Die langen, trüben Pausen

Mehr als ein Dokumentarfotograf: Steve McCurry in Wolfsburg

  • Martina Jammers
  • Lesedauer: 5 Min.

Die ehrwürdige Fotoagentur Magnum nahm Steve McCurry 1986 in ihre Reihen auf. Einer ihrer Gründer, Henri Cartier-Bresson, zählt neben Dorothea Lange und Walker Evans zu McCurrys Leitsternen. Deren Interessen für die Nicht-Privilegierten und Abgehängten sowie den Willen zum Dokumentarischen teilt der 1950 in Philadelphia geborene Fotograf unbedingt.

Ein Foto ging 1985 um die Welt. Frontal blickt uns ein afghanisches Mädchen mit irritierend hellgrünen Augen an, die Anmut und Verstörung zugleich vermitteln. Die renommierte Zeitschrift »National Geographic« hatte es auf ihr Cover gesetzt und mit einem Schlag dem ganzen Elend, aber auch der Schönheit des kriegs- und terrorgeschüttelten Landes am Hindukusch ein Gesicht gegeben. Steve McCurry - heute einer der gefragtesten Fotografen der Welt - hatte diese Aufnahme im Schulzelt eines Flüchtlingslagers geschossen. Seine Karriere begann, als er 1979 zur Zeit der sowjetischen Invasion die Grenze von Pakistan nach Afghanistan überwand. Die ersten Aufnahmen aus dieser Krisenregion stammen von ihm.

Sowjetische Helikopter hatten das Dorf und die Familie des zwölfjährigen Mädchens ausgelöscht, sodass es gezwungen war, zwei Wochen lang durch die unwegsame Gebirgswelt zu irren. Dieses Bildnis zählt zu den meist reproduzierten Fotografien der letzten Jahrzehnte. Selbst auf Vasen und Tätowierungen ist es bis heute ein gefragtes Motiv. Ja, es avancierte gar zur »afghanischen Mona Lisa«. Bemerkenswert ist die perfekte Komposition: Das Sienarot des zerrissenen Kopftuchs wie das Genueser Grün des Unterkleides und des Hintergrundes kontrastieren nicht nur sehr effektvoll, sondern finden sich exakt in den paralysierenden Pupillen des gehetzten Mädchens wieder.

Das Oszillieren zwischen unübersehbarer Härte des Daseins und der Verzauberung ist typisch für die Bilderwelt McCurrys. Unbekannte Gesichter, gemischte Gefühle - das macht seine Fotografien aus. Das Wolfsburger Kunstmuseum zeigt derzeit 112 Bilder McCurrys. Der Schwerpunkt wurde auf die Asien-Sujets seines Werkes gelegt.

Nach dem Studium der Filmwissenschaften entschied Steve McCurry sich endgültig für die Fotografie und arbeitete bei einer lokalen Zeitschrift in Pennsylvania. Ende der 1970er Jahre kündigte er und trat seinen ersten Trip als freier Fotograf nach Indien und Afghanistan an. Um nahe an den Menschen zu sein, verkleidete er sich als Mudjaheddin-Kämpfer. »An Asien fasziniert mich die Tradition der Kultur und ihrer Religionen. Zudem ist die Landschaft ausgesprochen dramatisch«, erklärt McCurry seine Faszination für diesen Kontinent. Was ihn am meisten an asiatischen Welten gegenüber den westlichen reizt, ist, dass sich elementare Vorgänge in aller Öffentlichkeit abspielen: das Essen, die Versorgung, das Baden, das Beten, oft sogar das Schlafen: ärmlich, auf der Parkbank.

