist etwas anderes. »Damit ist die bewusste Verbreitung falscher oder irreführender Information gemeint«, erklärt Christian Hoffmann, der am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Leipzig lehrt. »Es zählt also das Bewusstsein und die Absicht des Absenders.«

Mündige Bürger*innen?

Die Forschung ist deutlich weiter als die Behörden etwa in Deutschland, die nach wie vor auf ausländische Mächte schielen. Doch diese arbeiten eher wenig effektiv, da sie die genauen Debatten im Land nicht kennen. »Desinformation durch inländische Akteure, insbesondere politische Eliten, kann hingegen durchaus Wähler bewegen, vor allem wenn sie breiten medialen Widerhall findet«, so Hoffmann.

Während man in den USA wegen aggressiver geführter Wahlkämpfe dafür anfälliger sei, kommen Europäer damit kaum in Kontakt. »Studien zeigen, dass nur ein winziger Anteil dessen, was Bürger im Internet sehen, als Desinformation betrachtet werden kann. Wir sprechen hier von durchschnittlich weniger als einem Prozent«, erläutert der Leipziger Forscher. Die meisten Leute informierten sich »weit überwiegend aus seriösen journalistischen Quellen«.

Hinzu kommt, dass die meisten Bürger*innen soziale Medien nicht als vertrauenswürdig betrachten. »Viele Menschen bleiben skeptisch gegenüber der Authentizität manipulierter Inhalte«, sagt Josephine Schmitt vom Center for Advanced Internet Studies in Bochum. »Im Kontext der Pandemie konnten wir beispielsweise beobachten, wie sich die Bürger vor allem etablierten, seriösen Medien zugewandt haben«, ergänzt Hoffmann. Auch wenn eine Person also einmal auf eine Falschinformation hereinfallen sollte – ihre Einstellungen ändert sie dadurch noch lange nicht. »Nur eine Minderheit der Bürger konsumiert und verbreitet auch selbst Desinformation in einem nennenswerten Umfang – und dies häufig ganz gezielt, um das eigene Weltbild zu bestärken. Hier kann Desinformation einen mobilisierenden, unter gewissen Bedingungen auch radikalisierenden Effekt entfalten«, sagt Hoffmann.

Fallstricke des Faktenchecks

Josephine Schmitt zufolge entfaltet Desinformation ihre Wirkung »besonders in Zeiten hoher gesellschaftlicher und politischer Unsicherheit, in denen das Bedürfnis der Menschen nach einfachen Antworten und klaren Weltbildern steigt«. So bewerteten Menschen politische Aussagen üblicherweise gemäß ihrer individuellen Vorlieben. Zum Beispiel neigten sie dazu, Verschwörungserzählungen zu glauben, die ihrer politischen Einstellung entsprechen. »Studien zeigen auch, dass Desinformation aufgrund ihrer inhaltlichen Gestaltung oft emotionale Reaktionen wie Wut und Misstrauen auslösen kann. Dies kann die öffentliche Diskussion erheblich beeinträchtigen.«

Maßnahmen gegen Desinformation sind daher durchaus wichtig, wie die Forscher meinen. Der Klassiker sind Portale im Netz wie »Correctiv«, die falsche Inhalte korrigieren. »Professionelle Faktenchecks sind wichtige Werkzeuge gegen Desinformation, besonders bei Themen, die Bürger*innen nicht leicht selbst überprüfen können«, meint Sabrina Heike Kessler vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. »Sie klären die Öffentlichkeit auf und fördern kritisches Denken sowie Medien- und Informationskompetenz.«

Doch die Wirkung ist begrenzt: Mehr als 40 Redaktionen aus mehreren Ländern erstellen anlässlich der Europawahl im Rahmen des »European Fact-Checking Standards Network« die erste EU-weite Faktencheck-Datenbank. Hier entpuppt sich ein ausgebrannter Elektrobus in Barcelona als normaler Verbrenner und hier zeigt sich als Lüge, dass Frankreichs Lehrer*innen in der EU am schlechtesten bezahlt seien oder dass Abhebungsbeschränkungen in Polen auf ein bevorstehendes Bargeldverbot hindeuteten. Aufgrund der Vielzahl neu hinzukommender Beiträge ist die Faktencheck-Webseite recht unübersichtlich. Trotzdem dürften im Netz nach jeder Richtigstellung zehn neue vielfach geteilte Posts, die ganz oder teilweise erfunden sind, hinzukommen.

Es gibt aber auch qualitative Probleme. »Faktenchecks können missbraucht werden, um irreführende oder selektive Informationen zu verbreiten und bestimmte Agenden zu unterstützen«, so Forscherin Kessler. Außerdem könnten Nutzende Faktenchecks als Bevormundung erleben und mit Wut und Trotz reagieren. Einfach gesagt: Wenn die Richtigstellung nicht ins Weltbild passt, werden die Faktenchecks einfach zur »Lügenpresse« dazugerechnet und der Desinformation wird noch mehr Glauben geschenkt als zuvor – ein Boomerang-Effekt.

Vorsorge ist besser als Nachsorge

Nicht wenige versprechen sich deshalb mehr von Prävention. Das Zauberwort lautet hier »Prebunking«. Vergleichbar mit einer Impfung wird versucht, die Menschen, lange bevor ein Krankheitserreger um die Ecke kommt, über die Mechanismen von Desinformationen aufzuklären. »Durch das Bereitstellen von Informationen und analytischem Werkzeug wird die Resilienz gegenüber irreführenden Inhalten gestärkt«, wie es bei dem Informationsportal »Klicksafe« heißt. Die Wissenschaft ist indes in der Bewertung gespalten, ob Faktenchecks im Nachhinein oder Prävention effektiver sind. »Prebunking« wäre wohl eher als langfristige Strategie effektiv. So müsste Medienkompetenz über mehrere Schuljahre in Lehrplänen verankert werden. Einigkeit besteht unter Wissenschaftler*innen zudem darüber, dass es eine strengere Regulierung der großen Social-Media-Plattform braucht.

Paradoxerweise liegt die größere Gefahr in einer alarmistischen Berichterstattung über »Fake News«, meint Fabian Prochazka, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Erfurt. Erste Studien deuten darauf hin, dass journalistische Medien zur Verbreitung solcher Informationen beitragen und die Bedrohung oft übertrieben darstellen. »Dies kann zu generalisierter Skepsis führen, kann von größeren Problemen ablenken und ironischerweise damit die eigentliche Wirkung von Desinformationskampagnen darstellen.« Am Ende misstraue man neuen Informationen grundsätzlich, was medien- oder politikbezogenen Zynismus oder gar Apathie und Nachrichtenvermeidung fördere.

Für Erfolge rechtsextremer Kräfte gibt es mithin andere Gründe als das Wirken ausländischer Mächte oder gewiefter Internettrolle. Unmittelbare Effekte für die Europawahl werden diese selbst bei knappem Wahlausgang wohl nicht haben, meint Prochazka: »Wenn geringe Stimmenunterschiede ausreichen, dann können auch beliebig viele andere Gründe ausschlaggebend sein, begonnen beim Wetter.«

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