Maxim Biller: Dahin gehen, wo es wehtut

Mit »Mama Odessa« rettet Maxim Biller mal wieder im Alleingang die deutsche Literatur

  • Frank Jöricke
  • Lesedauer: 6 Min.
Jüdische Emigranten aus der Sowjetunion im Transit (Österreich, 1973).
Jüdische Emigranten aus der Sowjetunion im Transit (Österreich, 1973).

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der für Juden kein Platz mehr ist. Dieser Gedanke kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn ich einen Film von Billy Wilder sehe, Songs von Burt Bacharach und Hal David höre oder einen Roman von Maxim Biller lese. Es ist unglaublich, dass eine ethnisch-religiöse Gruppe, die weniger Menschen zählt als Nordrhein-Westfalen, das geistig-kulturelle Leben derart prägt. Und dann wiederum ist es doch nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, was Juden seit 2500 Jahren erleben. Einem Volk, das im Lauf seiner Geschichte vertrieben, verfolgt, verbrannt, vergast und abgeschlachtet wurde (zur Erinnerung: das letzte Mal am 7. Oktober 2023), bleibt gar nichts anderes übrig, als Fantasie und Grips zu entwickeln. Der Verstand muss schneller und schärfer arbeiten als der seiner Jäger und Mörder.

Das gilt selbst für jenen Ort, an dem die Angriffe nur rhetorischer Natur sind: im Feuilleton. Wenn dort früher über Maxim Biller hergefallen wurde, hatte man stets das Gefühl, hier würden sich geistige Tieflader an einem intellektuellen 28-Tonner verheben. Vor allem der Versuch, seine Kolumne »Hundert Zeilen Hass« (in der Zeitgeistzeitschrift »Tempo«) zu attackieren, scheiterte bereits daran, dass den wütend Schnaubenden jene Mittel fehlten, die den »Hass-Biller« auszeichneten: innere Freiheit, Lust an der Provokation, Mut zur Zuspitzung und eine Treffgenauigkeit, die nur der besitzt, der geübt darin ist, Sprache als Waffe einzusetzen.

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Doch irgendwann hatte es sich herumgesprochen, dass »ein überheblicher, vorlauter, belesener Jude« (Selbstbeschreibung Maxim Billers) wohl doch eine Nummer zu groß war für die geistigen Kretins. Man akzeptierte notgedrungen, dass er zu den literarischen Größen des Landes zählte, ohne so recht zu verstehen, warum. Also erkannte man pflichtschuldig an, dass es in seinen Romanen und Erzählbänden um das Leben jüdischer Menschen geht. Und da es aus bekannten Gründen nicht mehr allzu viele Juden in Deutschland gibt, bekam Biller so die Rolle eines Ethnologen für exotische Völker zugewiesen.

Auch lobte man seinen »Stil«. Was erst recht falsch war. Denn Stil ist ein äußeres Merkmal. Vergleichbar einer handwerklichen Fertigkeit, die man durch intensives Beobachten und fleißiges Üben mit der Zeit beherrscht. Man eignet sich an, was einem an anderen gefällt, verrührt es miteinander, verfeinert und perfektioniert es. Und irgendwann klingt man wie Günter Grass, dessen Bücher bereits in den 70er Jahren unlesbar wurden, weil der sogenannte »Stil« nur noch eine Aneinanderreihung von Manierismen war. Hinter der vertrauten makellosen Hülle tat sich das große Nichts auf.

Nein, es geht bei Maxim Biller eben nicht um Stil. Man sollte ohnehin bei einem Literaten – auch wenn dies bei vielen deutschen Schriftstellern nicht selbstverständlich ist – voraussetzen, dass er sein Handwerk beherrscht. Schöne Formulierungen sind nur ein Nebenprodukt. Entscheidend ist, dass es beim Lesen klickt und kickt. Dass man nach der Lektüre die Welt (und manchmal auch sein eigenes Leben) mit anderen Augen sieht.

Billers aktuelles Werk »Mama Odessa« leistet in dieser Hinsicht ganze Arbeit. Wobei man zunächst nicht versteht, worin das Besondere dieses Romans liegt. Die Story ist schnell erzählt: Eine jüdische Familie aus Odessa wandert nach Hamburg aus. Die Mutter wäre lieber nach Israel emigriert. Der Vater geht fremd und verlässt schließlich seine Frau für eine deutsche Nichtjüdin (die Mutter und Sohn fortan als »Nazihure« titulieren). Später stirbt die Mutter an Krebs, vermutlich die Spätfolge eines KGB-Giftanschlags, der eigentlich ihrem Mann gegolten hatte.