Archaisch mutet der Goldene Fels von Kyaikto in Myanmar an, vor dem eine Handvoll Mönche beten. Er gilt als eine der heiligsten Stätten in Myanmar und wird angeblich nur von zwei Haaren Buddhas daran gehindert, in den Abgrund zu rollen. McCurry hat 1994 die Kolossalität des von Pilgern mit Blattgold beklebten Granits betont, indem er die auf ihm sitzende Pagode gekappt hat. Im Abglanz des Sonnenuntergangs leuchten der mystische Stein und die kirschroten Gewänder auf wie eine Erscheinung. Solche Aufnahmen geschehen mitnichten en passant: Tagelang hat der Fotograf auf diesen Moment gewartet und an die 100 Filme belichtet, bis sich endlich zehn Minuten nach Sonnenuntergang drei Mönche genau in der Reihenfolge ihrer Größe aufpflanzten.

Überschwänglich flitzt ein Junge barfuß im indischen Jodhpur in eine Kurve zwischen Häuserwänden, die eigentümlich mit roten Handabdrücken versehen ist: Hinweis auf die schaurigen 15 roten Hände an den Fortmauern dieser Stadt, die von den Witwen des Maharadschas Man Singh stammen, ehe sie in den obligaten Freitod ihrer Verbrennung gingen. Das letzte Mal angeblich 1953.

Wenn McCurry behauptet, dass er sich all seine Bilder auch in Schwarz-Weiß vorstellen kann, so befremdet dies, gilt doch die brillante Leuchtkraft seiner Farben gerade als sein Markenzeichen. Ihn darauf zu reduzieren, wäre indes ungerecht: »Nur weil jemand einen bunten Turban trägt, ist es noch kein interessantes Foto.«

McCurry hat einen Sinn für die Tücken des Alltags. Und selbst wenn manche Szenen kurios scheinen, gibt er niemals die Würde des Einzelnen preis. Man könnte dem Fotografen vorwerfen, dass er die prekären Verhältnisse allzu kulinarisch aufbereitet, wenn es nicht auch seine oft preisgekrönten Fotos gäbe aus den Krisengebieten Asiens. Humpelnde Landminenopfer in Herat fängt er ebenso ein wie während des Golfkriegs herumgeisternde Kamele, die inmitten brennender Ölfelder nach Wasser suchen, von Öllachen trinken - und verenden.

Problematisch scheint die Idee der Kuratorin, die Fotos chronologisch zu präsentieren. So stehen betörend schöne Tibetlandschaften neben Trümmern und Leichen in Kabul. Doch entspricht dieser harte Kontrast der kruden Realität. Wie schnell und schmählich wurden die Buddha-Statuen von Bamiyan zu Fall gebracht, ebenso wie die Altstädte Aleppo und Damaskus.

Zwei Mal wurde McCurry im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet festgenommen, geriet häufiger in Bombenattacken oder Artilleriefeuer. Ein Hasardeur ist der Dokumentarist, der neun Monate im Jahr unterwegs ist, dennoch nicht. »Zweifellos war ich kein Kriegsberichterstatter«, resümiert McCurry, »denn die eigentlichen Ereignisse waren längst abgekühlt, wenn ich ankam. Stärker als das Drama haben mich die langen, trüben Pausen angezogen, die Flauten des Lebens.« Dem Fotografen schwebt ein Menschenbild vor, dem schon Cartier Bresson oder Edward Steichen in seiner »Familiy of Man« huldigten: die Verpflichtung auf humanitäre Ideale über Religions- und Kulturgrenzen hinweg.

Immer wieder wurde er nach der Identität des geheimnisvollen Mädchens mit den gesprenkelten Augen angesprochen. Siebzehn Jahre später war es so weit. Die nunmehr 29-jährige Sharbat Gula konnte dank eines biometrischen Verfahrens eindeutig verifiziert werden. McCurry nahm sie noch einmal auf, mit dem Foto ihres Flüchtlingsdaseins von damals in der Hand. Wir erblicken eine abgehärmte, vom Leben gezeichnete Frau mit knochiger Nase. Sie konnte zwar in ihre Heimat zurückkehren, doch das einstige Feuer der magischen Mona Lisa ist erloschen.

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