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  • Politik
  • Kolik von Reinald'Goetz im Leipziger Schauspielhaus

Blick zurück in Angst

Es ist, als ob einer ein Fenster aufreißt und nach Luft ringt« - so hatte der Schauspieler Jürgen Holtz den besonderen Gestus der Monologstücke von Reinald Goetz beschrieben. Parallelen zum unglücklichen Heinrich von Kleist geraten ins Blickfeld. Vor gut 200 Jahren hatte der seine Lebensangst so beschrieben: »Meine Seele ist so wund, daß mir, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut«.

In »Katarakt« und »Kolik«, jenen verwirrend bruchstückhaften Wortkaskaden, die jeweils am Ende großangelegter Trilogien stehen, entlädt sich das »entsicherte Ich« wie der Autor in seinem Roman »Irre« die in den Wahnsinn freigesetzte Psyche des Menschen nennt - in einem expressiv atemlosen Bilanzgestammel des am Leben verzweifelten einzelnen.

In »Katarakt« bleibt - nachdem der Autor im Hauptstück »Festung« mit vielfachen, sich überlagernden Erinnerungsund Assoziationssplittern das Unbegreifliche des Holocaust ins Bild zwingen wollte - ein alter Mann übrig, der sich in 11 Kapiteln durchs Leben redet - über Kunst und Sex nachsinnt, über Krankheit und Moral, das Ökonomische und den Tod.

In der Leipziger Inszenierung von »Kolik«, dem Endstück der »Krieg«-Trilogie, steht am Anfang eine sich wild auftürmende Wortkaskade: »Hirn, Dreck, Mann, Zeug, Scheiß, Hund, Dreck!« Da duckt sich einer unter den Schmerzen des Erinnerns, und treibt sich an, »da raus« zu kommen - aus dem Gefängnis einer selbstzerstörerischen Lebensbilanz.

Von Angst und Haß getrieben, blickt ein Verlorener und Beladener auf die hochgesteckten Ziele, die unerfüllten Hoffnungen, die nicht genutzten Möglichkeiten und nicht gelebten Leidenschaften eines unnützen Lebens. Assoziationen und erinnerte Ereignisse schieben sich ineinander, dem Zuschauer wird eine Art der Wahrnehmung abverlangt, die er beim allabendlichen »Zappen« zwischen den Fernsehkanälen hinlänglich trainiert hat. In Leipzig hat Regisseurin Dagmar Borr-

mann zusammen mit dem Darsteller Michael Mechel versucht, den wüsten Wortzertrümmerungsorgien des Autors so etwas wie Logik und Kausalität abzugewinnen. Ein immer wieder Zuflucht in der Wodkaflasche suchender einsamer Mann blickt zurück. Dem Entsetzensschrei des Anfangs folgen Momente der Entspannung und der trügerischen Hoffnung. Vom »Anfangen« spricht der Mann, und kurzzeitig beginnen seine Augen zu leuchten.

Wenn ihm dann ein fiktiver Dialogpartner die Aufforderung zur »Ich-Errichtung« gibt, betrachtet er mit banger Zuversicht die Schattenumrisse seiner Gestalt auf grauer Rückwand. Das kurze Glück bei der Erinnerung an die Zauberkräfte der Musik weicht dem Katzenjammer des Enttäuschten. Die Harmonien verstummen, und auch all die anderen Welterklärungsmodelle geben keinen Halt. Selbst die so hoffnungsvoll betriebene experimentelle Wissenschaft verkommt zum »totalen Labor« und also zur Leblosigkeit. Der Rest ist Verzweiflung.

Verloren sitzt Mechel auf der Bank und sieht sein Ende nahen. Nachdem er durch viele Lebensstationen und Gemütslagen gehastet ist, verläßt ihn der letzte Rest von Kraft. In seine Jacke hatte er sich eingeschnürt, vor einem fiktiven Vorbeter war er in Deckung gegangen und hatte sich seiner mit angedeuteten Faustschlägen entledigt; und als es um die angebliche Macht des Glaubens gegangen war, hatte er sich mit selbstzerstörerischer Lust trotzig all die falschen Glücksverheißungen eingeredet, die ihm im Laufe seines Lebens suggeriert worden waren.

Mechel überzeugt vor allem in diesen Momenten - wenn er, ein Bild der Hoffnungslosigkeit, illusionslos zurückblickt und gleichsam seinem Ich gegenübertrittt. In seinen Ausbrüchen und Haßattacken aber überträgt sich darstellerische Angestrengtheit auf den Zuschauer

Insgesamt jedoch eine klar gegliederte mit großem inneren Engagement inszenierte und gespielte erste Begegnung mit einem der wesentlichen deutschen Gegenwartsautoren.

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