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Kinder zwischen den Fronten
Ulrike Henning über Scheingefechte an der Grenze zum Technik-Schlaraffenland
Die Debatte um das geplante Handyverbot an sächsischen Grundschulen zeigt sich als reines Sommertheater. Und das, obwohl die Schulferien im Freistaat schon wieder lange vorbei sind. Die Schülerinnen und Schüler konnten sozusagen live verfolgen, wie profilierungssüchtige Politiker sie mit großer Geste offline schicken wollen. Das Trauerspiel wird spätestens dann sichtbar, wenn man erfährt, dass 99 Prozent der sächsischen Grundschulen bereits Regelungen für die Handynutzung haben. Und außer dem sächsischen Kultusminister Conrad Clemens (CDU) ist fast niemand für ein solches Verbot, nicht mal unter den sächsischen Christdemokraten, ganz zu schweigen von der demokratischen Opposition oder Bildungsgewerkschaften.
Es gehört zudem zur Trumpisierung der Politik, dass tieferliegende Probleme – fehlender Jugendschutz, verantwortungslose Eltern, Unterrichtsausfall, Lehrermangel – eben gerade nicht angefasst werden. Das gilt auch für die Themen, die nicht in Verantwortung der Länder, sondern des Bundes liegen.
Den Scheingefechten über mögliche Handyverbote fehlt zudem technisch die Substanz. Nicht ohne Grund greifen diverse Mütter- bzw. Elternmedien gerade vor Schuljahresbeginn auf Warentest-Ergebnisse zu den besten Smartwatch-Varianten für Kinder zurück. Die sind zwar von 2023. Aber inzwischen gibt es den Testsieger schon für 99 Euro. Einerseits werden die Eltern mit möglicher GPS-Ortung, Anruffunktion, möglichen Text- und Sprachnachrichten gelockt. Ein Schulmodus soll Ablenkung verhindern. Andererseits gewöhnen sich die jüngsten Nutzer genau daran, die Eltern zu jeglicher Zeit mit ihren Fragen aufzustören, wobei auch immer. Und sie lernen schnell und intuitiv, wo die Grenzen und Möglichkeiten ihres neuen Spielzeugs liegen.
Es geht also nicht nur um die Handys, sondern auch um innovativere Endgeräte. Dem Druck der Hersteller und Plattformen könnten sich Schulen entgegenstemmen: Mit Fachkräften für digitale Medien, die jeweils auf der Höhe der technologischen Entwicklung sind. Und einer Kultur gemeinsamer Problembearbeitung (Eltern inklusive). Aber die dürfte es absehbar im deutschen Bildungssystem eher schwer haben – von den einzelnen Schulen bis zu den Ministerien.
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