- Berlin
- Neue U-Bahnen
Stadler Rail: Berliner Senat beschränkt sich aufs Daumendrücken
Keine Aufstockung bei U-Bahn-Bestellung in Aussicht, bei der S-Bahn-Vergabe drohen weitere Verzögerungen
»Schnellstmöglich« wünscht sich Markus Bernsteiner den Abruf der im Rahmenvertrag mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) vereinbarten 1500 U-Bahn-Wagen. Der Geschäftsführer der Stadler Rail AG sagt das am Mittwoch bei der Bilanzpressekonferenz des Eisenbahntechnikkonzerns im Schweizer Bussnang. Bisher sind gerade mal 484 Wagen abgerufen. Das ist noch nicht einmal die vereinbarte Mindestbestellmenge von 606.
Zudem warte man seit mehr als vier Jahren auf die Ausschreibung für neue S-Bahn-Wagen für zwei Drittel des Berliner Netzes, »die sich permanent verzögert«. Bernsteiner zeigt bei der online übertragenen Konferenz ein wenig Nerven, wenn er sagt: »Das ist Salamitaktik-mäßig, im März sollte jetzt der Entscheid kommen. Man hört schon wieder, dass wieder ein halbes Jahr geschoben wird.«
»Das macht die Planbarkeit natürlich sehr, sehr schwierig«, erläutert Bernsteiner. Ein ernstzunehmendes Problem für das Berlin-Pankower Werk von Stadler Rail. 1700 der insgesamt rund 14 000 Beschäftigten des Konzerns arbeiten in Deutschland. Man arbeite an einem »weitreichenden Struktur- und Effizienzprogramm«, sagt Bernsteiner.
Bernsteiner berichtet auch von Schwierigkeiten durch Konkurse von Zulieferern. Von manchem ist zu hören, dass diese auch damit zusammenhängen können, dass Stadler Ware für die neuen U-Bahn-Züge wegen eigenen Produktionsproblemen noch nicht abgenommen habe.
In der Industrie führt man einige Probleme auch darauf zurück, dass das einstige Familienunternehmen zu schnell gewachsen sei. Die jahrelange Hängepartie bei den Berliner Aufträgen, für die Kapazitäten vorgehalten werden müssen, verschärfen die Problematik.
Mit der Gewerkschaft IG Metall wird derzeit über einen »Zukunftstarifvertrag« verhandelt, nachdem der Belegschaft »harte Einschnitte und Maßnahmen« angekündigt worden waren. Auch die Gewerkschaft fordert Aufträge vom Senat.
Doch derartige Signale sind vom Berliner Senat nicht zu vernehmen. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) berichtete vergangene Woche im Abgeordnetenhaus von laufenden »vertraulichen Gesprächen« und »sehr, sehr positiven« Signalen aus der Schweiz. »Stadler ist auch ein wichtiger Partner für Berlin, wenn es darum geht, moderne Züge auf die Schiene zu bringen«, erklärte Wegner.
Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) erteilte direkt im Anschluss den Hoffnungen auf schnelle Nachbestellungen von U-Bahn-Wagen eine recht deutliche Abfuhr. »Sie wissen, dass wir Stabilität derzeit vor Aufwuchs setzen«, erklärte sie. »Wenn es erforderlich ist, können wir dann auch weitere Abrufe aus diesem Rahmenvertrag tätigen«, setzte sie noch lapidar hinzu.
Einen Tag zuvor verstärkte sie im Verkehrsausschuss die Zweifel, dass, wie zuletzt kommuniziert, der 27. März nach vielen Verschiebungen tatsächlich der Abgabetermin für die verbindlichen Angebote für die Lieferung von 1400 S-Bahn-Wagen und den Betrieb auf den Nord-Süd- und Ost-West-Linien sein wird.
Denn es wird wieder die längst abgehakt geglaubte Idee geprüft, die Fahrspannung der S-Bahn auf 1500 Volt zu verdoppeln. Beobachter rechnen dann mit einer Verlängerung des Verfahrens um rund neun Monate. Es müsste neu projektiert und kalkuliert werden. Man sei sich »der Eilbedürftigkeit natürlich bewusst«, aber man müsse »zu einer guten langfristig tragfähigen Entscheidung« kommen, sagte Bonde.
Wir haben einen Preis. Aber keinen Gewinn.
Die »nd.Genossenschaft« gehört den Menschen, die sie ermöglichen: unseren Leser:innen und Autor:innen. Sie sind es, die mit ihrem Beitrag linken Journalismus für alle sichern: ohne Gewinnmaximierung, Medienkonzern oder Tech-Milliardär.
Dank Ihrer Unterstützung können wir:
→ unabhängig und kritisch berichten
→ Themen sichtbar machen, die sonst untergehen
→ Stimmen Gehör verschaffen, die oft überhört werden
→ Desinformation Fakten entgegensetzen
→ linke Debatten anstoßen und vertiefen
Jetzt »Freiwillig zahlen« und die Finanzierung unserer solidarischen Zeitung unterstützen. Damit nd.bleibt.