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Episoden aus Nahost

Sahms Erinnerungen

  • Von Alexander U. Martens
  • Lesedauer: 3 Min.

Henryk M. Broder nennt ihn in seinem Geleitwort voller Anerkennung »einen Saurier unter den Nahostreportern«. Zu Recht, denn Ulrich W. Sahm ist der dienstälteste deutsche Journalist und Korrespondent, der für deutschsprachige Zeitungen, Radio- und Fernsehsender aus dem sogenannten gelobten Land berichtet. Seit vierzig Jahren lebt und arbeitet er in Jerusalem. 1950 in Bonn als Sohn eines Diplomaten geboren, kam Sahm mit 12 Jahren in die »internationale Sektion« eines Pariser Gymnasiums, an dem, durch jüdische Mitschüler, »meine Geschichte mit dem Land, das mein Leben prägte«, begann und besuchte mit 16 ein Internat – die Odenwaldschule –, um das deutsche Abitur zu machen. Nach einem ersten Aufenthalt in Israel begann er 1968 in Köln das Studium der Judaistik, das er dank eines Martin-Buber-Stipendiums 1970 in Jerusalem fortsetzte – und gleich da blieb. Trotz eines Lebens, dessen Alltag vom permanenten Ausnahmezustand bestimmt ist, hat sich Sahm bis heute die Freiheit geleistet, »als Deutscher und journalistischer Beobachter (...) nicht Partei ergreifen zu müssen und jederzeit die Fronten überschreiten zu können«. Seine Arbeit hat ihm dies, bei den Israelis wie bei den Palästinensern, keineswegs immer erleichtert.

Vieles von dem, worüber Sahm in seinem Buch erzählt, ist dem halbwegs informierten Leser in groben Zügen natürlich bekannt. Doch zu lesen, wie im einzelnen der ganz normale Wahnsinn von israelischer »aktiver Selbstverteidigung«, vulgo Liquiditätspolitik, und palästinensischem »legitimen Widerstand gegen Besatzer«, vulgo Raketenbeschuss und Selbstmordattentate, das tägliche Leben von Juden und Arabern beschwert, das reicht weit über das hinaus, was wir normalerweise über den nahöstlichen Krisenherd erfahren.

Glücklicher Weise beschränkt sich Sahm nicht nur auf diesen Aspekt des israelischen Alltags, sondern erzählt auch Episoden aus seiner journalistischen Arbeit; etwa von seinen Begegnungen mit Arafat oder mit Daniel Barenboim und dessen skandalträchtigem Wagnis, 2001 mit der Staatskapelle Berlin zum ersten Mal Richard Wagner in Israel zu spielen. Oder davon, wie er zum Kurier des Originals von Schindlers Liste wurde. Oder, dass vor vielen Jahren der seinerzeitige Außenminister, Mosche Dajan, einer deutschen Delegation empfahl, Bonn möge sich eine Atombombe zulegen, um so seine weltpolitische Bedeutung zu unterstreichen!

Das Buch enthält Stefan Heyms letztes Interview, das Sahm in Jerusalem mit ihm führte, bevor Heym kurz darauf im Urlaub am Toten Meer starb. Es berichtet von deutschen Emigranten und über die jüdische Küche. Und es birgt eine Reihe von archäologischen und historischen Schmankerln, z. B. das von der Wasserrechnung für das Klo auf dem Dach der Grabeskirche. Nicht zuletzt ist freilich auch diese Geschichte ein Beweis dafür, dass man Ulrich W. Sahm leider zustimmen muss, wenn er zu dem Schluss kommt: »Nachdem dreitausend Jahre lang (...) das gelobte Land nie richtig zur Ruhe gekommen ist, mag ich nicht daran glauben, dass hier in ein paar Monaten oder Jahren alle Probleme gelöst sein könnten.«

Ulrich W. Sahm. Alltag im Gelobten Land. Vandenhoeck & Ruprecht. 240 S., kart. 19,90 Euro.

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