Von der Grünen Insel

Irland mit einem Festival im English Theatre Berlin

Es kommen auch mal gute Dinge aus Brüssel. Dank der EU-Präsidentschaft Irlands gibt es Gelder, um irische Kultur in Europa bekannter zu machen. Das English Theatre Berlin hat dankend zugegriffen und sich den lang gehegten Wunsch erfüllt, ein ganzes Programmpaket irischer Theater- und Performancekunst nach Berlin zu holen. »Seit einigen Jahren verfolge ich schon die irische Szene. Da gibt es wirklich interessante Gruppen, die bislang von den internationalen Festivals jedoch weniger beachtet wurden. Uns hat immer das Geld für Gastspiele gefehlt«, erzählt Günther Grosser, Leiter des ETB und Kurator des Festivals, dem »nd«. Nun gibt es vom 9. bis 18. Mai »The Full Irish«.

Drei programmatische Linien zeichnet Grosser vor, die so auch die Realität zeitgenössischen Theaters in Irland abbilden: »Es gibt die immerwährende Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition, eine Beschäftigung mit postdramatischen Formen und ein Nachdenken darüber, was das aktuelle, von Einwanderung statt Auswanderung geprägte Irland denn ist.«

Die letzten beiden Ansätze - das postdramatische Instrumentarium und die migrantischen Themen - finden dabei oft zusammen. Als wichtige Protagonisten dieses Bereichs sind die Gruppen Brokentalkers und The Company auf dem Festival präsent. Brokentalkers, bereits häufig prämiert auf der Grünen Insel, sind dafür bekannt, atmosphärisch sehr dichte Performances zu schaffen. In »Have I No Mouth« (16.-18. Mai) wird anhand einer Mutter-Sohn-Beziehung ein Familiendrama aufgearbeitet. Das bislang bekanntere Stück »The Blue Boy«, eine Gespenstergeschichte aus Dublin, war in einer Form von »The Full Irish extended« in Berlin im April während des Festivals »Augenblick mal!« im Theater an der Parkaue zu sehen.

»As you are now so once were we« von The Company (9., 10. Mai) erkundet mit filmischen Mitteln und dank der virtuosen Verwendung von Pappkartons Dubliner Alltag - und knüpft damit an die »Ulisses«-Thematik des berühmten Iren James Joyce an.

Ein sehr kraftvoller und erdverbundener Beckett-Interpret ist Conor Lovett. »Er hat vielleicht nicht als Erster den Humor bei Beckett herausgearbeitet. Aber er macht es am überzeugendsten«, meint Grosser. Lovett ist in »First Love« (12. und 13. Mai) zu sehen. Er trifft während des Festivals auch auf den langjährigen Beckett-Assistenten Walter Asmus. Für alle Beckettianer ist dieses Gipfeltreffen (11. Mai) ein Muss. Läuft das Festival gut, strebt das ETB einen zweijährigen Rhythmus für eine Fortsetzung an und will auch in den Jahren dazwischen mit mindestens einem Gastspiel die irische Plattform am Leben erhalten.

Nach der Expat-Messe, die in Berlin lebende englischsprachige Performer zu einem sehr abwechslungsreichen Markt versammelte, ist das irische Theaterfestival ein weiterer Höhepunkt dieser Saison. Für die Lesungen neuer irischer Dramatik - neben dem bekannten Enda Walsh auch Gary Duggan, Carmel Winters und Roddy Doyle - meldeten sich mehr als 30 irische Performer. Das Theater wird seiner Rolle, Plattform englischsprachiger Künstler in dieser Stadt zu sein, wieder besser gerecht. Zum Nutzen auch der angestammten Berliner übrigens.

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