Jedes Buch öffnet eine Tür

Die Weimarer Stadtbücherei hat ein großes Herz für ihre Gäste

  • Von Monika Marschall
  • Lesedauer: 8 Min.
Jedes Buch öffnet eine Tür

Die elfjährige Pauline hat ihre Leseschätze für die kommende Woche gut verstaut. Dieses Mal ist auch wieder ein Buch aus der Feder ihrer Lieblingsautorin Cornelia Funke dabei. »Sie schreibt einfach tolle Geschichten auf, ich bin immer gespannt auf die nächsten Bände«, schwärmt die junge Leserin. Fast jeden Dienstagnachmittag führt Paulines Weg nach Schulschluss in die nahegelegene Weimarer Stadtbücherei. »Ich komme schon ziemlich lange hierher, weil Bücher zu meiner Freizeit gehören«, erzählt sie und sagt, dass das Angebot an Kinder- und Jugendliteratur bestimmt für sie ausreicht, bis sie in die Regale für die Erwachsenen greifen kann. Früher kam in ihrem Dorf oberhalb von Weimar die Fahrbibliothek vorbei. Aber seitdem Pauline das Gymnasium in der Goethestadt besucht, ist der Weg in die Bücherei viel kürzer und – mindestens ebenso wichtig – die Ausleihe bis zu ihrem 18. Geburtstag umsonst.

Sabine Brendel leitet die Stadtbibliothek.
Sabine Brendel leitet die Stadtbibliothek.

Die Stadtbücherei Weimar ist eine der insgesamt sechs Bibliotheken der Klassikerstadt. Während die berühmte »Herzogin Anna Amalia Bibliothek« und die Bibliotheken der Bauhaus-Universität sowie der Hochschule für Musik »Franz Liszt« ihre Schwerpunkte auf Forschung, Wissenschaft, Lehre und Ausbildung legen, ist die Stadtbücherei in der Weimarer Steubenstraße sozusagen für alle da, angefangen vom jüngsten Bilderbuch-Liebhaber bis hin zu den ältesten Einwohnern der Ilmstadt, die ihrer Bibliothek über Jahrzehnte hinaus in fester Lesertreue verbunden sind. Immerhin besitzen etwa 20 Prozent der Weimarer im Alter von sieben bis weit über 80 Jahre einen Benutzerausweis. Das vierstöckige Bücherparadies blickt auf eine 130-jährige Geschichte zurück. Im einstigen Messhaus öffnete 1878 die Bibliothek des Volksbildungsvereins mit einem Bestand von 900 Titeln ihre Türen.

Seit 1993 ist mit der Leitung des Hauses die Dipl.-Bibliothekarin Sabine Brendel betraut. Sie hat in diesem Haus ihren Wunschberuf von der Pike auf gelernt. Gemeinsam mit ihren 22 Mitarbeitern sorgt sie für ein abwechslungsreiches kulturelles, wirklich buntes Leben, macht die Bibliothek zum Treffpunkt vieler begeisterter Weimarer und auch Touristen. Neben dem täglichen Ausleihdienst ist das Haus offen für Buchpremieren, Lesungen prominenter Schriftsteller und Nachwuchsautoren. Bibliothekseinführungen, Lese- und Schreibwettbewerbe, auch Konzerte, Ausstellungen und andere kulturelle Angebote ziehen die Besucher an. Selbstverständlich steht das Buch immer im Mittelpunkt der Bibliotheksarbeit.

Im vergangenen Jahr wurde zum sechsten Mal der Thüringer Bibliothekspreis vergeben, ausgeschrieben vom Thüringer Bibliotheksverband und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen. Die öffentliche Stadtbücherei Weimar erhielt den 1. Preis. Die Jury war überzeugt vom Gesamtkonzept sowie von der gelungenen Vernetzung mit anderen Bibliotheken sowie weiteren Kooperationspartnern der Stadt. »Diese Auszeichnung ist uns Freude und Verpflichtung gleichermaßen«, sagt Brendel. So gilt es täglich von Neuem, zur großen Schar der jährlich 135 000 Besucher weitere Büchereifreunde zu gewinnen. »Ich freue mich jeden Tag, wenn die Bibliothekstüren geöffnet sind und die Leselustigen Leben ins Haus bringen, wenn meine Kolleginnen viel zu tun haben mit Ausleihe, Rücknahme, Beratung und Empfehlung«, so die Direktorin. Dabei richte die Bibliotheksmannschaft ihr Augenmerk besonders auf die jungen Leser, »denn hier sehen wir unsere besondere Verantwortung – ihnen und unserer eigenen Büchereizukunft gegenüber«. Groß sei das Bemühen, immer wieder neue Möglichkeiten zu finden, Lesefreude zu wecken und Lesen zu fördern. Manche Veranstaltung, so erste Leseversuche mit Vorschulkindern, hat die Lust am Lesen geweckt, die Fähigkeit des Lesenkönnens verbessert. Lesungen, Literaturprojekte, Film- und Theatervorführungen finden statt. Besonders beliebt ist der vor vielen Jahren ins Leben gerufene Schreibwettbewerb »Weimarer Buchlöwe« für die sechs- bis elfjährigen Talente.

