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  • Unwetter häufen sich als Folge der Erderwärmung...

Klimawandel auch nach der Finanzkrise

Wissenschaftler beraten über Konsequenzen / Extremwetter-Kongress diskutiert über die Frage: Energiewende oder Anpassung?

  • Von Reimar Paul, Bremerhaven
  • Lesedauer: 4 Min.
700 Wissenschaftler diskutieren beim heute in Bremerhaven zu Ende gehenden Extremwetter-Kongress über den aktuellen Stand der Klimaforschung sowie über besondere Wetterphänomene, die sich infolge der Erderderwärmung häufen.

Abschmelzende Polkappen und Gletscher, Dürren und Überschwemmungen, Hurrikans und Tornados – dass der immer stärkere Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen die Temperatur auf der Erde steigen lässt und Klimakatastrophen verursacht, ist beim 4. Extremwetter-Kongress in Bremerhaven unstrittig. Einig sind sich die versammelten Fachleute auch, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise zu keinem ernsthaften Umdenken in der Umwelt- und Energiepolitik geführt hat. Kontrovers diskutiert wird hingegen die Frage, ob man die aufziehende Katastrophe mit allen Mitteln bekämpfen oder sich mit ihr auch arrangieren sollte.

»Wenn die Wirtschaftskrise vorbei ist, ist der Klimawandel immer noch da«, sagt Frank Böttcher, Kongress-Organisator und Leiter des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation in Hamburg. Nach seinen Berechnungen könnten die CO2-Emissionen im laufenden Jahr in Folge der Wirtschaftskrise zwar leicht um fünf bis acht Prozent zurückgehen und sich der CO2-Anstieg in der Atmosphäre damit etwas verlangsamen. »Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Jahreshöchstwerte unter denen des Vorjahres liegen«, so Böttcher.

Mit dem weiter steigenden Ausstoß von Kohlendioxid »tut die Weltgemeinschaft das Gegenteil von dem, was sie tun müsste«, kritisiert der Direktor des Kieler Leibniz-Institutes für Meereswissenschaften, Mojib Latif. Dabei zeige gerade die globale Finanzkrise, dass die Weltgemeinschaft auch bei der Bekämpfung der Erderwärmung besser zusammenarbeiten könnte. »Wenn wir wollen, ist alles möglich – die Zeit des Zauderns ist vorbei«, mahnt Latif. Als Indiz für die dramatische Lage werten er und andere Wissenschaftler das schnelle Abschmelzen des Meereises in der Arktis. »Die letzten beiden Sommer brachten das Eis derart zum Schmelzen, dass Flächen ohne Eis waren, die so groß sind wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien zusammen«, heißt es in einer Poster-Präsentation. Allein Deutschland müsse jährlich 20 Milliarden Euro etwa in regenerative Energien investieren, um die Erderwärmung auf zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen, rechnet Latif vor. Werde das Geld richtig ausgegeben, handele es sich nicht um negativ zu Buche schlagende Kosten, sondern um die Sicherung des Wohlstandes.

Auch Böttcher fordert einen raschen Umbau hin zu erneuerbaren Energien. Im sonnenreichen Nordafrika reiche ein mit solarthermischen Kraftwerken bestücktes Areal von der Größe des Saarlandes aus, um den gesamten Strombedarf Deutschlands zu decken. Über Gleichstromleitungen lasse sich der Strom ohne große Verluste nach Europa bringen. Nicht technische Probleme, sondern politische Vorbehalte der Energiekonzerne stünden dem entgegen. Böttcher sieht deshalb die EU in der Pflicht. Sie müsse Regeln schaffen, »mit denen Konzerne zur Durchleitung des Stroms aus Nordafrika verpflichtet werden«.

Widerspruch meldet der Hamburger Meteorologe Hans von Storch an. Zwar spricht auch er sich für einen Ausbau der regenerativen Energien aus, doch reiche allein die Konzentration auf eine Verringerung des Klimakiller-Gases CO2 nicht, um das Problem in den Griff zu bekommen: »Weniger Kohlendioxid wird nicht zu einem Ende der globalen Erwärmung führen«, ist Storch überzeugt. »Wir sollten deshalb die Emissionen verringern und uns gleichzeitig anpassen.« Der Wissenschaftler spricht damit aus, was vielen Ökologen als Tabubruch gilt – die Klimakrise ist auch zu managen. Länder und Kommunen müssten sich beispielsweise rechtzeitig auf den Bau höherer Dämme gegen Überschwemmungen einstellen, dafür sei noch genügend Zeit.

Wie es auch im Kleinen besser gehen könnte, beschreibt Skifahrer-Legende Christian Neureuther. Er gehört zu den Organisatoren der Ski-Weltmeisterschaft 2011 in Garmisch-Partenkirchen, die ihren Strom etwa für Kunstschnee von den Sonnenkollektoren auf den Dächern der umliegenden Häuser beziehen soll.


Lexikon

Kurzfristige Extremwetterereignisse wie heftige Temperaturstürze oder -anstiege, Stürme oder Überschwemmungen gab es schon immer. Sie können zwar nicht eindeutig auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Modelle zeigen aber, dass sie in einer erwärmten Atmosphäre vermehrt auftreten.

Starkregen häuft sich in der Treibhauswelt, weil mehr Wasser aus Ozeanen und Binnengewässern verdunstet und die wärmere Luft mehr Feuchtigkeit halten kann. Kühlt sich die warme Luft ab, etwa weil sie auf eine Kaltfront trifft, regnen wahre Sturzfluten vom Himmel, zusätzlich können sich Hagelkörner bilden. Dann treten Flüsse über die Ufer, Keller werden überschwemmt, und die Wassermassen spülen fruchtbare Böden von den Äckern oder lösen Erdrutsche aus. RP

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