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Der Schmerz des Erinnerns

»Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad« – ein erschütternder Dokumentarfilm

In den frühen 1960er Jahren siedelten sich rund 300 Deutsche auf einem 40 000 Hektar großen Gelände in den Bergen Chiles an. Die Landschaft, der sie hier begegneten, ähnelte der in ihrer Heimat, im Schwarzwald oder in der Fränkischen Schweiz. Der Mann, der sie in die Fremde geholt hatte, versprach ihnen eine kameradschaftliche Gemeinschaft, eine große Familie, die treu und ergeben ihre Arbeit verrichten sollte und dabei auf Gott und die Bibel schwor. Als Namen wählten die Aussiedler »Colonia Dignidad«, Kolonie der Würde, errichteten um ihr Areal einen von Hunden scharf bewachten Zaun, installierten Kameras, um alle Bewegungen zu registrieren, und belegten Flüchtige mit harten Strafen.

Mehr als 40 Jahre später, 2006, stand Paul Schäfer, der Gründer der »Colonia Dignidad«, vor einem chilenischen Gericht. Wegen Folter, illegalem Waffenbesitz und vielfachem Kindesmissbrauch wurde er zu 27 Jahren Haft verurteilt. Weitere 13 Mitangeklagte mussten sich wegen Bildung einer verbrecherischen Vereinigung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. In den Kellern der Kolonie hatte sich während des Pinochet-Regimes der chilenische Geheimdienst angesiedelt; Hunderte Juntagegner wurden hier gefoltert, viele ermordet. Zahlreiche Mitwisser deckten auch die Exzesse des pädophilen Schäfer, der sich männliche Heranwachsende zu seinen Gespielen machte. Nach dem Ende der »Colonia Dignidad« setzte eine massive Abwanderung ein; heute leben hier noch 150 Frauen, Männer und Kinder.

Martin Farkas und Matthias Zuber haben sie mit der Kamera besucht und aus Beobachtungen und Interviews einen erhellenden, erschütternden Dokumentarfilm gedreht: »Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad«. Er beleuchtet den konkreten Fall, ist aber zugleich Parabel auf geschlossene Gesellschaften überhaupt, den damit verbundenen Freiheitsentzug und die Beschädigung des Individuums durch Indoktrination und Gewalt. Er ist ein Film auch über den schwierigen Umgang mit der Vergangenheit, das Vergessen und Verschweigen, den Schmerz des Erinnerns und der Wahrheitssuche.

Farkas und Zuber sprechen mit Vertretern sowohl der Gründergeneration als auch mit deren Kindern. Wenn Betroffene erzählen, dass sie den sexuellen Missbrauch durch Sektenführer Schäfer als Liebesbekundung empfanden, noch dazu religiös verbrämt, werden die Funktionsmechanismen der »Colonia« deutlich: ein System aus Zuckerbrot und Peitsche, verschleiert durch die Theorie einer vermeintlich übermenschlichen Zuneigung. Bücher, Fernsehen und Rundfunk wurden verboten – weil sie Gott lästerten. Auch wenn Schäfer schon Neugeborene von ihren Eltern trennte und sie in ein gesondertes Kinderhaus gab, geschah das immer »im Namen des Herrn«. Und wenn Siebenjährige zum Steinesammeln und Unkrautjäten auf die Äcker getrieben wurden, hatten die Aufsichtspersonen nicht nur eine Peitsche in der Hand, sondern das Wort des Sektenführers auf den Lippen: »Arbeit ist Gottesdienst.« Die Verwundungen von damals sind den Jüngeren bis heute auf die Stirn geschrieben. Jede Lockerheit scheint verloren, die Unsicherheit drückt sich in scheuen Blicken und auch in dem aus, was nicht über ihre Lippen kommt. Verhärmte Gesichter im Gegensatz zu jenen blühenden Landschaften, die Farkas und Zuber dazu ins Bild setzen.

Eine der spannendsten Begegnungen, die der Film dem Zuschauer ermöglicht, ist die mit einem älteren, weißhaarigen, gütig wirkenden Mann und Familienvater, der sein Leben in der »Colonia« bis heute als »Suche nach der Nähe zu Gott« beschreibt. Dass er Mitglied der Waffen-SS war, erwähnt er nur beiläufig, und erst nach seinem Satz, dass er versagt habe, weil ihm die Liebe fehlte und er alles zu materiell gesehen habe, wird seine einst führende Funktion durch ein Insert mitgeteilt: Wir haben es mit Kurt Schellenkamp zu tun, dem früheren langjährigen Stellvertreter Schäfers.

In diesem Moment durchfährt es den Zuschauer wie ein Schock: Von nun an blickt man mit anderen Augen auf den stattlichen Greis und die Menschen um ihn herum, die gemeinsam mit ihm das Weihnachtsfest feiern. Die Kamera verweilt lange auf dem Gesicht des »lieben Onkel Kurt«, wie er bis heute genannt wird. Dann zeigt sie, ganz am Schluss des Films, den hell erleuchteten Gemeindesaal von außen, umgeben von finsterer Nacht: ein metaphorisches Bild für eine noch immer relativ abgeschottete Gemeinschaft, deren einer, kleinerer Teil über die Wunden der Vergangenheit, die schuldhaften Verstrickungen und den Opportunismus vieler reflektieren will, während die anderen darauf pochen, man müsse einen Schlussstrich ziehen, um unbelastet vom Gestern ins Morgen aufzubrechen. Ein Streit – ganz fern und doch so nah.

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