Vom Leben unter den Toten

»Im Himmel, unter der Erde«: Britta Wauers Dokumentarfilm über den jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee

  • Von Hans-Günther Dicks
  • Lesedauer: 3 Min.

Raupen und Schnecken, die über Blattwerk und Marmorstein kriechen. Nicht einmal Minuten alt ist Britta Wauers neuer Dokumentarfilm, da hat ihr Kameramann Kaspar Köpke mit wenigen Nahaufnahmen schon die Stimmung geschaffen, die den ganzen Film durchzieht: heitere Gelassenheit über Leben am Ort der Toten.

»Im Himmel, unter der Erde« hat Wauer, das dialektische Komma mit Bedacht gesetzt, ihren Film über den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee genannt. Heines »hier auf Erden schon das Himmelreich« kommt einem in den Sinn, und ganz wie er bringt Wauer zusammen, was gegensätzlich anmutet: Leben und Tod, Erinnerung und Zukunftsangst, Politisches und Privates, menschliche Zerstörung und unzerstörbare Natur, nüchtern Irdisches und den offenen Blick für Wunder.

Ein Wunder möchte man es nennen, dass der Friedhof fast 130 Jahre »überlebt« hat, die Pläne für eine Schnellstraße zu DDR-Zeiten und sogar die Jahre der Nazipest, der die meisten Berliner Juden zum Opfer fielen. Wo auf manchem Grabstein das Sterbedatum fehlt, denkt man doch unvermeidlich Auschwitz hinzu. Eine irrationale Angst vor dem Golem, so meinen die einen, habe die braunen Horden davon abgehalten, auch dieses letzte, posthume Refugium des Judentums zu schleifen; »Sie haben es einfach nicht mehr geschafft, den Friedhof zu zerstören«, sagt Hermann Simon vom Centrum Judaicum. So ist das flächendeckend von Grün und Efeu überwucherte, 42 Hektar große Gelände der größte jüdische Friedhof Europas.

»Ich habe keinen Friedhof, sondern ein Museum«, meint Friedhofsinspektor Ron Kohls, und zu den wunderlichsten Stücken darin gehört der im Film von klingendem Spiel begleitete Aufmarsch von Bundeswehrsoldaten, die in großem Festakt gemeinsam mit israelischen Kollegen jüdische Tote ehren, die für Kaiser und Reich auf den Schlachtfeldern der Kriege blieben.

Doch was sich wie eine an solchem Ort besonders makabre Waffenbrüderschaft ausnimmt, ist doch bloß eines der vielen Rätsel dieser verwunschenen Welt, in der jeder Grabstein Geschichte und Geschichten birgt. Die protzigen Mausoleen jüdischer Fabrikanten, die erst der Denkmalschutz der wuchernden Natur wieder entreißen musste, gehören ebenso dazu wie der auf jüdischen Friedhöfen sonst nicht übliche Blumenschmuck auf Gräbern, den in jüngerer Zeit eingewanderte russische Juden mitbringen.

Und immer wieder Leben, alltäglich, prosaisch: Die Vogelwelt unterm dichten Blätterdach hat das Interesse von zwei Ornithologen geweckt, und ein junges Ehepaar hat inmitten der Toten sogar eine Wohnung bezogen. »Gruselig«, so die junge Frau, seien allenfalls die nächtlichen Schreie der Füchse.

»Nicht Grabanlagen, Efeu und Kieselsteine sollen die Leinwand füllen, sondern Menschen, die uns vom Leben erzählen, das einst in Berlin zu Hause war«, sagt die Regisseurin. Erstaunliches Archivmaterial hat sie dafür gefunden, Bilder aus dem Berlin der wild bewegten »Golden Twenties«, die ihr Cutter Berthold Baule mit hintersinnigem Witz montiert hat. Und wie sollte einem das Wort Trauer einfallen bei Zeitzeugen wie Rabbiner William Wolff, der sich über die posthume Prunksucht mancher Begrabener mokiert – »Eigentlich sind doch alle Toten gleich.« – und der an Beerdigungen wichtig findet, dass man »etwas für Hinterbliebene tun kann«.

Auch wer im Kino nicht an die eigene Vergänglichkeit erinnert werden möchte, kann und sollte Wauers Film genießen.

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