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Die guten Missionare aus dem All

Nein, ein ausgemachter Trekkie bin ich nicht, wenn ich auch eingestehen muß, daß ich regelmäßig beim Zappen hängenbleibe, wenn ich eine Episode von „Star Trek“ - deutsch:

Filmbib lothek

„Raumschiff Enterprise' - erwische. Anderen muß es wie mir gehen; wie sonst wäre zu erklären, daß meine Leipziger Studenten, mit denen ich seit Jahren in einem Seminar über Fernsehserien arbeite, sich sehr gern aus meinem Katalog von Referatsthemen jene über die Uralt-Weltraumserie heraussuchen. Ich hatte mir über die Gründe dafür noch nie ernsthafte Gedanken gemacht, bis ich auf dieses Büchlein stieß. Sein Autor Dave Marinaccio behauptet nämlich im Titel „Alles, was ich im Leben wirklich brauche, habe ich von Star Trek gelernt“ (im englischen Original: „AU i really need to know i learned from watching Star Trek“). Nun kenne ich die Behauptung des Medienökologen Postman gut, das Fernsehen entwickele seinen eigenen Lehrplan, sein „cussiculum“, der alle anderen Lehrpläne, die schulischen zumal,

außer Kraft setze. Aber ausgerechnet diese SF-Serie als Schule für das Leben?

Doch als ich mich dann in dem Büchlein des amerikanischen Werbemanagers (als solcher stellt er sich vor) festlas, konnte ich ihm nur wenig entgegenhalten. Rufe ich nicht auch immer dann „Beam me up, Scotty!“, wenn ich mich in einer schier ausweglosen Situation verfangen habe? 'Und was ist dieser Feststellung von Marinaccio entgegenzusetzen: „Große Leute reden über Ideen. Durchschnittliche Leute reden über Sachen. Kleine Leute reden über Personen. Eine ähnliche Unterscheidung ist bei Fernsehserien festzustellen. In Star Trek geht es um Ideen. In der Lindenstraße werden einzelne Personen vorgestellt. Star-Trek-Episoden behandeln Themen wie die Entfremdung von sich selbst in einer hochtechnisierten Gesellschaft. Seifenopern bestehen aus Klatsch und Tratsch.“? - Nichts ist dem entgegenzusetzen! Und so geht auch die weitere Beweisführung Marinaccios restlos auf.

Natürlich .sind einzelne nationalkulturelle Momente abzuziehen, die heute noch das

Leben in den USA von dem in Deutschland unterscheiden. Doch der Blick aus dem All auf die Erde, aus dem 25 Jahrhundert auf das zwanzigste, kann doch unsere eigene Sicht auf den Alltag schärfen. Marinaccio beweist dies anhand unterschiedlicher Alltagssituationen, von der Werbepräsentation vor einem Kardinal bis zur kulturellen Integration von nationalen Minderheiten, vom Altwerden bis zur „Political Correctness“. Seine Beispiele sind unwiderlegbar, weil aus

dem täglichen Leben bezogen, das in-Washington D.C., wo Marinaccio wohnt, nicht so anders zu sein scheint - von Details eben mal abgesehen - als in Berlin-Marzahn, wo ich zu Hause bin. Und eben auch nicht so grundverschieden vom Leben an Bord von NCC 1701 Enterprise, auf dem die Stammannschaft unter Captain James Tiberius Kirk seinen intergalaktischen Streifendienst tat, und auch nicht auf NCC 1791D, auf dem Captain Picard die „nächste Generation“ kommandiert. Denn die Mission der „Enterprise“ lautet unverändert, „neue Welten zu erkunden, neue Lebensformen und Zivilisationen aufzuspüren und mit kühnem Mut dorthin zu ziehen, wo noch niemand zuvor gewesen ist“ - Was tun wir anderes, wenn wir uns auf die Reise zu uns selbst begeben, uns selbst aufspüren und erkunden wollen: „Beam me up, Scotty!“

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