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Sturmsaison für die Nordische Kombination

Beim Weltcup in Ruka tobt der Wind, beim IOC tobt die Debatte: Bleibt die Kombi olympisch oder fliegt sie aus dem Programm?

  • Lars Becker
  • Lesedauer: 4 Min.
Olympianorm schon geschafft: Julian Schmid (l.) aus Deutschland
Olympianorm schon geschafft: Julian Schmid (l.) aus Deutschland

Der Wind toste beim Weltcup-Auftakt der Nordischen Kombinierer um die gefürchtete Schanze im finnischen Ruka. Am Samstag waren die Böen sogar so stark, dass das Springen abgebrochen und der schon tags zuvor absolvierte provisorische Wettkampfsprung verwendet werden musste, um überhaupt einen Sieger ermitteln zu können. Es war ein Omen dafür, wie hart die nächsten Wochen für die Winterzweikämpfer werden dürften.

In diesem Olympia-Winter geht es um die Zukunft der (einstigen) Könige des nordischen Skisports. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat den seit den ersten Winterspielen 1924 in Chamonix bei den Winterspielen vertretenen Traditionssport wegen »mangelnder Attraktivität« auf die Streichliste gesetzt. Die Frauen, die auf ihre Olympia-Premiere gehofft hatten, müssen im Februar im italienischen Fleimstal ganz zuschauen.

Auch im finnischen Ruka sind sie nicht mit von der Partie, sie starten erst am kommenden Wochenende im norwegischen Trondheim in ihre Weltcup-Saison ohne Olympia-Höhepunkt. »Zuschauen tut weh«, sagt die deutsche Gesamtweltcupsiegerin Nathalie Armbruster dazu und attackiert das IOC: »Frauen im 21. Jahrhundert auszuschließen ist einfach ein No-Go.« Ob derlei Kritik die »Herren der Ringe« beeindrucken wird, ist allerdings eher zu bezweifeln.

Zu wenig Vielfalt

Das IOC kritisiert, dass wenige Nationen den vielleicht anspruchsvollsten Wintersport mit der Kombination aus Skispringen (Schnellkraft) und Skilanglauf (Ausdauer) dominieren und die Wettbewerbe im TV-Zeitalter zu langweilig sind. In den ersten beiden Weltcups im Finnland konnten die Protagonisten diese Kritik auch nach dem Rücktritt des norwegischen Dominators Jarl Magnus Riiber nicht ausräumen. Der Österreicher Johannes Lamparter triumphierte in beiden Wettbewerben recht souverän vor dem Oberstdorfer Julian Schmid. Echte Spannung sieht anders aus.

Natürlich hat dieser Saison-Auftakt mit Podestplätzen trotzdem für Begeisterung im deutschen Team gesorgt. »Man weiß vor dem Saisonstart immer nicht, wo man steht. Deshalb ist das Ergebnis genial«, so Schmid. Genial ist es auch deshalb, weil Schmid mit den beiden Podestplätzen schon die harte, interne Norm des deutschen Teams für das Ticket bei den Olympischen Winterspielen in Italien geknackt hat (zweimal Top 3 oder dreimal Top 6) - zum vielleicht letzten Auftritt der Kombinierer auf der größten Bühne des Weltsports.

»Ich bin verärgert über das IOC, weil es für mich nicht nachvollziehbar ist, dass diese Diskussion geführt wird«, sagt der deutsche Gesamtweltcupsieger Vinzenz Geiger. Eigentlich sollte die Entscheidung über den Verbleib der Kombinierer-Männer – und die Neu-Aufnahme der Frauen ins Olympia-Programm – schon im vergangenen Sommer getroffen werden. Doch der Wechsel an der IOC-Spitze von Thomas Bach zu Kirsty Coventry hat die Karten noch einmal neu gemischt.

Entscheidung fällt bei den Spielen

Die Entscheidung soll nun erst nach den Eindrücken (und TV-Quoten) bei Olympia im Februar fallen. Wie man von Insidern hört, stehen die Chancen für die Kombinierer tatsächlich nur bei Fifty-Fifty. »Das IOC schaut genau, wie hoch das Zuschauerinteresse sowohl live an den Strecken als auch im linearen Fernsehen und online ist«, sagt der deutsche Kombinierer-Sportdirektor Horst Hüttel dazu. Eine ganze Sportart steht also unter Beobachtung.

Ob beim Weltcup-Auftakt in Ruka Pluspunkte gesammelt werden konnten, ist unklar. Insgesamt sind die Signale derzeit nicht unbedingt positiv: Bei den Frauen treten Top-Athletinnen wie die viermalige Weltmeisterin Gyda Westvold-Hansen (Norwegen) oder die WM-Dritte Lisa Hirner lieber bei den Skisprung-Spezialistinnen an – sie fürchten, in der Nordischen Kombination keine Olympia-Chance zu bekommen. Auch Vinzenz Geiger fehlte zum Saison-Auftakt im Weltcup. Beim Olympiasieger von 2022 hat das allerdings einen anderen Grund: Er hat sich kurz vor der Saison beim Hallenfußball drei knöcherne Bandausrisse zugezogen.

In diesen Tagen hat er auf der Schanze im österreichischen Ramsau seine ersten Sprünge auf der Schanze nach der Verletzung absolviert. Also genau dort, wo er beim Weltcup kurz vor Weihnachten gern sein Comeback feiern würde. »Wenn Vinzenz zurückkommt, sind wir dann zwei Deutsche da ganz vorn«, freut sich Julian Schmid schon auf das Comeback seines Zimmerkollegen. Zu zwei stemmt es sich im Schicksals-Winter auch besser gegen den Sturm, der den Kombinierern derzeit direkt ins Gesicht bläst.

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