Puh der Bär im Regenwald

Stippvisite bei den Orang Asli im Taman Negara Nationalpark in Malaysia

Blick vom Fluss in den dichten Tropenwald im Taman Negara Nationalpark.
Blick vom Fluss in den dichten Tropenwald im Taman Negara Nationalpark.

Durch das dichte Grün des Regenwaldes schallt der Handy-Klingelton des Songs »I Am Proud To Be Malaysian« von der Band Dr. Sam. Asrul Abdullah nimmt an, unterhält sich kurz. Seit zehn Jahren arbeitet er als Park Ranger im malaysischen Taman Negara Nationalpark für das Department of Wildlife and National Parks. Ein Leben ohne den Wald kann er sich nicht mehr vorstellen. »Ich wurde hier geboren und gehöre an diesen Platz. Ich hoffe, dass ich hier auch sterben werde.«

Ein Stoffbär dient in einer kleinen Orang-Asli-Siedlung als Zielscheibe für Pfeile aus dem Blasrohr.
Ein Stoffbär dient in einer kleinen Orang-Asli-Siedlung als Zielscheibe für Pfeile aus dem Blasrohr.

Taman Negara erstreckt sich über große Teile der nördlichen Halbinsel und gehört mit seinem 130 Millionen Jahre alten Dschungel zu den ältesten Waldgebieten der Erde. Bereits 1939 gegründet, ist er der älteste Nationalpark Malaysias. Das Ökosystem des vielstöckigen Tropenwalds ist komplex und artenreich. Weit über 15 000 verschiedene Arten von Bäumen, Blumen, Vögeln, Säugetieren, Fröschen, Schlangen, Eidechsen und Insekten leben im Wald und seinen Flüssen. Sogar imposante Säugetiere wie Elefanten, Tapire, Panther, Nashörner und Tiger finden sich hier.

Doch ist es gar nicht so leicht, eines dieser wilden Tiere zu Gesicht zu bekommen. »Sie zu sehen ist wie ein Bonus«, erklärt Asrul, »es ist hier nicht wie in Afrika.« Er hat immer ein Fernglas und einen Fotoapparat dabei. »Wenn wir ein Tier sehen, wird es fotografiert«, erklärt er. »Das Sumatra Nashorn zum Beispiel suchen wir noch.« Manche der Fotografien hängen später im Informationszentrum der Park-Direktion – gleich unter dem gerahmten Bild der Königin, die hier einst zu Besuch war.

Das Fruchtfleisch ist weiß und süß

Es ist schwülwarm, Zikaden singen durchdringend. Der 30-jährige Asrul kennt die verschiedenen Insekten und Baumarten, macht auf Elefantenspuren aufmerksam und entdeckt Vögel im Blättermeer. Und er weiß genau, welche Früchte essbar sind, wie beispielsweise die rote Mangostane, deren weißes Fruchtfleisch süß und saftig schmeckt. Es gefalle ihm, freut er sich, dass es bei seiner Arbeit keinen Druck und Stress gebe, wie es in den Städten der Fall sei.

Seit den 60er Jahren ist Taman Negara für den Tourismus geöffnet. »Doch nur auf weniger als fünf Prozent der Nationalpark-Fläche werden Touristen zugelassen«, weiß Asrul. Rund 91 000 Touristen zieht es jährlich nach Taman Negara. Etwa die Hälfte von ihnen kommt aus dem Ausland, vor allem aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland.

In kleinen schmalen Holzbooten mit knatternden Motoren werden sie auf geführten Touren durch den Dschungel gefahren. Gelenkt werden die Boote durch einen Stock, der auf den Grund gestoßen wird. Das ist gar nicht so leicht, häufig lauern große Steine unter der Oberfläche. Der Canopywalk – schwankende Übergänge durch die Wipfel der Urwaldriesen in 30 Metern Höhe – bieten schwindelerregende Aussichten. Wer will kann verschiedene Höhlen erkunden und beispielsweise durch die Gua Telinga – eine fledermausbewohnte Höhle – kriechen. Hier kann man manch riesenhafter Kröte begegnen. Neun Tage dauert es, den mit 2187 Metern höchsten Berg der Malaiischen Halbinsel zu erreichen, und ihn schließlich zu erklimmen. Oder man verbringt die Nacht auf einem Hochstand, von wo aus man Tiere erspähen kann. Manche der Flüsse hat die Nationalparkverwaltung zum Fischen freigegeben. Asrul erzählt, er habe beobachtet, dass Europäer die gefangenen Fische wieder freilassen, das würde Einheimischen nie einfallen. Denn für sie sei der Fischfang kein Freizeitvergnügen, sondern diene der Nahrungsbeschaffung.

Vom Ökotourismus profitiere vor allem das örtliche Gemeinwesen, so Asrul, weil er Arbeitsplätze schaffe. Die Rodung des Regenwaldes zugunsten von Plantagen hält er für keine gute Idee. Es sei nichts dagegen einzuwenden, dass der Wald genutzt wird, aber das radikale Abbrennen oder Abholzen der Vegetation schade nur und verringere die Artenvielfalt. Gab es vorher etwa 200 oder 300 verschiedene Vogelarten, bleiben hinterher nur noch 20 bis 50 von ihnen übrig. Nur solange es Dschungel gebe, sei garantiert, das die indigene Bevölkerung und die biologische Vielfalt langfristig erhalten bleiben.

