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Barockglanz und Abu Ghraib

Das Moritzburg-Festival überzeugte durch Vielfalt und Qualität

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Cellist Jan Vogler ist Gründer und Leiter des Festivals. Der in Berlin geborene Musikersohn wurde in Dresden musikalisch sozialisiert und lebt heute in New York.
Der Cellist Jan Vogler ist Gründer und Leiter des Festivals. Der in Berlin geborene Musikersohn wurde in Dresden musikalisch sozialisiert und lebt heute in New York.

Zum 17. Mal schon fand dieses feine Kammermusikfest im sächsischen Jagdschloss Moritzburg statt. August der Starke hat das alte Schloss zum letzten Mal umgebaut und erstaunlicherweise war erst jetzt auch die Musik seiner Zeit erstmalig ein Schwerpunkt in der Reihe der Konzerte. Festivalgründer und -leiter ist der vorzügliche Cellist Jan Vogler. Mit seinen vorwiegend jungen und durchweg ausgezeichneten Solisten ist er angetreten, den Alte-Musik-Spezialisten die alleinige Hoheit über die Barockmusik streitig zu machen. Sein Argument: Die entsprechende Spielweise haben wir alle jetzt gelernt, nun gilt es, sie auch für moderne Instrumente wieder zurückzuerobern.

Trotz Telemann, Vivaldi, Pachelbel und Bach mit ihrem Barockglanz im Moritzburger Schloss und an einigen umliegenden edlen Spielorten, trotz Sterneköche-Galadinner, Brunch, Klezmer-Nacht und »Wassermusik« auf dem Schlossteich hat sich das Festival nicht nahtlos in die Reihe blankgeputzter Hochglanz-Musikfeste eingeordnet. Jan Vogler versteht sich auf das Geschäft des Mischens. Glänzendes Event trifft klassisch-romantische Musikausübung in hoher Vollendung, und ein »Composer-in-Residence« garantiert Jahr für Jahr Gegenwärtiges.

Nach Wolfgang Rihm, Thomas Adés, Mark-Anthony Turnage und anderen war nun der US-amerikanische Komponist John Harbison Gast im kurfürstlich-sächsischen Ambiente. Sein Hauptwerk für das Festival war ein Duo für Klavier und Violoncello, »Abu Ghraib«. In zwei Szenen und zwei Gebeten versucht das Stück, das in Moritzburg seine europäische Erstaufführung erlebte, einen gedanklichen Raum um den tiefen Schrecken aufzubauen, den der Name dieses irakischen Gefängnisses assoziiert. Es ist die Tortur für die Häftlinge, die Harbison reflektiert, es ist aber auch der Schock, den die Menschenrechtsverletzungen durch »ihre Jungs« bei der US-amerikanischen Bevölkerung auslösten. John Harbison, ein Komponist in der Traditionslinie von Samuel Barber und Aron Copland, sucht Töne und Wendungen der Fremdheit. Den Cello-Gebeten, die irgendwie vertraute Motive verfremden, stehen ganz eigene Klangfindungen gegenüber. Der gelungenste Abschnitt lässt Cello und Klavier extrem gläsern und spröde klingen. Es entsteht ein Motiv von tiefster Fremdheit und von der Kälte der nächtlichen Wüste.

Um das zentrale Stück »Abu Ghraib« herum gruppierte Jan Vogler zwei »festivaltypische« Werke, ein selten gespieltes Flötentrio von Carl Maria von Weber und das frühe Quintett G-Dur von Antonin Dvorak in einer neuen und frischen Interpretation. Im Flötentrio geistern Rossini-Nachklänge und fragmentarische »Freischütz«-Motive reizvoll umeinander; die Aufführung war unbedingt eine Werbung für das Stück. Das Dvorak-Quintett lebte von einer wunderbaren Balance zwischen belebtem, opulentem Klang und sorgsamst ausgehörten Details. Manieristische Akzente, Kunstpausen, vordergründige interpretatorische Willens- und Originalitätsbekundungen fehlten, dafür erlebten die Zuhörer pure Musizierlust und Tonschönheit.

Mit einem Klaviertrio und der Suite »Six American Painters« wurden bei anderen Konzerten weitere Werke John Harbisons in Moritzburg vorgestellt.

Das Moritzburg-Festival lebt, ähnlich wie Gidon Kremers Kammermusiktreffen in Lockenhaus, wie das Festival in Heimbach oder das von Markus Groh im uckermärkischen Bebersee, vom Freundes- und Kollegenkreis Jan Voglers. In fast schon berühmten öffentlichen Proben genießt das Publikum die familiäre Atmosphäre zwischen den miteinander vertrauten Musikern. Vogler lädt keine festen Ensembles ein, sondern kombiniert ausgezeichnete Solisten. Immer besser würde er sich in die Chemie solcher Treffen hineindenken, meint er. Und genau darin sieht er auch den wesentlichen Motor für die Entwicklung seines Moritzburg-Festivals. Es ist eine Frage der Mischung.

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