BVG-Linie M10 in Berlin: Ost-West-Zank-Tram kommt voran

Senat diskutiert Pläne für M10 zum Hermannplatz mit Anwohnern

So stellen sich die BVG-Planer die Oberbaumbrücke in der Zukunft vor.
So stellen sich die BVG-Planer die Oberbaumbrücke in der Zukunft vor.

»Ich kotze im Strahl« – so richtig nach Vorfreude auf die Verlängerung der Straßenbahnlinie M10 vom Bahnhof Warschauer Straße zum Hermannplatz klingt das nicht, was die Anwohnerin aus der Kreuzberger Falckensteinstraße auf die Reporterfrage zunächst sagt.

Um rund 2,9 Kilometer soll die M10 verlängert werden. Von der Warschauer Straße immer gerade über die Oberbaumbrücke, durch die Falckensteinstraße, den Görlitzer Park, die Glogauer und Pannierstraße, um schließlich nach rechts in die Sonnenallee einzubiegen und am Hermannplatz in der Urbanstraße zu enden.

Nur elf Minuten soll die Fahrt dauern, für die man derzeit immer umsteigen und große Umwege fahren muss, stellt Hartmut Reupke, Leiter der Abteilung Mobilität in der Senatsverkehrsverwaltung, in Aussicht. 40 000 Fahrgäste sollen den Abschnitt täglich nutzen. Das ist fast doppelt so viel, wie die Berliner Verkehrsbetriebe inzwischen auf der im September 2023 eröffneten Verlängerung der M10 vom Hauptbahnhof zur Turmstraße zählen – über 23 000 Mitfahrende pro Tag. Ursprünglich waren nur rund 10 000 Fahrgäste täglich in Moabit erwartet worden.

Muckefuck: morgens, ungefiltert, links

nd.Muckefuck ist unser Newsletter für Berlin am Morgen. Wir gehen wach durch die Stadt, sind vor Ort bei Entscheidungen zu Stadtpolitik – aber immer auch bei den Menschen, die diese betreffen. Muckefuck ist eine Kaffeelänge Berlin – ungefiltert und links. Jetzt anmelden und immer wissen, worum gestritten werden muss.

Frühestens 2031 könnte die Strecke zum Hermannplatz in Betrieb gehen. Dabei war die Verlängerung einer der ersten Vorschläge nach der Wende 1989, um das damals nur noch in Ostberlin vorhandene Straßenbahnnetz wieder in den Westteil der Stadt auszudehnen. In der Nachwende-Euphorie wurden sogar schon Gleise in die Oberbaumbrücke gelegt – sie sind bei der Grundsanierung des Bauwerks vor einigen Jahren wieder entfernt worden. Nun könnten Kreuzberg und Neukölln 42 Jahre nach dem Mauerfall doch noch an das Tramnetz angeschlossen werden.

Doch es gibt Widerstände, wie sich auch beim von der Senatsverkehrsverwaltung am Mittwochnachmittag veranstalteten »Infomarkt« zeigt. Im ehemaligen Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer können sich Interessierte an Infotafeln über den Projektstand informieren, Fragen stellen und auf Probleme aufmerksam machen. Einst wollte in dem Gebäude Google einen Campus eröffnen, ließ nach anhaltendem Widerstand jedoch davon ab. Ein Omen für die Tram?

Die Anwohnerin der Falckensteinstraße fürchtet um ihre Ruhe, wenn im Fünf-Minuten-Takt Straßenbahnen vor ihrer Wohnung vorbeirollen. »Ich habe nur Fenster zur Straße«, sagt sie. Dass Straßenbahnen längst nicht mehr so laut wie früher sind, beruhigt sie ein bisschen. Noch mehr, dass sie bis zur Eröffnung möglicherweise gar nicht mehr dort wohnt.

»Die Route quer durch den Park – das geht gar nicht«, sagt ein anderer Anwohner und verweist auf die Straßenbahn quer über den Alexanderplatz. »Aber das klappt doch gut dort«, entgegnet Ingolf Berger vom Planungsbüro Rambøll, der einen der Infostände betreut. Da muss der Anwohner zustimmen, um dann zu erklären, dass es sich ja um eine ganz andere Situation handele.

Auch die Sorge, dass die Tram die Gentrifizierung vorantreibe, wird geäußert. »Die Mietenexplosion hat mehr mit Bodenpolitik, Wirtschaftspolitik zu tun«, erklärt Berger, der sich als studierter Stadtplaner intensiv mit solchen Fragen auseinandergesetzt hat.

Gerade Geringverdienende seien viel stärker auf den Nahverkehr angewiesen als Gutverdienende. »Die Lösung ist ja nicht: Wir lassen mehr Autoverkehr rein, damit die Mieten niedriger bleiben«, unterstreicht Berger. Und verdeutlicht: »Die Straßenbahn wird auf einer 6,50 Meter breiten Trasse so viele Fahrgäste anziehen, dafür bräuchte man eine vier- bis sechsspurige Straße – eine Autobahn.«

Neben der Skepsis vieler Anwohnender existieren auch noch einige Nüsse für die neue Trasse, die auf technischem Weg geknackt werden müssen. Auf der Oberbaumbrücke müssen besonders flache Schienen verbaut werden. Ähnliche Gleise, die auf der Warschauer Brücke liegen, bereiten seit Jahrzehnten Probleme.

Auch das Widerlager der Oberbaumbrücke auf der Kreuzberger Seite, das gequert werden muss, ist so ein Knackpunkt. Die denkmalgeschützte Thielenbrücke über den Landwehrkanal muss abgerissen und neu gebaut werden.

Und dann ist da noch das Problem mit den für Berliner Verhältnisse engen Straßen. In der Sonntagstraße in Friedrichshain blockierte Streit mit der Feuerwehr um Oberleitungen, die im Einsatzfall eine Gefahr für Leiterwagen sein könnte, jahrelang den Projektfortschritt. »Wir haben jetzt eine Lösung, bei der die Feuerwehr den Strom in der Oberleitung abschalten kann und die Leitung automatisch zur Seite klappt«, sagt Abteilungsleiter Hartmut Reupke zu »nd«. Die Planfeststellungsunterlagen für die Tram Ostkreuz werden wohl Ende Juni/Anfang Juli endlich zum dritten Mal ausgelegt, kündigt er an.

Laut Reupke lohnen sich die Mühen: »Würden wir nur über die großen Straßen gehen, würden wir viel Fahrgastpotenzial liegen lassen, auch weil die Straßenbahn langsamer wäre.«

#ndbleibt – Aktiv werden und Aktionspaket bestellen
Egal ob Kneipen, Cafés, Festivals oder andere Versammlungsorte – wir wollen sichtbarer werden und alle erreichen, denen unabhängiger Journalismus mit Haltung wichtig ist. Wir haben ein Aktionspaket mit Stickern, Flyern, Plakaten und Buttons zusammengestellt, mit dem du losziehen kannst um selbst für deine Zeitung aktiv zu werden und sie zu unterstützen.
Zum Aktionspaket

Das beste Mittel gegen Fake-News und rechte Propaganda: Journalismus von links!

In einer Zeit, in der soziale Medien und Konzernmedien die Informationslandschaft dominieren, rechte Hassprediger und Fake-News versuchen Parallelrealitäten zu etablieren, wird unabhängiger und kritischer Journalismus immer wichtiger.

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Vielen Dank!

Unterstützen über:
  • PayPal