Klischeefreie Zone

Inci Bürhaniye und Selma Wels: »Türkische Literatur ist wild, seriös, kaputt und adrett«

Inci Bürhaniye und Schwester Selma Wels.
Inci Bürhaniye und Schwester Selma Wels.

Es war eine Gartenparty, bei der die Juristin Inci Bürhaniye mir den »Bastard von Istanbul« empfahl. Die türkische Autorin Elif Shafak hatte den Roman in englischer Sprache geschrieben, er war frisch übersetzt und wurde bald ein Bestseller. Bürhaniye hatte eine Nase für Literatur. Als ich sie das nächste Mal sah, im Frühling 2012, saßen sie und ihre Schwester Selma Wels auf einem Podium in der Berliner Volksbühne. Beim türkischen Literaturfest DilDile stellten sie Binooki vor, ihren soeben gegründeten Verlag, spezialisiert auf türkische Literatur in deutscher Übersetzung. Mitgebracht hatten sie den Autor Emrah Serbes, knapp über 30, in der Türkei ein Star. Zwei seiner Romane um den Polizisten Behzat Ç. gehören zu den ersten Binooki-Büchern. Und obwohl der deutsche Sprecher viel zu laut las und viel zu bemüht berlinerte, wuchs die Neugier, nicht nur das Buch, sondern auch den Verlag in der Köpenicker Straße in Kreuzberg kennenzulernen.

Nicht jede passionierte Freizeitleserin gründet einen Verlag. Inci Bürhaniye und Selma Wels, geborene Bürhaniye, sind zwei von drei Schwestern. Sie kamen als »anständige Kinder echter türkischer Eltern aus Aydin« zur Welt - in der schwäbischen Industriestadt Pforzheim. Dort wurde ihre Mutter die erste Türkischlehrerin, der Vater kehrte nach einigen Jahren in die Türkei zurück. Das erste Buch, das Selma Wels, Jahrgang 1979, selbstständig aus dem Regal der Schwestern zog, war »Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse«. Bald begeisterte sie sich für Gustav Schwab, wurde »Querbeetleserin« und gibt heute die Liebe zu den klassischen Sagen des Altertums an ihre Nichte Leyla weiter. Bürhaniye, 1967 geboren, las zunächst in türkischer Sprache, liebte »Ince Memed«, deutsch: »Memed mein Falke« von Yaşar Kemal. Zu Hause standen neben Büchern von Kemal die von Sabahattin Ali und Oğuz Atay, der heute zum Binooki-Programm gehört. Die türkische Literatur sei ihr der Zugang zur Türkei, Vermittler von Kultur, der Art zu leben, zu denken, zu fühlen, erklärt Selma Wels. Sie wollte die Bücher auch lesen, die Inci las, aber auf deutsch. Doch da gab es wenig außer Klassikern wie Kemal und Nâzim Hikmet. 2008 schien sich das zu ändern, die Türkei war Gastland der Frankfurter Buchmesse, Orhan Pamuk bekam den Literaturnobelpreis. Es blieb ein Strohfeuer. Bürhaniye: »Dabei gibt es so viel mehr! Hier lesen so viele Menschen, und denen bleibt das verschlossen.« Warum wird so wenig übersetzt? »Einen Bezug zur Türkei haben die Leser schon, nur welchen! Sie kennen den Nachbarn, der als Gastarbeiter kam. Fahren sie in die Türkei, dann oft mit einer Pauschalreise, bei der sie eher unter sich bleiben.« Auch das seien Klischees, sicher, eben damit habe der Mangel an Übersetzungen zu tun. Jetzt, wo viele Kinder der Gastarbeiter studieren, viele Deutsche die Andersartigkeit der Kulturen schätzen, ändere sich etwas.

