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Narren an die Macht

Ernst Kreneks Märchenoper »Das geheime Königreich« in Dresden

Diesem Opus einen »Blick ins Zentrum der Macht« zuzugestehen, wie in der Semper-Zeitschrift geschrieben steht, ist übertrieben. Dazu ist der Stoff dieses Einakters zu billig. Nicht weil ein Märchen abgehandelt wird, darin kann sich eine ganze Welt zeigen, wohl aber, weil diese Oper eher Medium der Zerstreuung ist als tief schürft.

Krenek dürfte sich darüber im Klaren gewesen sein. Als er 1926 »Das geheime Königreich« komponierte, entstand auch sein Welterfolg »Jonny spielt auf«, worin er viel Kraft investiert hat, was sich allemal lohnte und manch überzähliges Material abwarf. Krenek vernichtete beileibe nicht, sondern hantierte stilistisch damit auch bei seinen »Drei Einaktern«, wie er sie nennt, in deren Mitte »Das geheime Königreich« steht. Die wurden seither - wenn überhaupt, Glanzstücke sind sie nicht - fast immer in einem Pack gespielt. Und das schien gerechtfertigt. Denn jedes der Stücke handelt von Macht und Kraft. Wer erkämpft, ergaunert sich den größten Vorteil?

Die Nummer eins heißt »Der Diktator« und musikalisiert eine blutige Mordsgeschichte aus dem Privatleben eines Herrschers, zielend auf Mussolini, seinerzeit die abscheulichste Spezies unter den Diktatoren. Der Dritte karikiert einen Schwergewichtler, aufgreifend den zeitgenössischen Slogan, dass Sport (Boxen) weit über der Kultur und Wissenschaft stehe. Das klingt, als hätten die Arbeiten ihr Echo im Heute. Warum hat man sie in der Dresdner Spielstätte »Semper 2« nicht zusammen aufgeführt?

Nicht unwichtig: In der damaligen politischen Szenerie lief gerade die Debatte um die Fürstenenteignung (leider scheiterten die entsprechenden Referenden), die Regierung klagte lauthals über die ungerechten (kaum geleisteten) Reparationszahlungen, die der Versailler Vertrag Deutschland aufgezwungen hätte, eine Machenschaft, von den besitzenden Klassen als schlau und patriotisch goutiert. Hinzu kommt: Krenek, damals voll im Theaterbetrieb beschäftigt (Kassel, Wiesbaden, Leipzig, Hamburg), war »der ganzen Theaterarbeit müde und wollte in erster Line allem entkommen«.

Etwas davon ist in die drei Einakter eingegangen und zugleich nichts davon. Die Messerschärfe eines Brecht hatte Krenek, der die Libretti selbst schrieb, nicht. Sein Märchen vom »Geheimen Königreich« ist harmlos und die Inszenierung von Manfred Weiss in Semper 2, scheint noch harmloser.

Einzig die Musik entschädigt. Ein Kammerorchester mit Horn, ohne Trompete und Posaune, musiziert locker, sehr gestisch, auch witzig (Dirigent Mihkel Kütson). Einheitlichen Stil meidet sie. Tänze melden sich, auch instrumentierte Choräle und Rezitative, die chorische Überzeichnung. Der schrullige Walzer geht so sehr ab wie stilisierte Jazzformen, sehr zurückhaltend allerdings (in der »Jonny«-Oper ist viel mehr davon drin). Musik, klar geformt, polystilistisch, konvergiert mit den Sängerinnen und Sängern, parodiert, persifliert auch den Abhub von gängiger Oper.

Auf dem Bühnenpodium prangt ein Riesensessel. Das ist der Königsstuhl, einsames Symbol der Macht, die der ältliche, wabrige, machtschwache König nicht mehr ausüben will. Er wolle dem Elend der Straße die Ehre geben, und so elend singt er auch (Hans-Joachim Ketelsen). Der Regierende drängt zu den Regierten. Welch Witz, schießt es aus dem Munde seines Narren, der hämisch lacht und lustig singt (Alexander Hajek). Und da ist die Königin. Die will selber die Macht. Kriegt sie aber nicht, weil der Narr sie bekommen hat, der soll den König vertreten.

Die dreiste König, Frau mit Zähnen und Klauen und einem wunderbaren Sangesorgan (Norma Nahoun), schäumt nun vor Wut, und die geht auf die anmutigste, klangvollste, überraschendste Weise in ihre Koloraturen ein. Die sind wahrlich halsbrecherisch. Sie laufen so, wie die Girlanden zu Silvester über alle Tische und Köpfe sausen. Auf die Krone ist genauso scharf der Rebellenführer, Abziehbild ein Che (Mert Süngü). Mit Dolch in der Hand, wie die Helden bei Verdi, Puccini oder Bellini, entzückt ihn das Fleisch der Königin so sehr wie der klapprige Stuhl. Dann Tumult, alle fliehen. Rebellentum der üblen Sorte regiert. Scheinproletarier, dreckbeschmiert, proben den Aufstand. Ohne Kampflied auf den Lippen.

Der König irrt nun in Narrenkleidern durch den Wald, zwei weitere Che-Typen mit Schnapsflasche in der Hand lassen diesen Idioten unbehelligt. Und schließlich: ausgerechnet der Anblick der Natur läutert den Jammerlappen von Herrscher. In deren Schönheit erkennt er sein wahres Königreich. Welch ein Kitsch. Alles nur ein Spiel, tönt der Narr, wie Falstaff bei Verdi, am Ende.

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