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Draußen vor der Tür

Bayerns Erstsemester suchen eine Bleibe

  • Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Suche nach preisgünstigem Wohnraum, das war für Studierende in Bayern zumindest in den Ballungszentren schon immer ein eher schwieriges Unterfangen. Doch nichts ist vergleichbar mit der aktuellen Lage. Denn wenn Mitte Oktober die Studenten in die bayerischen Hörsäle strömen, wird es so viele Erstsemester wie noch nie in Bayern geben.

Rund 66 000 Studienanfänger wagen Mitte Oktober ihre ersten Schritte an Bayerns Hochschulen, so die Prognose des Wissenschaftsministeriums in München - mehr als jemals zuvor. Der Grund für diese hohe Zahl an Neu-Studierenden: Die Absolventen des doppelten Abiturjahrganges vom acht- und neunjährigem Gymnasium (»G8« und »G9«) drängen an die Uni, dazu kommt die Aussetzung der Wehrpflicht. Somit studieren nun auch diejenigen Abiturienten, die sonst zunächst ihren Wehrdienst ableisten würden.

Dieser bisher einmalige Studentenansturm ist nicht nur eine Herausforderung für die an Zahl gleich gebliebenen Professoren, sondern auch für den Wohnungsmarkt. Kein Wunder dass etwa der Deutsche Mieterbund in Bayern Alarm schlägt. Dessen Vorsitzende, Alfred Poll, warnte schon mal vor eine »katastrophalen Lage auf dem studentischen Wohnungsmark«.

Und kein Wunder, dass es für die Neu-Studenten vor allem in München eng wird auf dem Wohnungsmarkt. Sie stehen nicht nur im Rennen mit gut verdienenden Automobil-Ingenieuren und Medienleuten, die es beruflich in das prosperierende München zieht. Sondern auch mit den fast 100 000 anderen Studierenden, die hier schon längst die Wohnheime und Privatzimmer bevölkern. So studieren an der Ludwig-Maximilians-Universität insgesamt 46 700 Studenten. 7935 Erstsemester kamen im vergangenen Jahr hinzu und diese Zahl wird nun überschritten werden. So viel steht jedenfalls fest, wenn auch die genaue Zahl erst in der kommenden Woche ermittelt wird. Ähnlich sieht es bei der Technischen Universität und der Fachhochschule München (FH) aus. »Ich glaube, die Lage ist noch dramatischer als im Vorjahr«, meint FH-Pressesprecherin Christine Kaufmann.

Einer der es wissen muss, ist Daniel Piorunski. Der 19-jährige G8-Abiturient aus dem Allgäu war dabei, als Mitte September das Münchner Studentenwerk einen »Wohnheimtag« veranstaltete und 300 Zimmer per Los an die Erstsemester vergab. Rund 10 000 Plätze bietet das Studentenwerk in seinen Wohnheimen an, mit Mieten von 160 bis 330 Euro, doch fast alle sind belegt. »Wir haben mittlerweile eine Warteliste von 6000 Bewerbern«, sagt Pressesprecher Ingo Wachendorfer zur Wohnsituation für Studierende.

Daniel jedenfalls ging bei der Verlosung leer aus, jetzt versucht er es auf anderen Wegen. Zum Beispiel mit einem Aushang in der Mensa der Technischen Universität: »Suche Zimmer.« Der Allgäuer will in München Wirtschaftsinformatik studieren und langsam drängt die Zeit. Nein, auf seine Anzeige hat sich noch niemand gemeldet. Maximal 450 Euro will Daniel für eine Bleibe ausgeben und dafür auch nebenbei jobben. Sein Wunsch - ein Appartement: »Ein bisschen Privatsphäre wäre schon gut.« Wenn gar nichts geht, will er mit anderen Studienanfängern eine Wohngemeinschaft gründen, hat Daniel überlegt. Und wenn er am 17. Oktober, wenn das Studium beginnt, noch immer ohne Unterkunft ist, will er bei Freunden unterschlüpfen, die am Wohnungsmarkt mehr Glück hatten als er.

Dort wird inzwischen mit allen Bandagen um Zimmer und Wohnungen gerungen. In Zeitungsanzeigen suchen Väter mit Berufen wie »Ministerialbeamte« oder »Diakon« Zimmer und Wohnungen für ihre Sprösslinge. Ist doch der Münchner Wohnungsmarkt ein »Vermietermarkt«, bei dem die Vermieter die Wahl haben.

Im Wissenschaftsministerium geht man davon aus, dass die Zahl der Studienanfänger in Bayern auch in den kommenden Jahren auf heutiger Höhe bleibt. Grund für den Landesverband des Deutschen Mieterbundes, eine generelle Förderung des Wohnungsbaus zu fordern, um die Wohnsituation auch für Studenten zu verbessern.

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