Bei allen Projekten und Vorhaben weiß Sabine Brendel zuverlässige und begeisterte Partner an ihrer Seite. Dazu gehören zuallererst ihre Kollegen. Der Kreis wird erweitert durch die Weimarer Stadtkulturdirektion, durch die Vertreter des Weimarer Schulamtsbereiches, die eingetragenen Vereine, nicht zu vergessen viele Weimarer Künstler. Unter dem Motto »Wissen erobern« finden seit 2007 – gemeinsam vorbereitet mit den großen Bibliotheken der Stadt – Veranstaltungen statt, die den Jüngeren einen Zugang zu allen Weimarer Bibliotheken erschließen. Die Resonanz zeigt sich im Anstieg der Anmeldezahlen von Schülern der 10. und 11. Klasse. Auch die Vorschulkinder kennen ihre Bibliothek schon sehr gut. Fast alle Kindertagesstätten der Stadt sind Gäste der auf sie abgestimmten Vormittagsprogramme. Es kommen die Kinder der neun Grundschulen, der vier Regelschulen, der vier Gymnasien und vier Förderschulen Weimars sowie die der Freien Waldorfschule. Sie alle sind zumeist regelmäßig zwischen den Regalen oder an den Bildschirmen zu finden, leihen sich CDs aus, Hörbücher, Spiele oder machen andere Entdeckungen, die das Haus ihnen bietet. In Ferienzeiten herrscht fröhlicher Hochbetrieb. Immerhin steht den jugendlichen Besuchern in der Kinder- und Jugendbuchabteilung ein Bestand von mehr als 21 000 Medien zur Verfügung. Von den jährlich rund 350 Veranstaltungen in der Bücherei sind mehr als zwei Drittel den jungen Gästen gewidmet. Der Erfolg zeigt sich in der großen Nutzergruppe der Altersklasse der elf- bis vierzehnjährigen Schüler.

Bei aller Hinwendung zu den jungen Lesern bleiben die Erwachsenen nicht außen vor. »Ich habe heute Nachmittag eine längere Autofahrt vor mir und möchte mir zur Unterhaltung zwei oder drei Hörbücher mitnehmen«, erzählt die 40-jährige Krankenschwester Antje Wölfel. Sie steht vor einem Stapel dieses zunehmend gefragten Mediums. Frau Wölfel fällt es schwer, sich zu entscheiden: »Das Angebot ist reichlich, wenngleich ich sonst eher ›richtige‹ Bücher bevorzuge«, gibt sie gern zu. Da habe doch die eigene Fantasie mehr Raum.

Seine Heimstatt in den Räumen der Bücherei hat auch der vor nunmehr zwei Jahrzehnten gegründete Weimarer Literaturtreff gefunden. Zwischen 30 und 50 »Literatur-Fans« treffen sich regelmäßig alle zwei Monate und ergründen Leben und Werk namhafter Autoren, angefangen von Johann Wolfgang von Goethe über Louis Fürnberg, Erich Kästner, Egon Erwin Kisch, Gisela Karau oder Erwin Strittmatter.

82 Besucher schwenken innerhalb einer Stunde in die Stadtbücherei, suchen in den Regalen oder per Computer ein besonderes Buch, eine DVD-Kassette, eine interessante Zeitschrift oder auch Noten für den Musikunterricht, stehen vertieft in Bücherseiten, fragen Mitarbeiter, wenn sie allein nicht fündig werden. Und ebenfalls innerhalb einer Stunde sind 233 Entleihungen erfolgt. »Was den früheren DDR-Bestand betrifft, haben wir keinen Band aussortiert, es sei denn wegen normalen Verschleißes«, sagt Sabine Brendel. Allerdings wurden Mehrfachexemplare entfernt, um Platz zu schaffen.

