Schmetterlinge, Berge und der Mensch

Alternativer Klimagipfel in Bolivien – Hoffnung für Mutter Erde?

  • Von Gerhard Dilger, Cochabamba
  • Lesedauer: 6 Min.
Auf dem alternativen Klimagipfel in Bolivien ruft Präsident Evo Morales ein »neues planetarisches Paradigma« aus. Indigene und Umweltaktivisten machen erfolgreich Druck von unten.
Evo Morales (unten) gibt auch ihnen ein Forum: den Indígenas des amerikanischen Südens, die am alternativen Klimagipfel auf dem Campus der Valle-Universität in Tiquipaya teilnehmen.
Evo Morales (unten) gibt auch ihnen ein Forum: den Indígenas des amerikanischen Südens, die am alternativen Klimagipfel auf dem Campus der Valle-Universität in Tiquipaya teilnehmen.

Auf den ersten Blick sieht alles nach einem alternativen Jahrmarkt aus: Hunderte drängen sich an Ständen vorbei, an denen vegetarisches Essen, politische Literatur und Kunsthandwerk angeboten werden. Junge Künstler bemalen eine Stellwand, andine Folkloregruppen musizieren und tanzen auf einer zentral gelegenen Bühne. Auf schattigen Rasenstücken lagern farbenfroh gekleidete Indianerfrauen und Jugendliche mit ausgefallenen Frisuren.

Doch ein paar Schritte weiter herrscht konzentrierte Arbeitsstimmung: In überfüllten Hörsälen wird auf Spanisch und Englisch über Klimaschulden, Aktionsstrategien und Technologietransfer gestritten. In einem riesigen Auditorium tragen Intellektuelle und Politiker ihre Thesen über Umweltzerstörung und internationale Machtverhältnisse vor.

Ein Tribunal für den Klimaschutz?

Der Campus der Valle-Universität in Tiquipaya, einem Vorort der bolivianischen Großstadt Cochabamba, ist Schauplatz der »Weltkonferenz der Völker über Klimawandel und Rechte der Mutter Erde«, zu der Evo Morales geladen hat. Über 20 000 Aktivisten aus 130 Ländern sind gekommen. Ohne die Vulkanwolke über Europa wären es noch mehr geworden.

Boliviens sozialistischer Präsident ist allgegenwärtig: auf riesigen Plakaten an Unigebäuden oder an Ständen diverser Ministerien, auf Buchdeckeln oder Stellwänden, in den Reden begeisterter Anhänger aus dem In- und Ausland. Und Morales kommt auch selbst vorbei: Mal lauscht er einer Podiumsdiskussion, mal eilt er mit seinem Gefolge zu einer Wiese, wo er mit dem burundischen Vizepräsidenten per Hubschrauber zu einer Stippvisite in die Provinz abhebt. Dort wird er eine Sporthalle einweihen und Fußball spielen.

In einem nahe gelegenen Luxushotel gibt der Staatschef eine Pressekonferenz. Umrahmt von Außenminister David Choquehuanca und UN-Botschafter Pablo Solón, sammelt er Fragen, die er anschließend im Block beantwortet. Eine beliebte Methode, um unbequeme Themen auszuklammern. Und doch ist dieser Auftritt weitaus überzeugender als Morales' Eröffnungsrede am Dienstag, als er auf dem örtlichen Sportplatz durch ein paar verunglückte Bemerkungen Aufsehen erregt hatte.

Die weiblichen Hormone industriell hochgezüchteter Hühner seien ein Auslöser für Homosexualität, scherzte er da, der Verzehr genmanipulierter Lebensmittel sei die Ursache für grassierenden Haarausfall. In Bolivien brachte ihm das Spott von der Opposition und den Protest von Schwulengruppen ein, in der internationalen Presse stellte er damit vielerorts seine Ausführungen über die Klimafrage in den Schatten.

Gegenüber den Journalisten bleibt Evo Morales ernst und regt die Gründung einer internationalen Organisation an, die sich für die Rechte von Mutter Erde einsetzt. Überdies soll im April 2011 weltweit ein Referendum über die Verwendung der globalen Militärausgaben von gut 4 Milliarden Dollar täglich organisiert werden: »Die wirkliche internationale Verteidigung muss die Verteidigung von Mutter Erde sein.« Auch die Gründung eines Klimaschutztribunals schlägt er vor.

»Es geht nicht mehr um Kapitalismus, Sozialismus oder Kommunismus, sondern um etwas Tieferes, ein neues planetarisches Paradigma«, erklärt er, »wenn wir die Rechte der Natur verteidigen, dann verteidigen wir auch die Menschenrechte.« Die Ratlosigkeit, in die der Berliner Mauerfall die internationale Linke gestürzt habe, sei nun vorbei.

Als Gesellschaftsform schwebt dem Präsidenten ein »kommunitärer Sozialismus« vor. Auf dem Andenhochland, wo er geboren sei, »gibt es kein Privateigentum«. Zur Förderung der Bodenschätze, dem von linken Ökologen kritisierten »neuen Extraktivismus«, sieht er kurz- und mittelfristig allerdings keine Alternative, auch nicht zum Bau neuer Überlandstraßen. Hinter den Protesten gegen solche Projekte sieht er Organisationen, die die lokale Bevölkerung manipulierten.