Aus vielen Einzelepisoden und den eingestreuten Kurzgeschichten der Mutter formt sich das Bild einer Familie, die auch nicht glücklicher oder unglücklicher ist als ihre nichtjüdischen deutschen Pendants. Ebenso wenig kann man behaupten, Biller würde seine jüdischen Protagonisten übermäßig sympathisch darstellen. Der Hang mancher deutscher Autoren zum Ethnokitsch – die Verklärung von Völkern, die ihre »Ursprünglichkeit« und »Natürlichkeit« angeblich bewahrt haben – ist ihm fremd. Juden sind bei ihm auch nur Menschen.

Das klingt wie eine Plattitüde, eröffnet aber tatsächlich den Zugang zu seinem Werk. Es geht beim Lesen nämlich nicht darum, einen kryptischen Text oberseminarmäßig zu dechiffrieren (»Was will uns der Autor damit sagen?«). Das Gegenteil ist richtig: Literatur macht das Menschliche in all seinen Ausprägungen sichtbar und erfahrbar. Das kann schmerzhaft sein – auch und gerade für den Verfasser.

In seinen frühen Jahren als Kolumnist wurde Biller gerne vorgeworfen, er wäre »kalt« und »arrogant«. Was schon deshalb am Ziel vorbeischoss, weil hier ein Urteil über die Person abgegeben wurde, das nichts über die Qualität der Texte aussagte. Für einige seiner Kritiker war es daher eine Überraschung, dass Biller sich in seinen autobiografisch gefärbten Kurzgeschichten und Romanen vermeintlich anders präsentierte: »warmherzig« und »nahbar«. Dabei hatte er das Prinzip seiner Kolumnen nur konsequent auf seine Erzählungen übertragen.

Die Direktheit und Ehrlichkeit, die er gegenüber seinen »Hundert Zeilen Hass«-Figuren an den Tag legte, wendet er auch auf sich selbst an. Beim Fußball würde man sagen: Biller geht dahin, wo es wehtut. Daraus erwächst die Faszination seiner Texte. Dass Familien verkorkst sind, ist ja keine neue Erkenntnis, bloß bekommt man diese selten derart ungefiltert präsentiert. Spätestens wenn der Vater zugibt: »Es war nicht alles so, wie ich es wollte«, begreift man den grundlegenden Unterschied zwischen den Büchern von Maxim Biller und dem Rest der deutschen Literatur.

Wer mit dem Tag der Geburt ein Underdog ist, also einen Wettbewerbsnachteil hat, kann es sich nicht erlauben, sich selber in die Tasche zu lügen. Der muss genauer hinsehen, tiefer forschen und versuchen zu verstehen, warum die Familienbiografie – und folglich auch die eigene – ein solches Kuddelmuddel ist.

Maxim Biller steht damit in der Tradition jüdischer Autoren wie Saul Bellow, Bernard Malamud und Philip Roth, die ähnlich rigoros mit ihren Wurzeln umgegangen sind. Dass einen dies auch als Nichtjude berührt, ja durchschüttelt, liegt an dem Mut und der Ehrlichkeit, die hinter dieser Art zu schreiben stehen. In den jüdischen Neurosen, Ängsten und Zweifeln erkennt man die eigenen wieder. So erinnert auch sein neuer Roman daran, was der deutschen Literatur fehlt. Selbst deren Aushängeschilder (wie Daniel Kehlmanns »Die Vermessung der Welt«) sind, verglichen mit »Mama Odessa«, ja nur Kunsthandwerk – gut geschrieben, nett zu lesen, schnell vergessen.

Wir brauchen also noch weitere Biller-Bücher. Hoffnung besteht. Seine Ankündigung nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – »Ich will kein Schriftsteller mehr sein, ich will nie wieder einen Roman oder ein Buch mit Erzählungen veröffentlichen« – hat er jedenfalls nicht wahrgemacht. Sonst hätten wir von jener Mutter, die aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa stammt, nie erfahren.

Maxim Biller: Mama Odessa. Kiepenheuer & Witsch, 240 S., geb., 24 €.

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