Von mir ist nichts

Plagiatsvorwürfe gegen »Axolotl Roadkill«

Euphorisch reagierten Leser und Kritiker auf Helene Hegemanns Debütroman »Axolotl Roadkill« (ND vom 28.1.). Jetzt sind Plagiatsvorwürfe gegen die 17-jährige Autorin lautgeworden. Im Internet stellte der Blogger Deef Pirmasens eine ganze Reihe von Textstellen aus Hegemanns Buch beinahe gleichlautenden Zitaten des Autors Airen gegenüber, dessen Roman »Strobo« 2009 im kleinen Berliner Verlag SuKuLTuR erschienen ist und der bislang kaum beachtet wurde. Helene Hegemann bestreitet nicht, sich bei Airen bedient zu haben – und offenbar bei vielen anderen. In ihrer Reaktion auf die Vorwürfe heißt es u.a.: »Von mit selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut).«

Wer ein solches Statement für dreist hält, mag recht haben. Aber es steckt mehr dahinter. Jeder Schöpfer braucht Quellen; woraus sollte er sonst schöpfen? Man kann einer 17-Jährigen nur wünschen, nicht selbst erlebt zu haben, worüber Hegemann schreibt: exzessiven Umgang mit harten Drogen, lieblosen Sex, Elternlosigkeit, philosophisch unterfütterte Verwahrlosung. Und man sollte es keiner 17-Jährigen verdenken, sich mit genau solchen Themen auseinandersetzen zu wollen. In keinem anderen Alter ist man so empfänglich für Extreme wie in der Pubertät. Und in keiner je dagewesenen Zeit wurde der Durst nach krassen Geschichten so willig gestillt wie in unserer, in der dank Internet und Medien die Sensationslust pausenlos befriedigt und im selben Moment neu gefüttert wird. »Originalität gibt's sowieso nicht«, schreibt Helene Hegemann in ihrer Stellungnahme, »nur Echtheit«. Echt ist für die Autorin das, was »sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird«. In solchen Äußerungen zeigt sich das kognitive Vorgehen einer Generation, die die Fähigkeit entwickelt hat, aus einer Flut unüberschaubarer Informationen das individuell Nützlichste herauszufiltern. In seinem Buch »Payback« machte Frank Schirrmacher eine Veränderung des linearen Denkens durch omnipräsente Netzcomputer aus. Helene Hegemann kann ihm als menschliches Indiz für seine These dienen.

Wie steht es aber in der Zukunft um die Kreativität? Wer ihren Untergang aufziehen sieht, sollte erwägen, dass kein Komponist je auch nur einen einzigen Ton erfunden hat. Ein Großteil der Kunst bestand schon immer in der Kombination von Vorhandenem.

Inwieweit ihre Stichwortgeber an Hegemanns Erfolg zu beteiligen sind, darüber hat das Urheberrecht zu befinden. Die Autorin selbst gestand ein, »total gedankenlos, egoistisch« gehandelt zu haben, als sie ganze Passagen von Airen fast wörtlich übernahm; die »juristische Tragweite« sei ihr »nicht bewusst« gewesen – kindlich naiv eben. An der künstlerischen Legitimation ihrer Schreibtechnik hegt Hegemann indes kaum Zweifel. Warum auch? Die Alternative wäre, wo alles schon gesagt ist, das Schweigen.

Um rechtliche Wiedergutmachung bemüht sich nun der Ullstein-Verlag. An SuKuLTuR hat man sich bereits gewandt, um eine nachträgliche Genehmigung zu erbitten. »Sollte es weitere betroffene Rechteinhaber geben, werden wir auch sie kontaktieren und die Genehmigung zum Abdruck einholen.« Mal sehen, wer sich alles meldet.

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