Bürhaniye wurde eine Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. Wels studierte Betriebswirtschaft, wurde Verwaltungsfachwirtin und Angestellte eines großen Versicherungsunternehmens. Sie erwarb nützliche kaufmännische Kenntnisse, manchmal fühlte sie sich orientierungslos. 2010 machte sie sich selbstständig als Dienstleisterin für Film- und Theaterproduktionen. Im November 2010 reisten sie nach Istanbul, Selma für ein Theaterprojekt, Inci zur Buchmesse. Dass sie bald selbst einen Verlag gründen würde, will sie da noch nicht gewusst haben. Vage dachte sie an E-Books, einen Online-Verlag, in solchen Neuerungen sei die Türkei Deutschland einen Schritt voraus. Für einen Tag kam Selma mit auf die Messe. Den nächsten Schritt setzten sie, so entschlossen wie unbedarft, in einen der größten türkischen Verlage: »Wir haben einfach beim Pförtner gesagt, was wir wollen.« Der Verlagsinhaber fand die Idee großartig. Kein Wunder, denn die Lizenzen verkaufen sich zwar überall hin, nach England, nach China, nur nicht nach Deutschland. Umgehend wurden sie weitergereicht an die Literaturagentin Nermin Mollaoğlu, auch sie reagierte positiv. »So geht das in einem fort«, sagt Bürhaniye, »alle freuen sich.« Zurück in Berlin schrieben sie einen Businessplan und nahmen einen Investitionsgründerkredit auf. Sind Schulden keine Last? »Normalerweise schon. Doch es ist, als hätten alle auf uns gewartet«, sagt Wels. Es ging Schlag auf Schlag, sie gaben Übersetzungen und Lektorate in Auftrag, fanden die Druckerei. Zur Leipziger Buchmesse dieses Jahres präsentierten sie die ersten vier Bücher. Sie gaben Interviews über Interviews, die viel mediale Aufmerksamkeit brachten und ein paar Vorschusslorbeeren. Danach habe sie »einfach nur mal schlafen« wollen, erzählt Wels. Aber man bekomme so viel zurück, Freude, wenn einer direkt anruft, weil er eine Rezension gelesen hat und sofort das Buch will. Sie arbeitet in Vollzeit für Binooki. Bürhaniye bleibt Anwältin und kommt jede Woche zwei Tage in den Verlag.

Tipps, Kontakte, Erfahrungen anderer waren wichtig, die wichtigste Erfahrung aber brachten sie selbst mit: berufliche Selbstständigkeit. Selbstständig zu sein, bedeute Fehler zu machen und daraus zu lernen, sagt Inci Bürhaniye. »Unsere Eltern kamen in ein Land, dessen Sprache sie nicht kannten. Wenn man es trotz allem schafft, ist das schon anders, als sich in die Kanzlei des Papas zu setzen.« Widerstände seien nicht ausgeblieben, für den Fachanwalt habe sie länger als andere gebraucht. Spielte eine Rolle, dass sie eine Frau ist? »Vielleicht lag’s ja an meinem Namen.« Einfach sei es nicht, auch wenn sie nicht der Typ sei, der sich zurücklehnt. Sie hat zwei schulpflichtige Kinder. Die wollten auch in den Verlag investieren und gaben einen Betrag von ihrem Taschengeld. Bürhaniye nahm das Geld und versprach, Dividende zu zahlen, sobald der Verlag Gewinn abwirft. Wann? So bald wie möglich natürlich. Wels berichtet, ihr Vater habe die Gründung in der türkischen Presse verfolgt, stolz: »Unglaublich, meine Töchter!« Die Schwestern verbringen gern Zeit miteinander. Als ihre Mutter starb, war Selma erst siebzehn. Sie kam nach Berlin, um bei einer der erwachsenen Schwestern zu wohnen. Als sie sich in dieser schwierigen Situation nicht entscheiden konnte, beschlossen die Älteren, bis zu Selmas Abitur zu dritt zu wohnen. »Wenn man sich das ganze Leben kennt, ist das Vertrauen anders.« Im Büro seien sie und Inci nun Geschäftspartner, nicht immer einig und »ein bisschen Geschwister«.

