Todbringende »Pflegestätten«

In Dannenberg ließen die Nazis gezielt Kinder verhungern – ein Gedenkplatz erinnert daran

  • Hagen Jung, Dannenberg
  • Lesedauer: 3 Min.
Zum Gedenken an Opfer des NS-Regimes hat das niedersächsische Dannenberg im Wendland einen Platz des Erinnerns mit fünf Stelen nebst Namenstafeln eingeweiht. Gewidmet ist er jüdischen Mitbürgern, ermordeten Behinderten und Kindern, die durch ein Vernichtungsprogramm der Nazis ihr Leben verloren.
Der neue Gedenkplatz in Dannenberg, dessen fünf Stelen an die Opfer des Faschismus in der niedersächsischen Stadt erinnern sollen.
Der neue Gedenkplatz in Dannenberg, dessen fünf Stelen an die Opfer des Faschismus in der niedersächsischen Stadt erinnern sollen.

Bis zur Kommunalreform 1972 galt Liepehöfen mit nur drei Einwohnern als kleinste Gemeinde Deutschlands. Mehr über den Ort wussten nur wenige, und was sie wussten, war Schreckliches: In Liepehöfen stand eine jener »Ausländerkinderpflegestätten«, in denen auf Geheiß der Hitlerdiktatur kleinste Mädchen und Jungen so vernachlässigt wurden, dass sie starben.

Ins Bewusstsein vieler Bürger gerieten diese Tötungsstätte und weitere solche Lager in der Region erst, als sich 2009 der Planungsausschuss der Stadt Dannenberg mit einer Gedenkstätte für Opfer des Faschismus befasste.

Zu verdanken war die Erkenntnis über die »Heime« engagierten Menschen, die sich intensiv um die Sache kümmerten: Stadtarchivarin Susanne Götting-Nilius, Rolf Meyer und Elke Meyer-Hoos vom Museum Wustrow sowie Helmar Süßenbach vom Heimatkreis für Landeskunde und Heimatpflege wollten verhindern, dass das Schicksal der Opfer verborgen bleibt. Die Forschungen führten dazu, dass in Dannenberg nun ein Gedenkplatz errichtet wurde: für Opfer der »Euthanasie«, für tote Kinder von Zwangsarbeiterinnen und für jüdische Familien, die nicht in Konzentrationslagern umkamen, aber ihrer Heimat beraubt wurden.

Rund 400 ähnliche Heime

Mitinitiator Rolf Meyer erklärte anlässlich der Gedenkplatz-Einweihung: »Bewusst hat Dannenberg den Opferbegriff erweitert, löst sich vom gewaltsamen Tod als dem Kriterium eines ›Opfers‹ und sieht in dem Verlust von Heimat, Arbeitsplatz und Gesundheit, der Trennung von Familie und Freunden sowie perfiden Schikanen Anlass und Gründe genug, jenen, die dieses erlitten, zu gedenken.«

Auf einer der Stelen stehen »Nur« der Name Liepehöfen und »nur« die Namen zweier dort umgekommener Kinder – sie sollen auch lediglich Beispiel sein für den Schrecken, der in ähnlichen »Heimen« geschah. Rund 400 davon hatte Hitler-Deutschland, etwa 50 000 Kinder starben in ihnen.

Vier solcher Einrichtungen gab es allein in Lüchow-Dannenberg: in Liepehöfen und weitere Heime in den Dörfern Nienhof, Seerau und Lefitz. »Fremdvölkische« und »fremdrassige« Zwangsarbeiterinnen mussten ihre Kinder dort abgeben – angeblich zur »Pflege«. Wie diese »Pflege« gestaltet werden sollte, darüber waren sich die Nazi-Schergen uneins, wie der Historiker Raimon Reiter dokumentierte. Die einen wollten die Kinder zu »Arbeitssklaven« großziehen, die anderen plädierten für den Tod.

Ein SS-Führer empfahl: Man möge die Kleinen nicht langsam verhungern lassen, denn dann verbrauchten sie bis zum Sterben immer noch Milch, die »der allgemeinen Ernährung« entzogen würde. Es gebe doch zur Tötung »Formen, dieses ohne Quälerei und schmerzlos zu machen«.

Die unbeschriftete Stele

So gezielt getötet, etwa durch Giftspritzen, wurden die Kinder in den Lüchow-Dannenberger Heimen nicht – wohl aber kamen sie durch ein Verhalten zu Tode, das Juristen heutzutage als »Tötung durch Unterlassen« werten würden: durch mangelnde Pflege und karge Ernährung.

Eine der Stelen ist unbeschriftet. Rolf Meyer erklärt, warum: »Sie steht für noch unbekanntes Schreckliches im Dannenberger Raum, das es zu eruieren gilt. Manche Fremdarbeiterin aus dem Osten hat Böses hier erlebt; mancher Zwangsarbeiter, mancher Kriegsgefangene kam auf mysteriöse Art und Weise ums Leben. Ein Ende historischer Aufdeckungsarbeit der hiesigen NS-Jahre ist nicht abzusehen.«

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