Nur acht von fünfhundert

MEDIENgedanken: Migrantenanteil im Fernsehen

Der Deutsch-Spanier Manuel J. Delgado war der erste, nämlich der erste Wissenschaftler, der sich mit seinem Buch »Die Gastarbeiter in der Presse« schon 1972 mehr als kritisch zur Thematik Migration und Massenmedien zu Wort gemeldet hatte. Ein Betroffener hatte also die bis heute nicht enden wollende und nicht enden könnende Debatte angestoßen, und eben nicht die vielen gutwilligen und deutschen Stellvertreter der Migranten mit ihrem sozialdemokratischen Helfer-Syndrom und Sozialarbeiter-Ansatz!

Selbst ist die Migrantin: Das gilt ganz besonders für das jüngst erschienene Buch der deutsch-syrischen Politikwissenschaftlerin Marie Mualem Sultan »Migration, Vielfalt und öffentlich-rechtlicher Rundfunk«. Mualem Sultan untersucht drei Politikfelder: 1. Wie werden Migranten im Programm von ARD und ZDF dargestellt? 2. Wieviel Migranten arbeiten bei ARD und ZDF? und 3. Wieviel Migranten sind in den Rundfunkgremien von ARD und ZDF vertreten?

Während es in der deutschen Kommunikationswissenschaft von Delgado bis heute eine alte Tradition gibt, sich über das Bild der Migranten in den Massenmedien mehr oder wenige kritische Gedanken zu machen, kann man das Ergebnis einer nächsten Studie dieser Art bereits heute prognostizieren: Migranten werden im Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verzerrt dargestellt. Oder: vernachlässigt. Oder: diskriminiert. Oder: exotisiert. Oder auch: rassistisch verleumdet (siehe Sarrazin). Das alles ist weder neuartig noch sonderlich innovativ. Und genau deswegen referiert Mualem Sultan bei diesem Politikfeld nur die hierzu vorliegenden wichtigsten Forschungsergebnisse.

Das zweite von ihr untersuchte Politikfeld, also die Frage danach, wie viel Migranten bei ARD und ZDF arbeiten, ist schon ein wenig spannender, weil es hierzu nur wenig verlässliche Forschungsarbeiten gibt. Über den Daumen gepeilt sind es im übrigen rund zwei Prozent! Im Vergleich zu rund 16 Prozent in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund ist diese Zahl beschämend klein. Aber in einem Land, das zutiefst von strukturellem Rassismus geprägt ist, ist eine solche Zahl nicht sonderlich verwunderlich.

Das dritte von Mualem Sultan untersuchte Politikfeld ist aus zwei Gründen besonders wichtig. Zum einen ist es genau das Politikfeld, das deutsche Parlamentarier über die durch sie zu verabschiedenden Rundfunkgesetze in den Bundesländern beeinflussen können, und zum anderen gab es hierzu bislang keinerlei systematische, empirische Forschung. Jetzt aber mit dem Buch von Mualem Sultan gibt es diese und die Ergebnisse sind beschämend für alle Landtagspolitiker, denn genau sie zeichnen für diesen Zustand verantwortlich.

Die Autorin führte ein Monitoring-Verfahren zum Migrationshintergrund der Rundfunkratsmitglieder aller ARD-Rundfunkanstalten und des ZDF-Fernsehrates durch. Trotz einer vergleichsweise hohen Beteiligung der Ratsmitglieder an der Umfrage (42,36%) untertraf der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Gremium alle Erwartungen. Die Ergebnisse sind dabei im Prinzip für alle Rundfunkanstalten gleich schlecht. Die Anzahl der Mitglieder mit Migrationshintergrund schwankt immer zwischen 0 bis maximal 2 Personen (übrigens egal, wie hoch der Migrantenanteil im Sendegebiet liegt).

Bei über 500 Personen in den Kontrollgremien von ARD und ZDF konnten nur 18 Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund ermittelt werden. Zieht man von diesen 18 Vertretern noch drei Menschen aus der Schweiz und Österreich ab, verbleiben 15 Mitglieder mit »echtem« Migrationshintergrund. Von diesen 15 Mitgliedern wurden allerdings nur 8 Mitglieder explizit als migrantische Vertreter oder deren Stellvertreter in das Aufsichtsgremium berufen. Soweit der Skandal, den die Autorin aufdeckte!

Selbstverständlich hat dieser Skandal Methode. Und selbstverständlich ist die Besetzung der ARD-Rundfunkräte/des ZDF-Fernsehrates weder politik- noch staatsfern. Warum beispielsweise stellen im Rundfunkrat des MDR in Sachsen, also dem Bundesland, in dem es die wenigsten Christen gibt, die evangelische und die katholische Kirche den ersten und den dritten Vorsitzenden? Warum sind beim Rundfunkrat des WDR der erste und der dritte Vorsitzende gleichzeitig Mitglieder des Landtags in Düsseldorf? Wie politik- und staatsfern ist eigentlich eine Ruth Hieronymi als Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats, die beruflich Zeit ihres Lebens nichts anderes gemacht hat, als in den unterschiedlichsten Funktionen der CDU zu dienen. Und warum eigentlich stellt der Bund der Vertriebenen immer noch fünf der mehr als 500 Sitze der öffentlich-rechtlichen Aufsichtsgremien? Schwamm drüber!

»Diversity Management« nennt man heute das, was ich noch altmodisch multikulti nenne. Doch beide Begriffe sind bei ARD und ZDF noch immer nicht angekommen. Wenn ich Migrant wäre, würde ich längst darüber nachdenken, ob es sich politisch noch lohnt, um weitere Sitze bei den Gremien von ARD und ZDF zu kämpfen, denn das öffentlich-rechtliche Rundfunkprogramm hat kaum noch etwas mit dem zu tun, was das Verfassungsgericht einst Grundversorgung genannt hat.

Jörg Becker arbeitet als Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten von Marburg und Bozen in Südtirol.

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