Wände reden

Buch: Van Veen

  • Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer Herman van Veen »in concert« erlebt hat und jetzt seine Autobiografie mit dem trefflichen Namen »Bevor ich es vergesse« liest, wird dabei eine ähnliche Erfahrung machen: Da erzählt er wieder, singt förmlich, unterhält, wechselt spielerisch die Sujets, ist humorvoll und traurig, weise und närrisch, und ist der große Junge mit dem großen Herzen geblieben.

Er öffnet die Türen und die Fenster seines Elternhauses, zeigt den Vater, zeigt die Mutter (die er beide innig liebt und ewig missen wird), zeigt die Straßen seiner Kindheit und Jugend, den Stadtteil von Utrecht, durch den er auf seinem abzuzahlenden Fahrrad Zeitungen austrägt, sich mal hier, mal dort für ein paar Worte aufhaltend, zuweilen auch für mehr, wenn ihn eine Schöne verlockend ins Haus bittet.

Van Veen schöpft aus einem Füllhorn von Erinnerungen, sie scheinen ihm beim Schreiben mühelos gekommen zu sein, prall und plastisch, und so begegnet einem zunächst ein Jugendlicher, der ziemlich verwegen ist, ziemlich zügellos, noch ziellos, der lieber Fußball spielt als Geige, und erst nach und nach den Weg findet, den er gehen will – schließlich mit vollem Einsatz und wunderbar erfolgreich gehen wird.

Er berührt seine frühe Ehe, deutet an, wie sie zerbricht, stellt uns seine Kinder vor (die ihm bleiben und immer bleiben werden) und nimmt uns mit auf Wegen um die Welt in vieler Herren Länder, deren Glanz und Elend er bildhaft macht, vor allem das Elend der Kinder, denen er helfen wird – mit Wort und Tat und dem Ende von Konzerten: in den Philippinen und so manchem fernöstlichen Land.

Zusammen mit anderen namhaften Künstlern wird er sich in den sechziger Jahren an einem weltweit übertragenen Konzert beteiligen, damit Nelson Mandela endlich freikommt – und später immer wieder zu großen Auftritten nach Südafrika reisen, wo ihm beim Klang von Afrikaans zumute ist, »als ob die Wände des Rijksmuseums zu reden anfangen«.

Auf französischen Bühnen wird er vom Holländischen ins Französische wechseln, auf englischen und amerikanischen ins Englische, auf deutschen ins Deutsche, und sollten ihm dabei die Worte ausgehen, hilft er sich mit Gesten, wird er ganz der Pantomime – und wird verstanden und bejubelt.

Verstanden auch in dem, was er in deutschen Kirchen und Konzertsälen gegen Nazis und ihre Verbrechen zu sagen hat und in seiner Anteilnahme am Schicksal der Juden. Im Buch leuchtet diese Anteilnahme immer wieder auf. Trotzdem ist er gern in Deutschland, und muten ihn auch die Kontrollen an DDR-Grenzen mehr als übel an, sein Empfang quer durch ostdeutsche Landen versöhnt ihn: »Von allen Deutschen, die ich kenne, sind mir – bis auf eine Handvoll Ausnahmen – die aus dem Osten am liebsten, und das nicht, weil sie so viel weiter weg von Holland wohnen«, schreibt er.

Am Schluss des Buches wird der nunmehr 65-Jährige fragen: »Wo kommen all die Menschen her? Müsste nicht inzwischen vierzig Prozent unseres Publikums gestorben sein? Und dennoch, dennoch, zu unserem großen Glück: Die Säle sind immer voller.«

Hermann van Veen: Bevor ich es vergesse. Aufbau Verlag, 291 S., geb., 19,95 €.

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