Die Tante aus Amerika

Schwer vorstellbar, doch sie existieren: schwarze Frauen, die Donald Trump wählen. Kolumnist Raul Zelik über Besuch von der Verwandtschaft

Kaum eine Anhängerschaft ist Trump so treu wie die evangelikalen Christen.
Kaum eine Anhängerschaft ist Trump so treu wie die evangelikalen Christen.

Diese Woche hatten wir Familienbesuch! Eigentlich hatten sich mehr als zwanzig Onkels, Tanten und Kusinen angemeldet. Aber weil bei einigen Geld und Urlaubstage nicht reichten, andere sich Sorgen machten, Trump könnte ihnen auf dem Rückweg die Einreise verweigern (ein Drittel der schwarzen US-Männer haben einen Eintrag im Vorstrafenregister), schrumpfte die Gruppe schnell auf zehn Personen zusammen. Aus deutscher Sicht immer noch eine unübersichtliche, bunte Truppe. Die Älteste aus der Ausflugsgesesellschaft war 84 und saß im Rollstuhl, der Jüngste gerade einmal sechs.

Für mich die beeindruckendste Person in der Gruppe war eine 76jährige Tante, die ich an dieser Stelle »Faith« nennen möchte. Denn dass der Glaube eine zentrale Rolle in ihrem Leben einnimmt, vermittelte Faith schon bei der Begrüßung. »God bless you«, sagte sie, als sie mich in den Arm schloss – und dann im Verlauf der darauffolgenden Tage noch viele weitere Male zwischendrin. Ob beim Warten im Restaurant oder an der Bushaltestelle: »Gott schütze dich« wurde zu einem spontanen Ausruf der Verbundenheit. Sich in den Arm nehmen und Schönes wünschen – eigentlich eine fantastische Angewohnheit, der man auch ohne Glaubensbekenntnis nachgehen könnte.

Das Problem mit den Vorurteilen über US-Amerikaner ist ja bekanntlich, dass sie zwar einerseits stimmen, andererseits aber nicht recht zusammenpassen.

Faith war nicht nur diejenige, die bei schlechten Redewendungen einschritt oder vor dem Essen darauf achtete, dass gemeinsam gebetet wurde. Sie sorgte auch für gute Stimmung, wenn es der Gruppe in den Wartezeiten langweilig wurde. Dann stimmte sie klatschend ein Lied an, und weil es in ihrer evangelikalen Gemeinde zu Hause im Süden der USA offenkundig musikalischer zugeht als in der Blockflöten-Berghain-dominierten deutschen Mehrheitsgesellschaft, war ich als Zuhörer auch immer sofort bei der Sache.

Noch bemerkenswerter allerdings war, wie unangestrengt sich die Tante um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmerte. Obwohl sie nach einem langen Arbeitsleben als Krankenschwester selbst ernste gesundheitliche Probleme plagen, hatte Faith immer die blinde, im Rollstuhl sitzende ältere Schwester, die demente Kusine Deborah und den sechsjährigen Hakeem im Blick, den sie nach einigen familiären Verwicklungen als Adoptivsohn bei sich aufgenommen hat. Gemeinsam mit ihrem Ehemann bespaßte sie die ganze Woche über die von ihnen abhängigen Verwandten.

Das Problem mit den Vorurteilen über US-Amerikaner ist ja bekanntlich, dass sie zwar einerseits stimmen, andererseits aber nicht recht zusammenpassen. So ist beispielsweise wahr, dass in den USA Individualismus alles ist, die Menschen gleichzeitig dort aber viel hilfsbereiter und freundlicher sind als hierzulande. Oder, dass »US-ians« schockierend schlecht über die Welt informiert sind, zugleich jedoch in Sachen Marxismus und gewerkschaftlichen Organizings in Trumps Amerika deutlich mehr los ist als bei uns.

Raul Zelik

Raul Zelik ist Autor und nd-Kollektivist.

Etwas Ähnliches könnte man auch über Tante Faith sagen: Ihre Charakterzüge entsprachen an manchen Stellen den gängigen US-Klischees, passten andererseits aber überhaupt nicht zusammen. Selten habe ich einen Menschen erlebt, der auf so herzliche Weise solidarisch war wie Faith. Zur Wahrheit gehört leider aber auch: Die Tante ist glühende Trumpistin.

Unter den Onkels sorgt der Umstand, dass die ältere Schwester im vergangenen Herbst den MAGA-Chef gewählt hat und seither alle kritischen Meldungen über den Präsidenten als Fake News abtut, regelmäßig für Unmut. Wie kann eine schwarze Frau aus der Arbeiterklasse einen Politiker feiern, der nichts mehr verachtet als Schwarze, Frauen und Lohnabhängige? Die Onkels wussten so wenig eine Antwort wie ich. Faschismustheoretiker*innen, bitte übernehmen Sie.

Erfreulicherweise nimmt es Tante Faith mit ihren Überzeugungen nicht immer so genau. Obwohl sie die islamophoben Botschaften von »Fox News« zu Hause in Florida gern auch mal selbst weiterverbreitet, wie die Brüder erzählten, fraternisierte sie im Neuköllner Bekleidungsgeschäft unverkrampft mit der Hidschab tragenden Verkäuferin. Nach dem Motto: Muslime sind unsere Feinde – es sei denn, sie begegnen uns. Und auch, dass ihr Adoptivsohn einen arabischen Vornamen trägt, bereitet Tante Faith augenscheinlich wenig Kopfzerbrechen.

Nur in einer Hinsicht blieb es bei ihr undialektisch. Sobald die Unterhaltung eine Frage berührte, der die binäre Geschlechterordnung infrage stellte, wurde die Stimme dieser großherzigen Frau schneidend streng. Ein als Frau geborener Mensch müsse als Frau erkennbar bleiben und umgekehrt. »Period.« Nichts ist für die neue Rechte so sinnstiftend wie ihre Verachtung für trans Personen und queeren Feminismus.

Was sich daraus lernen lässt? Ich weiß es nicht so recht. Aber sicher ist doch, dass mir das enthusiastische God bless you am Ende der Woche erschreckend selbstverständlich über die Lippen ging. Und ich kann auch sagen, dass mir diese Trump-Anhängerin ans Herz gewachsen ist. Leider wird es wegen der US-Grenzpolitik nicht zu einem Gegenbesuch kommen. Aber ich bin sehr dankbar für ihren Besuch. »AY-MEN«, hätte die Tante an dieser Stelle vermutlich ausgerufen. Oder wie man bei uns sagt: »Wirklich wahr!« Unübersichtliche Zeiten.

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