Indigene wollen nicht nur Waldhüter sein

Boliviens Regierung zeigt Präsenz und möchte auch die Kontrolle bei der Abfassung der Schlussdokumente nicht aus der Hand geben. Schließlich ist das Treffen ein wichtiger Baustein ihrer Außen- und Klimapolitik. Vizepräsident García Linera macht klar, dass er die Klimafrage vor allem auf der globalen Ebene diskutieren möchte: »Isolierte Lösungen gibt es nicht, wir müssen gemeinsam gegen die Verschärfung des Klimadesasters kämpfen.« Er wendet sich gegen die »zerstörerische Logik des industriellen Kapitalismus« und technische Scheinlösungen für die Klimafrage wie Agrotreibstoffe oder Bestrebungen, CO2 künstlich zu binden.

»Uns wollen sie in Waldhüter verwandeln, während sie selbst weiter den Planeten zerstören«, wirft der Altlinke, strategischer Kopf der Regierung, den Industrienationen vor. Dann wendet er sich gegen den »romantischen Konservierungsglauben«, der von unberührten Naturvölkern ausgehe anstatt von Indígenas, die längst »in die Konsumwelt eingetreten sind«.

Wenig später setzt Außenminister Choquehuanca behutsam einen Kontrapunkt. Im Kapitalismus stehe das Geld, im Sozialismus der Mensch im Mittelpunkt, sagt er, »Für uns Indígenas sind aber das Wichtigste die Berge, unsere Flüsse, unsere Luft. Zuerst kommen die Schmetterlinge, die Ameisen, unsere Berge und zuletzt der Mensch.« Aufgabe aller indigenen Völker sei es, diese »nach 500 Jahren verschütteten Werte« zurückzugewinnen, auf den »Weg des Gleichgewichts« zurückzukehren. Sozialistische Vorstellungen seien damit durchaus vereinbar. »Der Wandel liegt in der Hand der Völker, nicht bei Präsidenten, Ministern oder Abgeordneten«, lautet sein optimistisches Fazit.

Tatsächlich haben in- und ausländische Aktivisten hier ein Forum, von dem sie auf UN-Klimagipfeln nur träumen können. Dass die Kritiker von Bergbau-, Staudamm- oder Straßenprojekten, die sich zur Arbeitsgruppe 18 zusammengeschlossen haben, außerhalb des Campus tagen müssen, hat sich als Eigentor erwiesen: Mehr als die 17 »offiziellen« Gruppen stehen sie im Mittelpunkt des Medieninteresses, auch Prominente wie die kanadische Bestsellerautorin Naomi Klein oder Ecuadors früherer Energieminister Alberto Acosta treten dort auf. Nach zwei Tagen wird die Forderung an Evo Morales verabschiedet, sämtliche Großprojekte abzublasen, von denen indigene Völker direkt betroffen sind. Außerdem solle die Regierung ein Wirtschaftsmodell anstreben, das nicht mehr auf dem Export von Rohstoffen basiert.

Aber auch in der Arbeitsgruppe »Wälder« geht es hoch her, da feilschen Spezialisten um jede Formulierung. Schließlich setzten sich die Kritiker des Emissionshandels gegen die regierungsnahen Funktionäre aus Venezuela und Bolivien durch. Vorsitzende Camila Moreno aus Brasilien lobt den »wunderbaren Konsens«: »Anders als bislang in der Klimakonvention dürfen künstlich angelegte Monokulturen wie Eukalyptusplantagen nicht als Wälder definiert werden, und die Rechte der Indígenas müssen ausdrücklich berücksichtigt werden.«

Besonders freut sie sich über das klare Nein zum Emissionshandel als »neoliberalem Mechanismus« zur Privatisierung von Urwäldern. Stattdessen wünsche man sich die Einrichtung freiwilliger Fonds, die auf der Anerkennung der »Klimaschulden« des Nordens gründen. Camila Moreno: »Wir wollen keine Almosen des Nordens als Gegenleistung für so genannte Umweltdienstleistungen, sondern die Anerkennung dessen, dass er uns das schuldet. Wir wollen die ökologische Restaurierung der Wälder durch die Völker.«

Das größte Verdienst von Evo Morales

Die Beschlüsse der Wäldergruppe sind ein Beispiel dafür, wie sich Positionen, die selbst bei Südamerikas fortschrittlichen Regierungen noch keine Chance haben, auf der Konferenz Gehör verschaffen. Das ist das Neue an Cochabamba: Durch Druck von unten scheint es wieder möglich, marktbasierte, von der internationalen Klimadiplomatie ersonnene Mechanismen in Frage zu stellen, deren Haupttriebfeder der Profit von Privatunternehmen ist. »Es ist ein wichtiger Schritt nach vorne«, sagt Alberto Acosta. »Das ist das größte Verdienst von Evo Morales.«

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