Der Unbestimmt-Eindeutige

In Dresden zeigt die Ausstellung DENKMALnach! – DENKMALjetzt! die Plakate von Bernd Hanke

  • Von Sebastian Hennig, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.
Gute Plakate wollen den unsichtbaren Zeitgeist schon in der Gegenwart treffen und anschaulich machen. Mit seinen knappen Visualisierungen ist dies dem Dresdner Grafikdesigner Bernd Hanke öfter gelungen als anderen. Seine Plakate aus den Jahren von 1983 bis 2010 werden nun in Dresden ausgestellt.
Hankes berühmtes Frauenkirchen-Plakat von 1984 Repro: Bernd Hanke
Hankes berühmtes Frauenkirchen-Plakat von 1984 Repro: Bernd Hanke

1984 wurde ein Fotoplakat von Bernd Hanke weithin bekannt. Ein schwarz-weißes Foto aus der unmittelbaren Nachkriegszeit mit der Ruine der Frauenkirche und der vom Sockel gestürzten Luther-Statue davor: Der Reformator in seinem Talar wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken liegend. Die beiden majestätischen Fassadenteile überragen den Trümmerberg und berühren fast die obere Kante des Blattes. Das Gegenteil eines Triumphbogens! Am unteren Rand bilden weiße Versalien das Wort »Denkmal«, rot unterstrichen und ergänzt mit einer Plakatschrift zu »DENKMALnach!«. Zu jener Zeit drohten die beiden deutschen Staaten durch die Raketenstationierung in Ost und West zum Aufmarschfeld für einen neuen Krieg zu werden.

Einige Tausend Exemplare des Plakates wurden in der Papiertest-Abteilung eines Grafischen Großbetriebes der DDR gedruckt. Eine ausgedachte Druck-Lizenznummer wurde mit der Hand in die Druckform eingetragen. Der Staatliche Kunsthandel übernahm das Plakat in den Verkauf. Nur einige hundert Meter vom Plakatmotiv entfernt hing es dann im Erdgeschoss der »Neuen Dresdner Galerie« im Fenster. In Windeseile verkauften sich die Exemplare. Nach einem Bericht in den Westmedien rief die unbestimmt-eindeutige Aussage des Plakates die Organe der Staatssicherheit auf den Plan. Eine ganze Nacht lang wurde Hanke ausgefragt über seine Motivation. Am Morgen nach seiner Entlassung ging er aufs Polizeirevier, um sich über diese Behandlung zu beschweren. Das Plakat war dann später sogar noch in der Zentralen Kunstausstellung zu sehen.

Aktuelle Hemmnisse

Durch einen polnischen Freund gelangten Hankes Beiträge jenseits der üblichen Delegationen in internationale Wettbewerbe. Die heimische Kulturbürokratie war entsprechend verblüfft, als ein Beitrag Hankes auf diesem Weg in Moskau ausgezeichnet wurde.

Die Mischung aus Unerschrockenheit, Zurückhaltung und Eindringlichkeit ist charakteristisch für Hankes Gestaltungen. Sein Handeln war und ist weniger eine entschiedene Opposition als vielmehr Selbsthilfe. Hanke stellt zusammen und lässt durch Verbindungen und kleine Abwandlungen und Irritationen der konventionellen Blickweise neue Botschaften aufkommen. Diese Zeichensprache ist reserviert aber nicht geschmäcklerisch.

Heute sind die Publikationsmöglichkeiten von anderen, gleichwohl ebenso politischen Hemmnissen betroffen. Darum hat Bernd Hanke mit vier Kollegen vom Verband Mitteldeutscher Grafikdesigner die Internetplattform »plakat-sozial« ins Leben gerufen, die auch Beiträge von Gestaltern aus Kanada und Tschechien umfasst. Mit Arbeiten im eigenen Auftrag wollen die Grafiker »Menschen bestärken, ihre humanistische Gesinnung öffentlich zu vertreten«.

Ein Neujahrsgruß vom Dezember 1988, auf dem ein Uhrzeiger langsam vorrückend in den zehn Minuten vor Zwölf wie ein Scheibenwischer die Reste des Zifferblattes mit DDR-Staatswappen wegschiebt, darunter in Versalien »TICK TACK TICK TACK«, entsprach dem damaligen Lebensgefühl vieler. Der Name der Einrichtung, in der die Plakate derzeit ausgestellt sind, endet über zwanzig Jahre danach übrigens mit: » ... der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik«. Zum 48. Mal wird in der Dresdener-Außenstelle der Birthler-Behörde »Kunst im Lesesaal« präsentiert.

»Es war nicht alles gut«

Zum zwanzigsten Jahrestag der Einführung der Deutschen Mark in der damaligen Noch-DDR hat Bernd Hanke ein »objet trouvé« spontan zu einem Arrangement inspiriert: In einem Wechselrahmen sind drei schlanke Papiertüten mit der Aufschrift »Gut gekauft, Gern gekauft« neben einander gelegt. In den Kaufhallen der DDR lagen diese in den Fächern unter den verglasten Kästen mit den Konsum-Semmeln. »Es war nicht alles schlecht« steht unter den drei Tüten mit der schlecht gedruckten Stempelverzierung auf der beschrifteten Schauseite. Unter den drei schmucklosen Rückseiten der Papierbehälter steht dagegen: »Es war nicht alles gut.« Was bleibt da noch hinzuzufügen?

»DENKMALnach! – DENKMALjetzt! ... gegen freiheitsfeindliche Tendenzen gestern und heute. Bernd Hanke – Plakate 1983 bis 2010« bis 22.10. in der Außenstelle Dresden der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Riesaer Straße 7; Mo-Do 8-17, Fr 8-14, Sa nach Vereinbarung. Informationen im Internet unter: www.bstu.de und www.plakat-sozial-bmg04.de

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