Trockenheit in Berlin: Unter dem Gras liegt die Kohle

Im Volkspark Jungfernheide soll Pflanzenkohle im Boden das Regenwasser wie ein Schwamm aufsaugen

Im Herbst 2022 wurde die Pflanzenkohle auf der großen Wiese im Volkspark Jungfernheide eingesetzt.
Im Herbst 2022 wurde die Pflanzenkohle auf der großen Wiese im Volkspark Jungfernheide eingesetzt.

Eigentlich eine ganz normale Wiese: Das ist der Eindruck, den Besucher*innen des Volksparks Jungfernheide bekommen, wenn sie über die große Fläche in der Mitte des Parks spazieren. Auf den zweiten Blick allerdings kann man überall verteilt kleine Kohlestückchen sehen. Sie geben einen Hinweis darauf, was unter der Oberfläche schlummert: Um den Rasen auch in Dürreperioden am Leben zu halten, wurde auf einer Fläche von drei Hektar eine Schicht aus Pflanzenkohle unter der Oberfläche eingebracht.

Dafür wurde der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, ebenso wie neun andere Projekte, die sich mit lokaler Regenwassernutzung beschäftigen, am Donnerstag von der Berliner Regenwasseragentur als Sieger des Wettbewerbs »Regenial!« ausgezeichnet. Ziel der Regenwasseragentur ist es, Berlin zur Schwammstadt umzubauen, also in Zeiten der Wasserknappheit das vom Himmel fallende Regenwasser zielgerichtet vor Ort zu nutzen, statt es in die Kanalisation abzuleiten.

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»Die Pflanzenkohle kann wie ein Schwamm fünfmal so viel Wasser aufnehmen, wie ihre eigene Masse ist. Das war für uns der entscheidende Punkt«, sagt Jochen Flenker, Leiter des Grünflächenamts im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, zu »nd«. Diese Fähigkeit der Kohle soll der Wiese durch Dürreperioden helfen und sie vor dem Austrocknen bewahren. Denn in den sehr heißen und niederschlagsarmen Sommern vor 2023 habe die Wiese stark gelitten, der Bezirk musste dringend handeln.

Der Volkspark Jungfernheide samt der großen Grünfläche hat eine wichtige Kühlungsfunktion für die großen und dicht bebauten Wohngebiete ringsum, sagt Flenker. »Unser Plan war es, die Wiese als natürliche Klimaanlage wieder in Gang zu bringen.« Das sollte auf möglichst nachhaltige Weise passieren, ohne künstliche Bewässerung. Neben der Pflanzenkohle im Boden wurde daher eine Mischung aus regionalen Gräsern wie etwa Rotes Straußgras, Flaumiger Wiesenhafer und Wolliges Honiggras ausgesät, die an die trockenen und sandigen Böden angepasst sind.

»Ob das Konzept der Pflanzenkohle als Schwamm die Wiese hitzeresistenter macht, können wir noch nicht mit Sicherheit sagen«, so Flenker. Denn seit der Fertigstellung im Frühling 2023 habe es keine vergleichbaren Dürreperioden wie in den Sommern davor gegeben. »Die Wiese muss den Hitze-Härtetest erst noch bestehen.«

Dass Pflanzenkohle im Boden eine positive Wirkung auf dort wachsende Pflanzen hat, ist aber in vielen anderen Fällen bereits belegt. Nur auf einer großen und durch viele Besucher*innen stark beanspruchten Wiese in einem Stadtpark ist das Verfahren bislang noch nicht getestet worden. Die Jungfernheide wird so zu einer Experimentierfläche, die auch für viele Wissenschaftler*innen von großem Interesse ist, sagt Flenker.

Die Finanzierung habe das Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung (Bene) übernommen. »Als wir bei Bene nach einer Förderung gefragt haben, haben sie sich gefreut und gesagt: Das wollten wir schon lange mal ausprobieren«, erzählt Flenker. Auch wenn am Ende der Effekt der Kohle nicht ausreichen sollte, um die Wiese vor dem Austrocknen zu schützen, habe es sich gelohnt, das Konzept zu testen. Denn in Berlin litten sehr viele Grünflächen unter der Trockenheit, und es brauche neue und nachhaltige Wege, um die Wiesen dagegen zu wappnen. So habe Flenker schon einige Gespräche mit Kolleg*innen aus anderen Bezirken geführt, die überlegen, ihre Grünflächen ähnlich zu gestalten.

Die komplette Sanierung des Volksparks Jungfernheide hat 2,4 Millionen Euro gekostet, davon seien aber nur etwa 100 000 Euro für den Umbau der Wiese angefallen, sagt Flenker. Auch unter diesem Gesichtspunkt könne er das Verfahren weiterempfehlen. Größte Herausforderung sei aber die Beschaffung der Pflanzenkohle gewesen. Eigentlich war der Anspruch, diese aus regionalen Quellen zu beziehen. Dort waren aber die benötigten 22 Tonnen nicht vorrätig. Die Umsetzung der Wiesen-Sanierung konnte nicht lange warten, also musste ein großer Teil der Kohle aus Süddeutschland angeliefert werden. »Das sollten andere auf jeden Fall besser planen und sich im Voraus um regionale Pflanzenkohle kümmern«, meint Flenker.

Andere zum Nachmachen anregen, will auch die Berliner Regenwasseragentur mit dem eingangs erwähnten Wettbewerb. Aus 49 Einreichungen wurden zehn Projekte ausgewählt, deren Umsetzung sie besonders beeindruckt hat. Plakate mit den Kerninformationen zu den Projekten sollen dann als Wanderausstellung die Ideen verbreiten. »Gegen Hitze, Trockenheit und die Folgen von Starkregen kann man sich wappnen, wenn man seine Stadt zur Schwammstadt umbaut«, heißt es in der Einladung zur Preisverleihung des Wettbewerbs, die am Donnerstagnachmittag stattfand.

Neben der Jungfernheide ist ein weiterer Sieger das entstehende Wohnquartier Buckower Felder im Süden Neuköllns, wo etwa durch Baum- und Tiefbeet-Rigolen das Regenwasser komplett vor Ort bewirtschaftet wird. Auch Entsiegelungsmaßnahmen werden gewürdigt, wenn zuvor durch Asphalt oder Beton versiegelte Flächen aufgebrochen werden, damit das Regenwasser im Boden versickern kann. Das ist zum Beispiel am Görlitzer Ufer in Kreuzberg passiert, wo 1000 Quadratmeter Fläche entsiegelt und mit Blühwiesen bepflanzt wurden.

Dass das Projekt in der Jungfernheide ausgezeichnet wurde, freut den Leiter des Charlottenburger Grünflächenamtes. »Es brauchte viel Mut und Hartnäckigkeit von den Angestellten hier im Bezirk, um das Projekt auch gegen die Kritiker*innen durchzusetzen.« Den Volkspark Jungfernheide fit und widerstandsfähig zu machen, sei auch für die Zukunft eine wichtige Aufgabe. »Die Jungfernheide wird zunehmend in den Fokus rücken«, denkt Jochen Flenker. Denn der Park, der vor allem von den Anwohner*innen aus den umliegenden Wohngebieten genutzt wird, werde zum Beispiel voraussichtlich durch das geplante neue Quartier am Flughafen Tegel künftig noch stärker frequentiert werden. »Der Park ist groß und schön und soll für alle offen bleiben.«

»Unser Plan war es, die Wiese als natürliche Klimaanlage wieder in Gang zu bringen.«

Jochen Flenker
Grünflächenamt Charlottenburg-Wilmersdorf
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