Beaujolais und Bücher

Armin Stolper zum 75. Geburtstag

  • Von Klaus-Dieter Schönewerk
  • Lesedauer: 3 Min.

Zwar braucht er von einer Ziege das »Mäh«, um in seinem Titel das entsprechende Reimwort »Beaujolais« verwenden zu können, doch es passt halt so schön zur Alliteration »Bücher«. Letztere sind ihm ans Herz gewachsen, er kann sie nicht wegwerfen. Ach je, wie gut ich ihn versteh. Schlimmer ist und ein Glücksfall zugleich, dass Armin Stolper eigene Druckerzeugnisse auf den heutigen Markt wirft, die man dann ebenso nicht mehr missen möchte. Sein jüngstes Werk sammelt während mehrerer Jahre entstandene Erinnerungsepisoden und Reflexionen, die Einblick in das Denken eines »Dramaturgen auf Lebenszeit« geben und skizzenhafte Stücke einer Wirklichkeit widerspiegeln, wie sie einst in dem ach so fernen Land DDR zu finden war, über die das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Da sind die 50er Jahre, in denen er in Senftenberg, mitten in der Braunkohle, Theaterluft schnupperte und Programmhefte erarbeitete, deren Publikation schon eher mit Zauberkunst zu tun hatte, die ihm dann und dem »Provinztheater« weithin Anerkennung brachten. Weitere Stationen Halle, das Berliner Maxim-Gorki-Theater und das Deutsche Theater tauchen auf, die eigene oft das Gesicht der jeweiligen Bühne mitprägende Leistung, oft eher so nebenbei mitgeteilt. Vor allem sind die Erinnerungen an Menschen spannend, weil viele von ihnen mit Konsequenz vergessen gemacht werden. Der Name »BAM« klingt heut' wie eine Legende; in der Episode »Tunnelaja« erzählt Stolper vom Bauleiter Siegfried Graupner, von Bauleuten, die mit der Mischung aus Abenteuer und Plackerei den DDR-Abschnitt der Erdgastrasse »Drushba« aus dem unwirtlichen Boden stampften, wie selbst hinter der ideologischen Übermalung eine wirkliche »Kraft der Schwachen« ans erfolgreiche und für DDR-Verhältnisse teure Werk ging.

Hinreißend erzählt: Stolpers Begegnung mit dem isländischen Dichter Halldor Laxness, dessen großen Roman »Atomstation« (bei mir heute noch in der DVB-Ausgabe, Ganzleinen, für 2,85 Mark im Bücherregal) er gar zu gern dramatisiert hätte. Der listenreiche Isländer aber schlug's ab, weil er im damaligen Kalten Krieg meinte, auch die DDR fühle sich wie die BRD unter ihrer Besatzungsmacht recht wohl.

Neben beziehungsreichem Lobpreis des eigenen Schreibtisches und des lang genutzten Fußbodenbelags in der vertrauten Wohnung steht ein besonderes Kapitel selbst erlebter Theatergeschichte. Darin erinnert Stolper an den Dichterphilosophen Gerhard Branstner, der zeitlebens dagegen polemisierte, dass Obrigkeiten »die leichte Muse ans Gängelband lehrhafter Lüste« zu legen suchten. Stolper, der heute 75 wird, ist ein Verfechter der Lüste der Kunst geblieben, die in ihrer Zeit aller Lust des Miteinanderlebens Stimme und Bewegung gibt. Darauf einen Beaujolais und ein Stück Ziegenkäse.

Armin Stolper: Beaujolais und Bücher. GNN Verlag. 202 S., brosch., 12,50 EUR.

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