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Ironie gegen Anpassung

Gespräch mit Matthias Lilienthal

ND: Herr Lilienthal, über die Anfänge der Volksbühne vor zwanzig Jahren schrieben Sie einmal: »Einer Zerschlagung von Geschichte stand die Identitätsfindung des Theaters gegenüber.« Wie muss man sich diese von Ihnen beschworene Identität Anfang der 90er Jahre vorstellen? Neben Castorf waren schließlich so unterschiedliche Regisseure am Haus tätig wie Christoph Marthaler, Johann Kresnik, Andreas Kriegenburg, Christoph Schlingensief?
Lilienthal: Die schweizerische Langsamkeit eines Christoph Marthaler traf auf das Zeitgefühl einer totalen Beschleunigung, gerade im Osten Berlins. Dem stand sein Ansatz etwa in »Murx den Europäer« völlig konträr ...

Es hat ja auch etwas Befremdliches gehabt, man fühlte sich wie auf einer Geriatriestation, wo die Zeit stehen geblieben ist und das Leben zu einigen wenigen Ritualen erstarrt ist. Plötzlich weiß man, dass man dem Elend nicht entkommen ist, vor dem man so schnell davon gelaufen war. Es kommt wieder, nur anders.
So ungefähr. Vor und während der Wende waren die Berliner Theater mutig, fast schon revolutionär, danach zog sofort der Opportunismus ein. Da wollte Castorf nicht mitmachen.

Als Castorf dann 1992 Intendant wird – Sie hatten da bereits als Dramaturg ein Jahr Vorbereitungszeit am Hause – und ein junges, ein anarchistisches Theater mit starken utopischen Anspruch machen will, da holt er plötzlich alte Schauspieler, die längst in Rente waren, wieder zurück. Das Gleiche macht er übrigens im Moment wieder so mit Bärbel Bolle, Dieter Montag oder Hermann Beyer.
In dem Moment, als Castorf anfängt, den Prozess der Wiedervereinigung zu kritisieren, zu sagen, das war viel eher ein Bürgerkrieg oder eine Invasion, in dem Moment muss man sich auch im eigenen Haus und auch dem eigenen Ensemble gegenüber anders verhalten. Er schätzte diese Schauspieler sehr. Und die wussten in diesem ostdeutschen Identitätsgefühl auch, wovon sie erzählten. Was wir wurden, hätten wir ohne Tomaschewsky, Ortmann oder Wagner nie geschafft.

War es eine stilisierte Außenseiterrolle, zu der er sich gezwungen sah?
Castorf war nicht dazu gezwungen, er hat das immer gewollt und darum auch so ein starkes Widerstandspotential nutzbar machen können, mit seiner ständigen Fragmentierung, um dann in den Scherben des Ganzen wieder neue Zusammenhänge zu entdecken – großartig, wie es ihm in »Die Weber« gelang, dieses neue Elend zu zeigen. Grenzenloser Konsum und Arbeitslosigkeit, diese Mischung führt direkt zum Ballermann auf Mallorca, das ist nicht revolutionär, sondern schreit nach Ironie.

Der Anspruch der Volksbühne war auch: eine neues Publikum zu finden, vor allem Nichttheatergänger ins Haus zu holen. Ein heikler Anspruch, der doch sicher auch zur Selbstverschleißung führt. So etwas wie Schreiben für Leute, die nicht lesen wollen.
Die Situation Anfang der 90er war doch die, dass die Gesamtstadt Berlin die Perspektive der Ostberliner auf die Stadt vollständig verdrängt hatte. Und da ist Frank Castorf als einsamer Robin Hood aufgetreten und hat das geändert.

Castorf ist ein Intellektueller mit einer großen Prägnanz. Warum verzichtet sein Theater dann so häufig auf Raffinesse und Subtilität?
Das finde ich überhaupt nicht! Castorf ist nach wie vor der intellektuell geschliffendste Regisseur im deutschsprachigen Raum.

Was war es, was diese so verschiedenen starken Charaktere in den 90ern an der Volksbühne dennoch miteinander verband?
Die Volksbühne der 90er opponierte gegen die Art der Wiedervereinigung – und das mit extrem unterschiedlichen Ausdrucksformen. Wir haben daraus dann eine wichtige Plattform gemacht. Eine Weiterführung der Tradition, wie sie Brecht am BE und Besson an der Volksbühne betrieben hatten. Castorf war es dabei sehr wichtig, nicht in einer falschen DDR-Kontinuität gesehen zu werden. Er wollte den Neuanfang.

Interview: Gunnar Decker
Matthias Lilienthal, geb. 1959 in Berlin-Neukölln war von 1991 – 1998 Dramaturg und stellvertretender Intendant an der Volksbühne. Seit 2004 leitet er sehr erfolgreich das HAU, ein multikulturelles Theater in Kreuzberg.

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