Ob ein Buch in der Öffentlichkeit angekommen ist, erweist sich auch in Zeiten des Internets im Buchhandel. Ich rufe im Krimibuchladen »Miss Marple« an, um »Behzat Ç.« zu bestellen. Soll ich den Autorennamen buchstabieren? »Nicht nötig«, sagt Miss Marple, »das habe ich vorrätig.« In der größten Berliner Hugendubel-Filiale hingegen sind Autor und Verlag unbekannt. Ohne große Begeisterung bietet man an, das Buch beim Verlag zu bestellen und prognostiziert eine Lieferzeit von zwei Wochen. Na danke. Wer seine Bücher nicht über die großen Barsortimenter wie Libri verkauft, ist für die Buchhandelsketten ein Exot. Wels berichtet mir später, dass Binooki-Bücher zu diesem Zeitpunkt längst beim Sortimenter lagerten. Niemand hatte den Neulingen gesagt, dass sie die Daten selbst auf den Server laden müssen. Dieses Fehlen von Routine habe ihnen anfangs Schwierigkeiten bereitet. Andererseits wären sie flexibel, so ohne festgefahrene Strukturen. Und überhaupt, zwei Wochen dauere es nie, unabhängige Buchhandlungen riefen sogar gern direkt an. Obwohl der Internetgeneration zugehörig, wisse sie Buchhandlungen zu schätzen, denke auch an ein Praktikum im Buchladen.

Das Werbeversprechen von Binooki lautet: »Achtung! Klischeefreie Zone.« Dafür werden Klassiker und Neuerscheinungen gemischt. Der »Migrationsnachwuchs«, wie sie ironisch zitierend sagen, sei keinesfalls alleinige Zielgruppe, wenn auch die zweite und dritte Generation ebenso zum angepeilten Publikum gehören wie deutsche Leser. Die Auswahl besorgen die Verlegerinnen selbst, entscheidend ist, was sie gern lesen. Mit dem Wort von der »klischeefreien Zone« sei gemeint, dass die Geschichten jüngerer türkischer Autoren sehr wohl auch anderswo spielen könnten. Wels drückt mir den Roman »Der Begleiter« von Yazgülü Aldoğan in die Hand, den ich in einer Nacht durchlese. Die Geschichte der Liebe zwischen einer Karrierefrau und dem Angestellten eines Escort-Service ist ein fabelhafter Schmöker mit wenig Bodenhaftung. Bürhaniye meint, er zeige, dass es auch in der Türkei Frauen gibt, die anders leben als das Klischee will. Natürlich, das sei leichte Literatur, anders als Oğuz Atay, den türkisch zu lesen selbst für Muttersprachlerinnen nicht einfach sei. Serbes’ »Behzat Ç.« wiederum ist ein Held, mit dem man sich nicht gern identifizieren mag, wenn er sich durch die gewaltvollen Strukturen von Polizei und Geheimdienst bewegt, die auch sein privates Leben tangieren. Es gibt auch in Deutschland nicht viele Autoren, die so spannend und politisch schreiben und dabei Männlichkeit so kritisch beleuchten wie Serbes.

Selma Wels mag sich mit Klischees gar nicht so sehr befassen: »Ich werde immer gefragt, was meine Familie dazu sagt, dass ich mit einem Deutschen verheiratet bin. Ja, was soll sie denn dazu sagen!« Menschen konfrontierten sie mit Ehrenmord und Zwangsehe, sie aber kenne solche Verhältnisse nicht. Sie sind freilich auch das Letzte, woran man denkt, wenn man den zwei berufstätigen Frauen, Unternehmerinnen gegenübersteht, die sich von anderen höchstens dadurch unterscheiden, dass sie besonders engagiert sind. Muss man wirklich erst betonen, dass sie den Vorurteilen nicht entsprechen? Stimmt, darüber kann man mal selbstkritisch nachdenken.

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