Ein kleiner gelber Stoffbär ist auf einer Styroporwand an einem Baum befestigt. Das Stofftier erinnert an Puh den Bären und ist reichlich abgewetzt. Es dient den Orang Asli (Orang heißt »Mensch« und Asli »original« oder »ursprünglich«) als Zielobjekt. An ihm demonstrieren sie den Touristen ihre Schießkunst. Bis heute jagen die Einheimischen mit dem Pfeil. Um zu beweisen, wie genau er treffen kann, schießt einer der Männer Puh den Pfeil direkt ins Auge. Schließlich nehmen auch die Touristen das Blasrohr in die Hand und probieren ihre Treffsicherheit. An die Nomaden kommen sie nicht heran, denn die pusten ihre Pfeile bis zu 50 Meter weit, um mit dem Gift ihre Opfer zu lähmen.

Bewohner sind Jäger und Sammler

Rund 600 Orang Asli sind im Gebiet des Taman Negara Nationalparks zu Hause. Sie sind die Einzigen, die in diesem Gebiet leben dürfen. Das kleine Dorf Kampung Jeram Panjaj (»Stromschnelle«) liegt auf einer Lichtung direkt am Ufer des Tembeling Flusses. Sechs Familien leben in schlichten Hütten aus trockenen Palmblätterzweigen. Häufig kommt Besuch aus einem anderen Dorf. Sie leben vom Jagen und Sammeln. »Gegessen werden vor allem Fische und Vögel«, so Asrul, »Tiere, die auf dem Boden leben, betrachten die Orang Asli als schmutzig.«

Auch am Ökotourismus wollen die Waldbewohner teilhaben. Sie arbeiten beispielsweise als Naturführer. Und sie zeigen den Touristen, wie sie leben. Batu zum Beispiel demonstriert, wie man allein mit Holz und durch Reibung Feuer erzeugt. Das dauert ein bisschen, zwei Männer kommen ihm zur Hilfe. Einige Fotos und Erklärungen später sind die Ortsfremden wieder weg und hinterlassen ein bisschen Geld und einen Hauch der sogenannten Zivilisation.

Muae hat neun Kinder und sein Alter schätzt der in sich gekehrte Mann, der mit leiser Stimme spricht, auf 50. Genau weiß er es nicht, es spielt keine Rolle. Er ist das Dorfoberhaupt. Und bestimmt so auch darüber, was mit dem Geld von den Touristen gemacht wird.

Ort wurde durch Rituale entweiht

Die kleine Gemeinschaft lebt erst seit Kurzem an dieser Stelle des Waldes. »Vorher hatten wir unser Dorf auf der anderen Seite des Flusses«, berichtet er. »Als ein Filmteam aus Deutschland kam, mussten wir es verlassen.« Touristen für ein paar Stunden, fügt er hinzu, seien in Ordnung, aber das Filmteam war zu viel, weil die Einheimischen keinerlei Privatsphäre mehr hatten.

Tatsächlich wurde hier der Bestseller »Dschungelkind« verfilmt. Ende des Jahres soll er in die Kinos kommen. Er erzählt die Geschichte von Sabine Kuegler, die Teile ihrer Kindheit und ihre Jugend in West-Papua verbrachte. Ihr Vater, Missionar und Sprachforscher, nahm die Familie mit in die Ferne zum Volk der Fayu.

Für die Authentizität des Drehs wurden rund 80 Männer, Frauen und Kinder aus dem australischen Teil Papua-Neuguineas eingeflogen. Im indonesischen West-Papua, wo die Geschichte eigentlich spielt, waren die Dreharbeiten politisch nicht erwünscht. Die malaysische Regierung indes unterstützte das Kinovorhaben und Muae und seine Leute räumten ihr Dorf. Für die Bedürfnisse der Filmcrew wurden Sanitäranlagen errichtet. Doch Muae und seine Leute wollen nicht mehr zurück in das Dorf. »Die Komparsen aus Neuguinea haben Rituale durchgeführt, die wir nicht mögen«, erklärt er. »Der Ort ist jetzt entweiht.«

Sechs oder sieben Monate, gibt Muae an, werden sie noch hier bleiben, dann ziehen sie weiter. »Normalerweise gehen die Orang Asli nur an einen anderen Ort«, fügt Asrul hinzu, »wenn ein Mensch stirbt, wenn die Nahrung knapp wird oder wenn Tiere das Dorf angreifen.«

  • Infos: Malaysia Tourism Promotion Board (MTPB), Weissfrauenstraße 12-16, 60311 Frankfurt a.M., Tel.: (069) 460 92 34-20, E-Mail: info@tourismmalaysia.de, www.tourismmalaysia.de
  • Reisen nach Malaysia bieten u.a. an: Neckermann, www.neckermann-reisen.de, Lernidee Erlebnisreisen, www.lernidee.de; Gebeco, www.Gebeco.de; Hauser Exkursionen, www.hauser-exkursionen.de, Wikinger Reisen, www.wikinger-reisen.de
  • Literaturempfehlungen: Stefan Loose, Travel Handbücher, »Malaysia, Singapore und Brunei«, 24,95 Euro
  • Einreise: Es wird kein Visum verlangt, doch die Passkontrolle fordert einen mindestens noch sechs Monate gültigen Reisepass.
  • Impfungen sind in Malaysia nicht vorgeschrieben, empfohlen werden Diphterie, Tetanus, Masern und Hepatitis A.
  • Kleidung: Malaysia ist ein muslimisches Land, daher ist auf angemessene Kleidung zu achten, Beine und Schultern sollten bedeckt sein, das gilt nicht nur für Frauen, auch bei Männern sind Shorts nicht gerade beliebt, wegen des feucht-warmen Klimas ist Baumwollkleidung empfehlenswert.

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