Schatten überm Sonnenparadies

Auf den Kanarischen Inseln ist die Krise noch nicht Vergangenheit

  • Von Alfred Hackensberger, Arrecife
  • Lesedauer: 4 Min.
2009 kamen 600 000 Touristen weniger auf die Kanarischen Inseln als im Jahr zuvor. Auch 2010 ist die Krise noch deutlich zu spüren.

»Fajitas, leckere Fajitas«, ruft Manfred Jürgens hinter seinem rollenden Stand auf dem Marktplatz an der Corniche von Arrecife. Der 46-Jährige hat heute Glück. Die Passagiere eines dieser überdimensionierten Kreuzfahrtschiffe, die im Hafen der Inselhauptstadt Lanzarote anlegen, sind auf Landausflug und haben Hunger. In kurzer Zeit verkauft Jürgens knapp 40 seiner mit Huhn oder Chili con Carne gefüllten Tortillas. »Über 100 Euro, da kann man nicht meckern«, lacht er.

Schon über ein Jahr zieht er mit seien Fajitas von Markt zu Markt. Früher waren 100 Euro für ihn noch Kleingeld. Vor zehn Jahren betrieb er eine gut gehende Diskothek, danach einige Bars. »Damals hatte ich einen großen Geländewagen, bin drei, vier Mal im Jahr in Urlaub geflogen.« Damit ist es vorbei. Die Wirtschaftskrise hat das Sonnenparadies Lanzarote nicht ausgespart, Jürgens musste seine Lokale schließen. »Wenn die Touristenzahlen drastisch zurückgehen«, sagt er, der sich danach als Koch und Luftbildfotograf durchschlug, »wird es irgendwann für alle kritisch.«

2009 kamen 600 000 Touristen weniger auf die Kanarischen Inseln als im Jahr zuvor. Für eine Ökonomie, die zu 80 Prozent vom Tourismus lebt, ist das ein herber Schlag. In den ersten neun Monaten 2009 mussten 5000 kleine und mittlere Unternehmen schließen. Und noch immer ist die Misere gegenwärtig. Geschäfte werben mit »Preisen gegen die Krise«. Beim Bäcker gibt's für Arbeitslose und Rentner zehn Prozent Nachlass aufs Brot. Sogar Tierhandlungen reduzieren die Preise für Katzenstreu oder einen neuen Hamster. Die Arbeitslosenquote hat 30 Prozent erreicht, 10 Punkte mehr als im Mutterland Spanien. Die Anzahl sozialer Hilfsorganisationen, die kostenlos Lebensmittel und Kleidung ausgeben, hat zugenommen.

Von alten Zeiten schwärmt Eduardo Fiestas, Direktor des Hotels Costa Sal in Matagorda, zehn Autominuten von Arrecife entfernt. »Touristikunternehmen bestellten jede Saison große Zimmerkontingente und bezahlten sie auch, selbst wenn sie nicht genutzt wurden.« Heute werde genau abgerechnet und zudem wesentlich weniger für ein Zimmer bezahlt. »Das Geschäft ist insgesamt um 40 Prozent zurückgegangen«, weiß Fiestas. »Und wer früher am Abend drei oder vier Bier trank, gibt sich heute mit einem oder höchstens zwei zufrieden. Es wird schwieriger, Profit zu erwirtschaften.« Man müsse also sparen, am Personal und am Service. Statt täglich die Bungalows zu reinigen und die Handtücher zu wechseln, mache man das zuerst noch alle drei Tage, am Ende nur mehr alle sechs. Das erklärt, warum allein seit Beginn dieses Jahres 36 000 Menschen ihren Job im Dienstleistungssektor verloren haben.

Im Hotel Costa Sal und anderen Ferienunterkünften vermisste man vor allem die Gäste aus Skandinavien und Großbritannien, aber auch aus Deutschland. »Kämen im Sommer nicht mehr wie üblich die Spanier von der Iberischen Halbinsel, sähe es wirklich düster aus«, erklärt der Hotelchef beim Rundgang durch die Anlage. Rund um die zwei Swimmingpools scheint von Krise keine Spur zu sein. Gäste faulenzen auf Liegestühlen unter Sonnenschirmen, das Meer ist nur einen Sprung entfernt und der Himmel so strahlend blau wie eh und je. Eduardo Fiestas ist denn auch zweckoptimistisch: »Es wird irgendwann schon besser werden.« Hundertprozentig überzeugt scheint er davon aber nicht zu sein.

Von Arrecife in die Weinregion von La Geria, im Inneren der Insel, sind es etwa 20 Minuten. Eine Fahrt durch karge Vulkanlandschaften, die von kleinen Trichtern übersät sind, in denen, windgeschützt von halbkreisförmigen Mauern, der Wein wächst. »Schon eine magische Gegend«, sagt Manfred Jürgens, der Fajita-Verkäufer, immer noch fasziniert, obwohl er schon 20 Jahre auf Lanzarote lebt. An unserem Ziel, dem Chupadero, sitzen die Gäste vor dem Haus und genießen die Abendsonne, bevor sie im Meer versinkt. »Ein kleines Paradies«, sagt Barbara Hendriks, die Besitzerin der Bodega. »Viele Gäste würden am liebsten hier bleiben: die wunderbare Landschaft, die Wärme und das Meer nicht weit. Aber man vergisst dabei, dass alles nicht so einfach ist, gerade jetzt«, erzählt die gebürtige Dortmunderin, die über zwei Jahrzehnte dazu gebraucht hat, aus einer Bauernhausruine ihr Traumhaus mit Gastwirtschaft zu machen. Die Krise habe ihr zwischen 30 und 40 Prozent Umsatzrückgang gebracht. Weil sie keine Miete bezahlen muss, blieb ihr Schlimmeres erspart. »Andere schlafen in ihrem Lokal, um zu überleben«, sagt sie nachdenklich. Aber auch sie musste Personal entlassen. Dazu gehörte Manfred Jürgens, der bei ihr als Koch gearbeitet hatte.

Im vergangenen Winter lief in Fernsehen und Tageszeitungen Deutschlands eine preisgekrönte Werbekampagne mit Eisbär und einem Mädchen am Strand: Ein Urlaub auf den Kanarischen Inseln sei das perfekte Rezept gegen den »Winter Blues«. Eine Werbeoffensive sollte zumindest die Hälfte der 600.000 verlorenen Touristen zurückbringen. »Neue, spektakuläre Abschlüsse« verkündeten Branchenvertreter. Hoteliers und Gastronomen haben davon wenig bemerkt. »Es bewegt sich kaum etwas«, sagt Roberto, der in einem Restaurant im Zentrum Arrecifes arbeitet, »weder bei uns noch anderswo.« Die Leute hätten kein Geld für Dinge, die sie nicht unbedingt brauchen. »Keinen Cent«, fügt er kopfschüttelnd hinzu und zeigt auf seine leeren Tische.

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