Das Vielzuviele hat einen Widerpart

Thomas Demand: »Nationalgalerie« in der Nationalgalerie zu Berlin. Mit Texten von Botho Strauß

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.
Thomas Demand: Büro. 1995. C-Print/Diasec, 183,5 x 240 cm © T. Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2009,
Thomas Demand: Büro. 1995. C-Print/Diasec, 183,5 x 240 cm © T. Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2009,

Kunst und Illusion sind inniglich verbundene Verschwörer. Im Essayband »Logis in einem Landhaus« erzählt W. G. Sebald die Geschichte von den beiden griechischen Malern Parrhasios und Zeuxis. Letzterer habe, so heißt es, Weintrauben derart täuschend echt gemalt, dass die Vögel an ihnen herumzupicken versuchten. Parrhasios bat daraufhin Zeuxis in seine Werkstatt, um ihm seine eigene Arbeit zu zeigen. Als Zeuxis den Vorhang von der Bildtafel des Kollegen nehmen wollte, merkte er, dass dieser Vorhang nur gemalt war. So können Suggestionskraft des Bildes und die vom Bild im Betrachter erzeugte Erwartungshaltung einander gegenseitig verstärken.

Thomas Demand, Jahrgang 1964, Skulpturenkünstler der besonderen Art, stellt in der Neuen Nationagalerie zu Berlin seine »Nationalgalerie« aus. Deutschstunde. Er hat aus Standorten hiesiger Mentalitäts- und Charaktergeschichte lebensgroße Papiermodelle gefertigt, nach Fotos, also nach dem medialen Erscheinungsbild der Dinge, er hat geschnitten, gefaltet, geklebt, gefalzt, das fertige »Bühnenbild« dann fotografiert. Anschließend vernichtete er das mühsam, geduldig hergestellte Modell.

Die Weitergabe von Wahrnehmungszeichen. Aus Abbildern entstanden neue Abbilder: unsere zweite Welt, in einer Mediengesellschaft ist sie mit dem Verdacht behaftet, mehr und mehr die eigentliche Welt zu werden. Hinter den Bildern nur immer neue Bilder, das Wirkliche ist blockiert von Chiffren, die Realität und also Erfahrung simulieren; aus der Widerspiegelung der Dinge ist ihre Vorspiegelung geworden. Demand nimmt das auf, um es als das Entleerte der Welt zu zeigen.

Der Dichter Botho Strauß: »Es sind ausnahmslos überfüllte Räume, in denen wir hausen. Das bildliche Gedränge. Alles ist voll. Man kann nicht einfach wegsehen. Das Vielzuviele, das wir sehen, sagen und erfahren, kennt außer der Kunst keinen Widerpart.«

Schade, dass man, die Eindrücke in der Ausstellung hier notierend, das Wesentliche trennen muss, denn zwei Dinge gehören zusammen: Demands Papierwelten – und eben Texte von Strauß, den Foto-Modellen in jeweils einer Vitrine beigegeben. Strauß, der Krisenporträtist von Mythos' Gnaden, ein Vorausdenker in jenes Wiederkehrende, das den pulsierenden, sich mit Gegenwart berauschenden Zeiten als Hinter- und Untergrundgeräusch eingeschrieben bleibt; in unserem Gedächtnis »der geschützte Code der Frühe« – unsere Chronik der Gefühle und wahren inneren Gestimmtheiten schreibt sich langsamer als das Rasen, mit dem Verkaufskultur gewordene Welt alles außer Atem setzt.

Strauß kommentiert Demand nicht, er erzählt ihn weiter, mitunter scheint die philosophisch-literarische Miniatur nichts mit dem Bild zu tun zu haben. A priori stimmt das, denn zwischen Bild und Wort muss erst verbindend der Betrachtende treten; der Stoff des bildenden verbirgt sich dem Stoff des schreibenden Künstlers so lange, bis wir mit unseren Assoziationen den Text anschaulich und die Bilder lesbar machen.

»Wand« heißt eine der Arbeiten, eine Weltkarte, die Kontinente: schwarze Schnittbögen; von hinten angeleuchtet, prangen sie an einer Konferenzraumwand. Vielleicht auch in einer militärischen Einrichtung. Die Erde als Operationsraum, als Taktikgelände, für den Dichter Strauß vielleicht nur noch ein Markt-Platz, also: Ausverkauf der Fülle, Globalisierung als ein Verrat an den Geheimnissen, die Kontinente von Kontinenten trennen. Der schablonenhafte, glatte, oberflächenschiere Kartenblick offeriert die Übergabe der Welt an den Allesfraß der Vernutzung. Der bittere, nüchterne, verständliche Gedanke von Strauß: Wir nehmen's hin. »Ein Leben mit der bitteren Einsicht in die Unrettbarkeit der angenehmen Verhältnisse ist bei weitem erträglicher, als die geringste Konsequenz aus ihr zu ziehen. Sie produzieren, sie arbeiten, sie verteilen den Reichtum, sie bezahlen den Frieden. Diese Überantwortung der Geschichte an die Ökonomie diente dem Erhalt des inneren und äußeren Friedens besser als jede ideelle Politik.«

Zu sehen eine angeleuchtete, so liebliche wie gefährlich still lockende Waldlichtung; ein Copyshop – und der Gedanke, dass Vielfalt wahrlich etwas anderes ist als Vervielfältigung; Bürolamellenwand, Garage, TV-Studioeinrichtung, Kinderzimmer, ein Stück Bonner Bundestagspräsidium – deutsches Wohlstandswerden, dazu Plattenbau und Treppenhaus: Das Sterile schreit nach Menschen. Aber ein zertrümmerter, durchwühlter Raum weckt Angst vor ihrer Rückkehr.

Bilder und Sätze: Hinter dem Illusionismus der Oberfläche, vielleicht, wahrscheinlich, eine furchterregende Tiefe.

Thomas Demand: Nationalgalerie. Mit Texten von Botho Strauß. Berlin, Neue Nationalgalerie, bis 17.1.

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