Chat mit Freitag

Ernst Augustin: »Robinsons blaues Haus«

Zum Ende hin hat man den Eindruck, als habe Kafka einen Krimi geschrieben, denn Ernst Augustins neuer Roman scheint genau darauf hinauszulaufen. Aber was nicht noch alles?! Es ist eine Parodie oder vielmehr Travestie des Abenteuerromans, nämlich »Robinson Crusoe«, unter postmodernen Bedingungen und in aktuellen Zeitläufen, aber auch ein Bildungs- und Entwicklungsroman, nicht zu vergessen - eine Liebesgeschichte.

Thomas Hilprecht jr. heißt der Ich-Erzähler, dessen Vater bereits - wie der Sohn erst spät merkt - mit kriminellen Geschäften als Geldwäscher ein Vermögen gemacht hat. Ein Vermögen, das der Sohn nicht nur erbt, sondern durch windige Geschäfte und Spekulationen um ein Vielfaches zu vermehren versteht. Dadurch wird er selbst zum Gejagten. Man weiß nur nicht genau von wem, einmal ist's ein älterer Herr, dann tauchen zwei finstere Gestalten auf, die Brüder Karamasoff. Hilprecht, ohnehin seit Kindstagen gewohnt, dauernd an anderen Orten zu wohnen, reist fortan durch die ganze Welt. Einmal teilt er in einem Brief mit, er komme sich als ein Mann vor, »der sich nirgendwo befindet.« Das heißt eben umgekehrt auch wieder: überall - in Grevesmühlen und Lüttich, London und an der Südsee, schließlich in New York und am Ende irgendwo in südlichen Gefilden, auf seiner Insel »Skull Island«.

Eine Existenz, hinter der man die parodistische Verzerrung eines modernen Geldhais spüren kann, verbunden mit der Sehnsucht, ihren eigenen Raum zu finden. Hilprechts einzige und wesentliche Kommunikationsform ist das Chatten. Aus Zufallslaune legt er sich den Namen »Robinson Crusoe« zu. Und siehe: Es begegnet ihm »Freitag«. Mit diesem »Freitag« tauscht er sich aus. Bis - und das treibt die Handlung dieses rund um den Globus spielenden absurden und zuweilen höchst komischen Romans voran - »Freitag« einmal »Robinson« kennenlernen will.

Es kommt, wie's in solchen Fällen kommen muss: nämlich zum Verpassen beim verabredeten Termin, weil urplötzlich eine schöne Frau auftaucht und »Robinson« entflammt. Die Groteske steigert sich noch: Hat es zunächst den Anschein, als sei diese Schöne, wie sie ihm per Chat offenbart, doch Freitag, kommt es schließlich zum Showdown, denn es ist vielmehr der nette, kleine ältere Herr, der dies alles nur inszeniert hat.

Um den Kriminellen zu jagen und zu überführen? Wer weiß. Dem Showdown folgt ein Abspann, das Ende Hilprechts auf seiner Insel, wo er Jahr für Jahr ausharrt und - à la Robinson - Ausschau nach vorüberfahrenden Touristen hält. Bis wiederum jener nette, kleine ältere Herr da ist und ihm das Angebot unterbreitet, per Tastendruck (erase all!) alles rückgängig zu machen: »Alle Verbrechen und alle Vergehen, alle Bankkonten und Depots, sämtliche Anbindungen, Vernetzungen und Verquickungen mit all dem Geld auf dieser Welt.« - Ein aberwitziges Buch, ein fulminanter Roman und ein großes Lesespektakel.

Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus. Roman. C. H. Beck. 319 S., geb., 19,95 €.

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