Kinder wie Greise

Anna Reid über die mörderische Belagerung von Leningrad

Welche Jahrestage sollen wir begehen? Können inzwischen auch die meisten Deutschen den 8. oder 9. Mai als Datum der Befreiung feiern, bleibt der Jahrestag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion ein »Erinnerungsort« an millionenfachen Tod und das Überschreiten sämtlicher zivilisatorischer Schranken, an die sich kriegführende Staaten bis zu jenem 21. Juni 1941 gebunden fühlten.

Vor 70 Jahren entfesselte Hitlers »Lebensraum«-Ideologie jenen Krieg, der im Rahmen des Zweiten Weltkriegs eine Sonderstellung einnimmt. Furchtbare Superlative beherrschen die populäre Historiographie über diesen Krieg, der manchmal auf einen Show-Down zwischen Hitler und Stalin reduziert wird. Die geschichtliche Realität der »Makrogeschichte«, also der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Ereignisse, ist seit einiger Zeit gut erforscht. Dabei bleibt oftmals der Blick auf die einzelnen Menschen aus, deren persönliches Leid in der Summe der Millionen aufzugehen scheint.

Swetlana Alexijewitsch hat in ihrem vor einigen Jahren erschienenen und jetzt wieder aktuellen Buch »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« voller Empathie die Aufmerksamkeit auf Menschen und deren Schicksale gerichtet. Bei ihr sind es die mehr als eine Million zählenden Frauen, die in der Roten Armee gedient haben, und zwar nicht nur im Sanitätsdienst, sondern auch als Pilotinnen und Scharfschützinnen – eigentlich immer in vorderster Linie. Die vor Kurzem für dieses Buch mit dem renommierten polnischen Ryszard-Kapuscinski-Preis für literarische Reportagen ausgezeichnete Autorin – sie ist zur Zeit Gast des DAAD in Berlin – hat hunderte Veteraninnen interviewt, deren erschütternde Kriegserlebnisse und ihre spätere vernachlässigende Behandlung durch die siegreiche Männergesellschaft aufgeschrieben.

Offenbar ist es eine Regel in von Männern dominierten Gesellschaften, dass Frauen, wenn sie lebensgefährliche Kriegsdienste leisten, sehr wohl willkommene Risikoträgerinnen sind. Sobald jedoch die Gefahr gebannt ist, gilt ihr Dienst an der Front eher als Stigma. Viele der von Alexijewitsch interviewten Frauen berichten von mancher diskriminierenden Behandlung nach dem Krieg. Eine dem Buch vorangestellte Sammlung von Interviews, die in der Originalauflage der Zensur zum Opfer gefallen ist, wirft einen bezeichnenden Blick auf die politische Manipulation der Wahrheit.

In den Gesprächen mit den Veteraninnen zeigt sich die Janusköpfigkeit des Krieges, der vor allem von Brutalität geprägt ist, aber auch Beispiele von Menschlichkeit kennt, aus einem bislang wenig beachteten Blickwinkel. Olga Wassilijewna hatte im Juni 1942 ihre Einberufung erhalten. »Wir waren dreißig Mädchen, wir wurden in offenen Lastkähnen unter Beschuss über den Ladogasee ins belagerte Leningrad gebracht. Die Stadt war ringsum eingeschlossen. Die Front war ganz nah. Mit der Straßenbahnlinie drei konnte man bis zum Kirow Werk fahren und dort begann schon die Frontlinie.« Olga wurde »Nebeltarnerin« im Hafen, auch sie bekam nur Blockadeverpflegung. Erschütternd ihre Erinerung an die hungernden Leningrader, insbesondere die jüngsten Einwohner der von den Deutschen eingeschlossenen Stadt: »Die Kinder waren keine Kinder, sie waren Greise. Sie erzählten uns, dass in der Stadt alle Katzen und Hunde aufgegessen worden seien.«

Über diese von der großen Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik bis dato fast ausgesparte, 872 Tage währende Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht schreibt die britische Osteuropaexpertin Anna Reid in ihrem Buch »Blokada«. Die völkerrechtswidrige Aushungerungsblockade verursachte den Tod von etwa 800 000 Zivilisten und unendliches Leid bei den Überlebenden. Die Londoner Historikerin verweist auf die Dimensionen dieses Kriegsverbrechens, das vier Mal mehr Opfer kostete, als die Atombombenabwürfe über Nagasaki und Hiroshima.

Auch Anna Reid lässt die Menschen selbst ausführlich zu Wort kommen. Ihr gründlich recherchiertes Buch ist voller Empathie für die Betroffenen. Im Anhang werden die Todesopfer unter der Zivilbevölkerung nach Monaten und Jahren aufgeschlüsselt. Der »russische Winter« hat nicht nur, wie in der deutschen Geschichtsschreibung über Jahrzehnte behauptet, den Vormarsch der Wehrmacht auf Moskau gestoppt, sondern allein im Februar 1942 im belagerten Leningrad 107 477 Todesopfer gefordert. Eine weitere Tabelle listet die täglichen Brotrationen in der Stadt an der Newa auf; im November 1941 betrug sie für Kinder beispielsweise 125 Gramm. Nackte, brutale Zahlen, die das wahre Gesicht dieses Eroberungskrieges Deutschlands enthüllen.

Geschichtsschreibung muss Geschichte erfahrbar machen, vor allem für die Nachgeborenen. Sie muss es dem Leser ermöglichen, aus der Geschichte Konsequenzen zu ziehen. Dies leisten die Bücher von Swetlana Alexijewitsch und Anna Reid.

Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Berliner Taschenbuch Verlag. 345 S., geb., 11,90 €.

Anna Reid: Blokada. Die Belagerung von Leningrad 1941 – 1944. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin Verlag. 587 S., geb., 35 €.

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