Millionenauftrag

  • Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Autor ist Redakteur des ND und schreibt unter anderem zu Themen aus dem Bereich Tierrechte/Tierethik.
Der Autor ist Redakteur des ND und schreibt unter anderem zu Themen aus dem Bereich Tierrechte/Tierethik.

Das marxsche Diktum, die Theorie werde zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift, ist im Zeitalter der eurokratischen Demokratie zu modifizieren. Denn es reicht nicht, dass die Massen ergriffen werden - diese müssen zudem Stift oder Keyboard ergreifen, damit ihre Unterschriften setzen und diese an die entsprechende Stelle leiten. Dann kann (kann!) - wenn alle begünstigenden Faktoren zusammenkommen - sich etwas zum Besseren verändern.

Zum Besseren nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere. Deshalb haben über eine Million Menschen in Staaten der Europäischen Union mit ihrer Unterschrift gefordert, die Dauer der Transporte lebender Schlachttiere definitiv auf maximal acht Stunden zu begrenzen. Eine Million ist die »magische Zahl«, die der Vertrag von Lissabon für die sogenannte Europäische Bürgerinitiative festlegt. Auf diesem Wege kann nämlich die EU-Kommission aufgefordert werden, einen Gesetzentwurf zu einem bestimmten Thema vorzulegen.

Und das tut in Sachen Schlachttiertransporte dringend not. Hunderte Millionen Tiere - Schweine, Rinder, Pferde etc. - werden Jahr für Jahr unter unsäglichen Bedingungen durch die EU gekarrt, um in einem der Mitgliedsländer, im Nahen Osten oder in einem anderen Gebiet, wo Bedarf an lebendem Frischfleisch ist, zu Tode gebracht zu werden.

Vor dem Grauen des Schlachthofs müssen die Kreaturen so durch die Hölle des oft tagelangen Transports, werden ihre Qualen durch Durst, Hitze und Schmerzen ins Unermessliche getrieben.

Zwar gilt innerhalb der EU bereits die sogenannte Richtlinie zum Schutz von Tieren beim Transport, die eine Höchstdauer von acht Stunden vorsieht. Diese Zeitlimitierung ist aber eher die Ausnahme als die Regel, denn sie kann jederzeit unter bestimmten Bedingungen (wie Spezialfahrzeuge oder Pausenintervalle) unbegrenzt verlängert werden. Abgesehen davon, dass die Einhaltung dieser Bedingungen eher eine Glaubensfrage denn das Ergebnis umfassender Kontrollen ist - das Elend der in enge Behältnisse gepferchten Tiere interessiert ohnehin nicht, nur deren verwertbarer Zustand am Zielort der Passage.

Die europaweite Kampagne »8 hours«, eine der größten je veranstalteten Tierschutzkampagnen, hat mit ihren über eine Million Unterschriften diesen Skandal thematisiert. Wieder einmal. Denn die Debatte darüber dauert seit Jahren, seit Jahrzehnten. Und so stellt die jetzt erneut erhobene Forderung gewiss nichts Revolutionäres, sondern etwas eigentlich Selbstverständliches dar: Die im deutschen Tierschutzgesetz großspurig als »Mitgeschöpfe« Titulierten vor ihrer mörderischen Bestimmung halbwegs so zu behandeln, wie es ein strapaziertes Schlagwort tagtäglich verheißt: menschlich. Es sei denn, man will diesem Adjektiv seine im christlichen Kontext immer wieder betonte synonyme Bedeutung »barmherzig« absprechen.

Zusätzliches Gewicht erhielt die Bürgerinitiative durch die Abgeordneten des Europäischen Parlaments, die mit ihrer Mehrheit die Forderungen zur offiziellen Position des Parlaments erklärten und an EU-Kommission sowie -Rat richteten. Letztere sind nun aufgefordert, einen entsprechenden Passus in die Tiertransport-Verordnung aufzunehmen. Sollte dies in der Tat geschehen, hätte es indes nicht nur positive Folgen (für die Tiere), sondern auch negative - für die bisherigen Exporteure. Denn Transporte an Orte, wo sich lebende Tiere besser vermarkten lassen oder billiger zu schlachten sind, wären dann illegal.

Wie sich die Waage letztlich neigen wird, hängt davon ab, welcher Schale Brüssel das größere Gewicht zumisst: der mit dem Wunsch der Massen oder der mit dem Profit als Maßstab. Denn - wie erwähnt - es muss nicht. Es kann.

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