»Ich komme in dieses Haus, seit ich lesen kann«, sagt der 45-jährige Rudolf Funke in der Abteilung Bildende Kunst. Er könne sich noch gut erinnern, wie die Räume vor der Rekonstruktion Ende der 90er Jahre aussahen, ganz zu schweigen vom damaligen Kohlenkeller, der nun einladend zum wunderschönen Gewölbe für alle Veranstaltungen »verzaubert« wurde. Pünktlich zum Kulturstadtjahr 1999 konnte die Weimarer Stadtbücherei durch eine kluge Entscheidung der Stadtväter als eines von elf Kulturstadtprojekten umgestaltet und, mit einem Kostenaufwand von vier Millionen Euro, völlig saniert werden. Es entstand ein modernes Medienzentrum für die Bürgerschaft der Goethestadt. Der dadurch sanierte Gewölbekeller ist längst zum reizvollen Mittelpunkt unterschiedlicher Veranstaltungen geworden. Im Gästebuch finden sich Eintragungen solcher prominenter Besucher wie Bernhard Vogel, Lothar Späth, Dirigent Herbert Blomstedt und andere.

»In Weimar wird das Jahr hindurch an allen Ecken und Enden gelesen und vorgelesen«, weiß die Bibliotheksleiterin. »Das stellt uns immer vor die Herausforderung, Lücken und Nischen zu finden, die wir mit unserem wirklich kleinen Veranstaltungs-Budget erobern können.« Für die etwa 350 Veranstaltungen im Jahr stehen der Bibliothek rund 5000 Euro als Honorare zur Verfügung. Das heißt, klug zu rechnen und das Engagement anderer Kulturschaffender zu nutzen. Da sind langjährige Verbündete wie der Weimarer Gitarrenverein, die Stadtkulturdirektion, die Volkshochschule, die Deutsch-Italienische Gesellschaft sowie einige Weimarer Bürger als ständige Mitstreiter zu nennen. »Ohne deren Hilfe wäre unser vielfältiges Programm nicht durchführbar«, sagt Sabine Brendel. Und: »Wir alle wissen, dass jede zusätzliche Veranstaltung künftige Leser ins Haus bringen kann. Dabei geht es uns finanziell so gut oder so schlecht wie jeder anderen öffentlichen Bibliothek in Thüringen. Das im vergangenen Jahr verabschiedete Bibliotheksgesetz des Landes würde daran in absehbarer Zeit nichts ändern. »Doch sehr positiv ist zu sehen, dass über die Bibliotheksarbeit in Ausschüssen, in Kulturgremien, in Parteien gestritten wurde«, meint sie. Das so zustandegekommene Gesetz folge zwar nicht dem Vorschlag der Enquete-Kommission des Bundes, die öffentlichen Bibliotheken als Pflichtaufgabe in den Kommunen zu verankern, sondern schrieb leider deren Freiwilligkeit fest. Das bedeute, dass dem Sterben der Bibliotheken auch im Land Thüringen noch kein Ende gesetzt sei. »Ungewöhnlich in Weimar ist dennoch, dass wir gerade jetzt in zwei Stadtteilen über kleine Ausleihstellen befinden, die schon einmal, bis 1998, als Stadtteilbibliotheken wirkten. Diese Aufgabe ist nicht leicht zu lösen, wird uns aber mit Hilfe der Stadtväter gelingen« – Sabine Brendel lässt sich die Hingabe für »ihr« Haus nicht nehmen. »Trotz alledem nenne ich es für mich selbst einfach Glück, dass ich bei allen kleinen, oft genug auch schwierigen Problemen einer Tätigkeit nachgehen kann, die für mich meine berufliche Erfüllung bedeutet.«

»Es ist ein beeindruckendes Gebäude geworden«, lobt Rudolf Funke die Bibliothek. Einmal wöchentlich führt ihn sein Weg in die Bereiche der bildenden Kunst, in die der Belletristik oder zu den Bänden der Musikliteratur. »Ich komme nie mit festen Vorstellungen hierher, lasse mich sozusagen bei meiner Auswahl vom Angebot und mir selbst überraschen.« Er meint, dass die Regale langsam zu voll würden, das erschwere dem Benutzer die Handlichkeit. Bald wird Leser Funke mit seinem jetzt fünfjährigen Sohn herkommen. Bis dahin wünscht er sich von den Mitarbeitern, dass Kinderbücher nicht nach dem Alter der Kleinen, sondern nach dem Namen des Autors oder auch des Verlages geordnet werden. »Das spart Zeit beim Suchen«, glaubt er und ist schon gespannt, welches Buch er in der nächsten Woche nach Hause tragen wird: »Schließlich öffnet jedes Buch Türen.«

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