Rauchende Mülltonne im Hinterhof

»Die Glasmenagerie« von Tennessee Williams am Berliner Maxim Gorki Theater

Ein idiotisches Stück? In seinem »Journal Amerika« fällte Brecht 1945 dieses vernichtende Urteil über »Die Glasmenagerie« von Tennessee Williams. Das Süßlich-Schwärmerische, Verträumte, Kränkliche in der Geschichte um Mutter, Tochter, Sohn ging ihm ganz offensichtlich auf die Nerven. Aber man kann die Begebenheit um unerfüllte Sehnsüchte, um das Scheitern an der Realität auch anders lesen. Im Berliner Maxim Gorki Theater versucht das Milan Peschel mit geradezu verstörender Konsequenz. Für ihn ist alles, was da »in einer Seitengasse von St. Louis« Anfang der 1940er Jahre geschieht, unwirklich, flüchtig. Mutter Amanda Wingfield hängt einer scheinbar glorreichen Südstaaten-Vergangenheit nach – ihr Mann ist längst auf und davon. Tochter Laura, leicht gehbehindert und lebensuntüchtig, putzt ihre Glastierchen. Sohn Tom muss das Geld für die kleine Familie heranschaffen, träumt von der weiten Welt und vom Ruhm als Schriftsteller. Probehalber erzählt er, was geschieht und geschehen ist – darunter die symbolträchtige Geschichte vom gläsernen Einhorn, das am Ende, beschädigt, zum gewöhnlichen Pferd wird – und geht ebenfalls auf und davon.

Das Spiel zwischen Gegenwart und Vergangenheit hat es Milan Peschel angetan, und das heißt vor allem, das Spiel zwischen Gegenständlichem, Fassbarem und dem nur Vorgestellten, Geheimnisvollen hinter den Dingen. In einem braven schmalen Zimmer fängt alles an, Tisch, Sofa, Stühle, Küche, Herd sind da und doch irgendwie nicht richtig gebrauchsfähig. Bravheit, Wohlanständigkeit wird behauptet, und bricht unter Slapstick-Einlagen mit Bildern, Geschirr und Stehlampe zusammen. Urplötzlich verwandelt sich das bürgerlich Artige in die knalligen Effekte von Varieté und Music-Hall – und dann wird die Rückwand abgebaut, weggetragen, jeder Rest vertrauter Wirklichkeit verschwindet im schwarzen Schlund der nun gähnend offenen Bühne (Moritz Müller). Peschel versucht, das psychologisch feingliedrige Stück aufzublasen bis zum Äußersten. Eine Mülltonne dampft und ist von Feuer umspielt, fensterdurchbrochene Häuserwände senden spärliches Licht in den Hinterhof, der vielleicht ein Weltenschlund ist. Finster wird es und immer finsterer (bei Williams geht tatsächlich das Licht wegen unbezahlter Stromrechnung aus), die Figuren huschen herum vor einer magisch leuchtenden Wand, sind oft kaum noch auszumachen, denn auch vorn, an der Rampe, gibt es nur Kerzenlicht. Das düstere Szenarium eines Untergangs, noch umspielt von sehnsuchtsvoller Musik (Maike Rosa Vogel), wird dem nachdenklichen Stück aufgebürdet wie ein schwerer Rucksack.

Für den Reiz des zweistündigen Abends sorgt Cristin König. Ihre Mutter Amanda ist kein Geschöpf aus Fleisch und Blut, sondern ein Kunst-Produkt. Ein Wesen, auch sprachlich wie mechanisch angetrieben, mit ruckenden, schnellen, federnden Bewegungen, hin- und hergerissen, aggressiv, fordernd. Eine Puppe, die sich immer von Neuem aufzieht – und eben doch auch ein Mensch, der bis zum Äußersten um seinen Platz im Leben kämpft. Dieser furiosen Gestaltungskraft ist nicht leicht standzuhalten – Ronald Kukulies (Tom) gelingt es durch eine energiegeladene Ruhe, eine Überlegtheit, die Temperament zügelt, nicht verleugnet. Ninja Stangenberg zeigt als Laura bewusst nicht das konventionell zerbrechliche, überzarte Mädchen. Sie gibt der hoffnungslos Eingeengten sogar einen Hauch Humor, einen Rest von Bindung ans Alltägliche. Andreas Pietschmann schließlich, der Familien-Gast, versucht es mit ungelenker, diffuser Jugendlichkeit.

Dass die Figuren des Tennessee Williams in der Aufführung so schwer zu packen sind, ist offensichtlich besonderes Anliegen des Regisseurs – er will heraus aus dem Überlieferten, Kleinformatigen, aus Rührung und Melancholie. Die Welt ist aus den Fugen, auch für diese Wingfield-Familie. Das Feuer in der Mülltonne verlischt, es ist virtuell, eine höhnische Attitüde.

Nächste Aufführung am 19. März

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