Digitalisierung: Die neue Spaltung in der Bildung

Bei der Digitalisierung drohen viele Schulen zurückzufallen

Smartboards statt Tafeln, Laptops im Unterricht, Hausaufgaben aus der Cloud – für viele Schüler ist Digitalisierung Alltag. Aber nicht für alle: Durch die Berliner Schulen zieht sich eine digitale Kluft. Es gibt erhebliche Unterschiede, etwa ob Tablets und andere Endgeräte für Schüler verfügbar sind, ob internetbasierte Recherche und andere digitale Methoden im Unterricht verwendet werden oder ob es in Schulen eine einheitliche Strategie für den pädagogischen Einsatz der digitalen Lernmittel gibt. Das ist das Ergebnis einer Studie, für die Forscher der Universität Göttingen im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 2300 Lehrkräfte an Berliner Schulen befragt haben.

20 Prozent der Berliner Sekundarschulen sind demnach entweder digitale Vorreiter oder weisen eine digitale Orientierung auf. 38 Prozent der Sekundarschulen dagegen sind digitale Nachzügler. Der Rest verteilt sich im Mittelfeld. An fast der Hälfte dieser Nachzügler-Schulen gibt es bislang überhaupt keinen Internet-Zugang im Unterricht. Während an den besonders gut ausgestatteten Schulen 88 Prozent der Lehrkräfte auf eine digitale Infrastruktur zugreifen können, gilt dies nur für 16 Prozent der Lehrer an schlecht ausgestatteten Schulen.

»Eigentlich ist es Aufgabe der Bildungspolitik, gleiche Chancen für alle zu schaffen«, sagt Studienautor Thomas Hardwig. »Bei der Digitalisierung gelingt das bislang noch nicht.« Das habe dramatische Folgen: Obwohl fast jedes Kind inzwischen auf ein Smartphone zugreifen könne und Zwölfjährige im Schnitt zwei Stunden am Tag online verbringen, werde nur in wenigen Schulen vermittelt, wie die Schüler Falschinformationen erkennen können. Selbst bei bereits weitgehend digitalisierten Schulen geschehe dies nur in 49 Prozent der Fälle, an kaum digitalisierten Schulen sind es gerade mal 24 Prozent.

Auch für Lehrkräfte seien Defizite bei der Technik eine Belastung: 58 Prozent der befragten Lehrkräfte an kaum digitalisierten Schulen geben an, dass sie sich auf die IT-Systeme der Schule nicht verlassen könnten. »Es fühlt sich an, als würde man auf einem kleinen Boot aufs offene Meer rudern«, berichtet der Lehrer Ralf Schäfer über die Orientierungslosigkeit vieler Schulen. Viele Lehrkräfte seien durch die neuen Techniken und Methoden verunsichert. Mit dem plötzlichen Digitalisierungsschub in der Pandemie seien viele Lehrkräfte und Schulen überfordert gewesen. Er habe noch immer einen Overhead-Projektor im Klassenraum stehen. »Für den Fall, dass die Technik ausfällt.«

Dass vor allem sogenannte Brennpunktschulen bei der Digitalisierung hinterherhinken, konnten die Studienautoren nicht feststellen. Auch einen Zusammenhang zu bestimmten Schulformen konnten sie nicht finden. Entscheidender sei vielmehr, ob die Schulen das Thema mit einem Konzept angehen. »Schulen, die Schulentwicklung können, können auch Digitalisierung«, sagt Forscher Hardwig. Bislang gelte das Prinzip »Technologie first, Strategie second«. Die Schulen würden zahlreiche Geräte wie Smartboards oder Projektoren anschaffen, ohne einen Plan zu haben, wie diese pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden können.

Wie aber können digitale Schulkonzepte entwickelt werden? Ralf Schäfer wünscht sich, dass es an jeder Schule zwei Studientage im Jahr zu diesem Thema gibt. Dort könnten die Lehrkräfte über Strategien diskutieren. »Es funktioniert nicht als Selbstläufer«, so Schäfer.

Für Anne Albers aus dem GEW-Landesvorstand geht es auch um Entlastung: »Pädagogisch sinnvolle Konzepte für Digitalisierung zu erarbeiten, benötigt Zeit«, sagt sie. Von der Senatsbildungsverwaltung erwartet sie mehr Unterstützung. »Bisher steckt man den Kopf in den Sand.« Sie hofft, dass zu dem Thema Gesprächskreise auf Landesebene eingesetzt werden.

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