Catenaccio? Nein, danke!

34 Torschüsse, 64 Prozent Ballbesitz, Andrea Pirlo: Italien beeindruckt beim Sieg gegen England

  • Von Jirka Grahl, Kiew
  • Lesedauer: 3 Min.

Ist Elfmeterschießen Fußball oder ist es ein anderer Sport? Wer wollte Roy Hodgson diese Frage verübeln, in der Nacht vom Sonntag zum Montag? Nach einem denkwürdigen 0:0, das zwar das erste torlose Spiel der EM war, aber dennoch eines der besten. In England stellt man sich die Frage ja seit - mehr oder weniger - Menschengedenken, und in Kiew hatten der englische Trainer und seine Mannschaft dem ewigen Penalty-Leid gerade ein neues Kapitel hinzugefügt: 0:0 nach Verlängerung im EM-Viertelfinale gegen Italien, das Ausscheidungsschießen vom Kreidepunkt musste entscheiden. Am Ende stand es 2:4 gegen den Verlierer, und der hieß wie gewohnt: England.

»Wissen Sie, es ist ja schon eine gewisse englische Obsession geworden, das Elfmeterschießen«, so umschrieb es Roy Hodgson nach der sechsten Elfmeter-Niederlage im siebenten Versuch bei einem großen Turnier. »Und natürlich haben wir es auch hier trainiert. Aber ein paar Dinge kann man nicht nachstellen: den Anlass, die Spannung, die Nervosität. Und diese coole, kalkulierte Art, wie Andrea Pirlo den Elfer über den Torwart schlenzte - so was hat ein Spieler, oder er hat es nicht.«

Doch es war nicht nur der 33-jährige Mittelfeldmann, der trotz des Rückstandes einen Elfmeter à la Panenka 1976 wagte. Es war die beeindruckende Mannschaftsleistung, die am Ende des Elfmeterschießens die Italiener triumphieren ließ. Angeführt von Pirlo schnürten die Italiener ihre Rivalen quasi schon in der eigenen Hälfte ein. Weder Steven Gerrard noch der durchaus willige Wayne Rooney konnten daran etwas ändern. Andrea Pirlo und Riccardo Montolivo kombinierten schnell und sorgten immer wieder für Chancen. 64 Prozent Ballbesitz für Italien, in der Verlängerung sogar 75 Prozent - eindeutige Parameter der italienischen Überlegenheit. »Wir haben uns entschieden, Fußball zu spielen«, erklärte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli auf die Frage nach dem Geheimnis seiner Mannschaft. Catenaccio? Nein, danke!

Nicht nur wegen der Historie ist Italien ein deutlich schwererer Gegner für die Deutschen im Halbfinale, als es die Engländer gewesen wären. Siebenmal trafen deutsche Fußballer bei Turnieren auf die Azzurri, noch nie wurde gewonnen, allein drei Unentschieden gelangen. Die Italiener sind nach dem Erfolg gegen England siegessicher: »Deutschland hat eine fantastische Mannschaft, aber wir werden dieses Turnier bis zum Ende gehen«, sagte Andrea Pirlo.

Bundestrainer Joachim Löw wird zumindest nicht entgangen sein, wie Italiens Offensivspieler ihre Torgelegenheiten vergaben. Besonders Skandalstürmer Mario Balotelli (21, Manchester City) und der Mailander Antonio Cassano taten sich dabei immer wieder hervor. 34 Schüsse, doch am Ende kein Tor.

Als großen Vorteil für die Deutschen sieht Italiens Trainer Prandelli die zwei zusätzlichen freien Tage an, die der Spielplan den DFB-Spielern beschert hat. Ja, das sei sicherlich ein bisschen ungerecht, erklärte er es Sonntagnacht einem Reporter. »Und bitte: Je weniger sie fragen, desto mehr Zeit haben wir zum Regenerieren.«

England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Gerrard, Parker (94. Henderson) - Milner (61. Walcott), Rooney, Young - Welbeck (60. Carroll).

Italien: Buffon - Abate (90.+1 Maggio), Barzagli, Bonucci, Balzaretti - Marchisio, Pirlo, De Rossi (80. Nocerino) - Montolivo - Balotelli, Cassano (78. Diamanti).

Elfmeterschießen: 0:1 Balotelli, 1:1 Gerrard, Montolivo verschossen, 2:1 Rooney, 2:2 Pirlo, Young verschossen, 2:3 Nocerino, Cole gehalten, 2:4 Diamanti . Schiedsrichter: Proença (Portugal). Zuschauer: 64 340.

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