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Ein Jahr nach dem Friedensschluß macht die UNITA noch immer große Teile Angolas unsicher

  • Von GERHARD WENDORF
  • Lesedauer: 3 Min.

20 Jahren nach seiner Unabhängigkeit im November 1975 und ein Jahr nach dem abermaligen Friedensschluß zwischen Regierung und UNITA-Rebellen ist die einstige südwestafrikanische Volksrepublik noch weit von Stabilität und Aufschwung entfernt.

Foto: Reuter/Yves Herman

Savimbis große Geste in Brüssel

Bei der Militärparade in der Hauptstadt Luanda fehlten jene, die laut Abkommen von Lusaka (20. November 1994) eigentlich schon mitmarschieren sollten: Soldaten der rechtsgerichteten UNITA als Angehörige einer Armee der nationalen Versöhnung. Bis zu 50 000 Mann hält Jonas Savimbi noch unter Waffen. Die in der Hauptstadt des benachbarten Sambia beim Gipfel mit dem Staatspräsidenten und MPLA-Vorsitzenden Jose Eduardo dos Santos im Mai dieses Jah-

res bekräftigte Integration der UNITA-Armee FALA steht bislang nur auf dem Papier. Auch ihr Rückzug in dafür festgelegte Stützpunkte geht nur schleppend voran, wenngleich es auch hier nicht an Verbaloptimismus fehlt: Savimbi sicherte per Ehrenwort zu, seine Kämpfer würden sich bis Ende des Jahres an den Sammelstellen eingefunden haben.

Worthülsen sind typisch für diesen Kriegfrieden, wie er in Angola nun schon seit dem ersten, gescheiterten Versuch ei-

ner Beilegung der Kämpfe im Mai 1990 herrscht: Der UNI-TA-Chef hatte sein „Ich mache keinen Krieg mehr“-Versprechen bei einem weiteren Treffen mit dos Santos in Brüssel im September noch mit einer theatralischen Schwurhand unterstrichen. Doch seine Soldaten sorgen in weiten Teilen des Landes weiterhin für Angst und Schrecken. Miguel Nzau Puna, einst enger Mitarbeiter Savimbis und derzeit Vorsitzender der UNITA-Dissidentengruppe Demokratische Tendenz meint, es gebe für die Menschen nahezu keinen Unterschied zu der Lage, wie sie vor der Unterzeichnung des Lusaka-Abkommens bestand: „Irgend etwas läuft schief im Friedensprozeß.“

Da gibt es 37 Tote nach einem Überfall der UNITA in der Nähe der südlichen Provinzhauptstadt Benguela, dann wieder entführen Savimbis Mannen südafrikanische Entwicklungshelfer in der Provinz Luanda-Norte. Oder die Provinzregierung der relativ prosperierenden Landwirtschaftsprovinz Huila vermeldet, die UNITA habe die bereits geräumten Verbindungswege zwischen Lubango und einigen Kreisstädten erneut vermint. Dann wieder liefern sich UNI-TA-Gruppen mit den Separatisten im Norden der Erdöl-Exklave Cabinda heftige Kämpfe um die Vorherrschaft. Die derzeit rund 5000 Angehörigen der UN-Friedenstruppen UNA-VEM III können angesichts der gewaltigen Ausmaße des Ter-

ritoriums wenig mehr tun, als die Verstöße zu registrieren.

Savimbi selbst sitzt derweil in seinem neuen Hauptquartier im zentralangolanischen Bailundo. Er weigert sich bislang, nach Luanda zu kommen und wie vereinbart sein Amt als Vize-Präsident anzutreten. „Vielleicht im Dezember“, hieß es dazu aus Bailundo. Ganz unbegründet ist Savimbis Furcht vor der ihm eher fremden Hauptstadt nun auch wieder nicht: Erst kürzlich war sein Militärchef Arlindo da Pena „Ben Ben“ in Luanda einem Attentat entgangen. Mögliche Täter oder Hintergründe sind bislang nicht bekannt. Doch die meisten Hauptstädter vergehen nicht gerade vor Sympathien für die UNITA. Deren Putsch nach dem Debakel bei den ersten freien Wahlen vom September 1992 hatte die Stadt mehr verwüstet, als dies wiederholte Bombenanschläge oder die konsequente Schlamperei der Bürgermeisterei vermochten.

So ist nach wie vor unklar, wann das Zehn-Millionen-Volk zwischen Cabinda-Provinz und Cunene-Fluß tatsächlich wieder normal leben kann. Wohl gibt es Hoffnung: Die Ölquellen von Soyo, nächst der Exklave zweitwichtigste Devisenquelle Angolas, sollen, zwei Jahre nach der Zerstörung der Bohrtürme durch die UNITA, ab Januar wieder sprudeln. Und wenn potentielle Nachkriegsgewinnler aus dem Ausland sich in Luanda die Klinke in die Hand geben, muß auch etwas für uns herausspringen, meinen die meisten. Doch Furcht gibt es eben auch - daß der Kriegfrieden zum endemischen Zustand wird.

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