Oper mit Leidenschaft

Kulturgeschichte: Berlin und Buenos Aires

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 2 Min.

Ein kleines, aber glückliches Gedenken im Apollosaal der Staatsoper: kürzlich die Buchpräsentation »Geschichte einer Opernleidenschaft – das Teatro Colón von Buenos Aires und die Staatsoper Berlin«. Daraus ist Kultur gemacht: dass das Netz ihrer Erinnerungen immer wieder um neue Fäden bereichert wird, dass das Gewebe menschlicher Kreativität die Beschädigungen konterkariert, die die Politik den gesellschaftlichen Beziehungen zufügt, dass sie verbindet, wo Macht und Gewalt die Menschen immer wieder trennt. Nicht zuletzt dafür steht Daniel Barenboim, eine Art Schirmherr jenes Buches. Es bedurfte der Opernleidenschaft zweier beruflich nach Deutschland verschlagener Argentinier um zu entdecken, dass es da ein unerkanntes faszinierendes deutsch-argentinisches Opern-Kapitel gibt, in dem sich spannend und bewegend die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts bis heute spiegelt – mit Perspektive.

Die Autoren gingen in die Archive, fanden bei ihrem kosmopolitischen Landsmann Barenboim und dem Gastdirigenten der Staatsoper, dem im argentinischen Asyl aufgewachsenen Michael »Miguel« Gielen, lebhafte Unterstützung, stießen dabei natürlich auf den großen Dirigenten Erich Kleiber, der schon in den frühen 20er Jahren das Teatro Colón, eines der, wie es heißt, auch akustisch schönsten Opernhäuser der Welt, deutschen Musikern erschloss.

Unter denen befanden sich bald auch zahlreiche politisch und rassisch Verfolgte und blieben zum Teil im Lande – wie der Regisseur Josef Gielen (Michaels Vater) oder wie Kleiber selbst, dem der reich bebilderte Band gewidmet ist. Insgesamt 46 deutsche Sängerinnen und Sänger haben in beiden Opernhäusern auf der Bühne gestanden und mit ihren von den Verfassern in sorgfältiger Kleinarbeit erstellten Biografien eine virtuelle Brücke zwischen den Kontinenten errichtet, von den großen Berliner Dirigenten wie Felix Weingartner, Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler u.a.m. ganz zu schweigen. Diese nun sichtbar gemachte Brücke lässt uns die Staatsoper in einem neuen, historisch bereicherten Licht sehen.

Seit 1994 gibt es eine Städtepartnerschaft Berlin – Buenos Aires (wozu u.a. auch ein argentinisches Interesse an deutscher »Vergangenheitsbewältigung« gehört, um die eigene Militärdiktatur aufzuarbeiten) und seit 2004 eine Partnerschaftsvereinbarung der beiden Opernhäuser. Das weckt Erwartungen für die Zeit, wenn beide ihre bauliche Sanierung (Colón 2010) abgeschlossen haben werden.

Maximiliano Gregorio-Cernadas und Cecilia Scalisi: Das Teatro Colón von Buenos Aires und die Staatsoper Berlin 2009, 186 S.

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